Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.9.2019

Ein Wanderer zwischen den Welten
Zum 125. Geburtstag von Propst Heinrich Grüber (letzter Teil)

von Torsten Lüdtke

Foto: Wikipedia

Im Dezember 1940 kam Grüber ins KZ Sachsenhausen. Bei der Ankunft in Sachsenhausen wurde Grüber durch SS-Leute misshandelt und brutal zusammengeschlagen, so dass er dabei einen Teil der Vorderzähne verlor. In Sachsenhausen war Grüber rund ein halbes Jahr inhaftiert; in dieser Zeit war er sowohl Blockältester, aber auch Dolmetscher für niederländische und flämische Sprache sowie Seelsorger der Gefangenen.

1941 wurde Grüber schließlich zusammen mit anderen Häftlingen aus Sachsenhausen in einem mehrtägigen Gefangenentransport in das "Musterlager" Dachau gebracht, wo er im "Pfaffenblock" des KZ Dachau als Häftling Nr. 27832 (über)lebte. In beiden Lagern lernte Grüber sozialdemokratische und kommunistische Häftlinge kennen, die – nach 1945 in Berlin mit administrativen Aufgaben und Positionen betraut – zu seinen Verhandlungspartnern werden sollten. In Dachau, wie zuvor schon in Sachsenhausen, kam es durch das Zusammentreffen zahlreicher Geistlicher aus den unterschiedlichsten Konfessionen Deutschlands und den durch Deutsche besetzten Ländern zu herausragenden ökumenischen Verbindungen.

Durch andauernde Bemühungen seiner Frau und seines Schwagers Ernst Hellmut Vits, der eine führende Rolle in der Industrie spielte, gelang es, für Margarete Grüber und ihren Sohn Hans-Rolf eine Besuchs-erlaubnis für das KZ Dachau zur Besprechung "wichtiger Familienangelegenheiten" zu erhalten. Letztlich wurde es im Juni 1943 auch möglich, die "probeweise Entlassung" Grübers aus dem KZ zu erreichen.

Nach einem längeren Aufenthalt auf dem Gut Schmenzin in Pommern konnte Grüber unter strengen Auflagen sein Pfarramt in Kaulsdorf wieder aufnehmen. In Kaulsdorf erlebte er auch den Kampf um Berlin mit; am 22. April 1945 sammelte er Unerschrockene um sich, um der Roten Armee mit weißen Fahnen entgegenzugehen, in der Hoffnung, dadurch Blutvergießen verhindern zu können. Daneben war er als Seelsorger in den letzten Apriltagen durchgängig und umfassend für seine Gemeinde tätig gewesen. Als "Mann der ersten Stunde" übernahm er vorübergehend das Amt eines Bürgermeisters von Kaulsdorf und damit auch die politische Verantwortung für die Gemeinde. In dieser Funktion verhandelte er mit dem sowjetischen Generalobersten Nikolai Bersarin, über Lebensmittel und Wiederaufbaumaßnahmen. Bald kamen neue Aufgaben auf Grüber zu: Am 17. Mai 1945 wurde er stellvertretender Leiter des Beirats für Kirchenfragen beim neugebildeten Berliner Magistrat. Der Beirat war eine ganz eigene Konstruktion, denn Vertreter der beiden christlichen Konfessionen und der Jüdischen Gemeinde übernahmen darin – bis 1947 – paritätisch die amtliche Regelung der kirchlich-staatlichen Beziehungen. Zur Erfüllung dieser Aufgabe erhielt Grüber am 21. Mai 1945 einen zweisprachigen, russisch-deutschen Passierschein, der alle sowjetischen Militärangehörige anwies, Grüber zu unterstützen und sein Fahrrad von der alltäglichen Beschlagnahmung auszunehmen, damit er sich in der Stadt überhaupt fortbewegen könne. Im Juni 1945 gehörte Grüber zum Gründerkreis der Christlich Demokratischen Union Deutschlands, ohne dass er den Gründungsakt der Partei persönlich und formell mitvollzog.

Im Krankenhaus Bethanien eröffnete Grüber die "Evangelische Hilfsstelle für ehemals Rasseverfolgte", die 1949 in geeignetere Räume in der Zehlendorfer Waltraudstraße umzog, und auch Grübers zogen endgültig nach Dahlem. Seitdem pendelte Grüber morgens von Berlin (West) zur Arbeit in das Gemeindehaus der Marienkirche in der Bischofstraße in Berlin (Ost), wo er als Propst seinen Amtssitz hatte.

Am 15. Juli 1945 ernannte Otto Dibelius, der vorübergehend die Kirchenleitung übernommen hatte, Grüber zum Propst an St. Marien und St. Nikolai. Für Dibelius war Grüber mit seinen guten Kontakten zu kommunistischen Häftlingsgenossen in den Ost-Berliner Regierungsstellen eine wichtige und nützliche Persönlichkeit, für Grüber bedeutete die Stellung als Propst ein traditionell angesehenes Amt, wie auch eine leitende Position. Die Amtseinführung fand am 8. August 1945 in der noch durch Kriegseinwirkung gezeichneten Marienkirche statt.

Zunächst konnte Grüber als Generalbevollmächtigter des Rates der EKD noch Repressionen – wie z.B. gegen die Junge Gemeinde – abmildern, doch wurde seine Stellung zunehmend unsicher. Im Jahr 1953 fiel Grüber durch eine politische Predigt erstmals negativ auf. Die Situation Grübers verschärfte sich zusehends, bis er – kurz nach dem Tod Otto Nuschkes – im Mai 1958 durch die Regierung der DDR endgültig fallengelassen wurde. Mit dem Mauerbau im August 1961 wurde Grüber die Wahrnehmung seiner Aufgaben als Propst unmöglich.

In dieser Zeit setzte sich Grüber für eine christlich-jüdische Verständigung ein; so gehörte er der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin e. V. an, deren Gründungs- und Kuratoriumsmitglied er war. 1961 sagte er als einziger Nicht-Jude beim Eichmann-Prozess öffentlich gegen den Angeklagten aus. 1966 wurde er zum Ehrenpräsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ernannt.

Im Jahr 1968 veröffentlichte Grüber eine lesenswerte Autobiographie mit dem Titel "Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten", der viele Passagen dieses Textes folgen. Am 25. Jahrestag der deutschen Kapitulation, dem 8. Mai 1970, erhielt Grüber die Ehrenbürgerwürde von Berlin. Am 29. November 1975 starb Heinrich Grüber in Berlin an Herzversagen. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Evangelischen Friedhof der Domkirchengemeinde (Berlin, Müllerstraße). Sein Grab ist eine Ehrengrabstelle des Landes Berlin.

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