ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Oktober 2016

22.7.2019

Zum Monatsspruch für den Oktober
Der theologische Artikel

von Björn Sellin-Reschke


Foto: GEP

Das neue Kalenderjahr beginnt am 1. Januar – das wissen schon die Kinder. In der Kirche hingegen können wir noch ein weiteres Mal den Schritt in ein neues Jahr feiern: denn für uns beginnt ein neues Kirchenjahr jeweils mit dem 1. Advent. Die Vorbereitungen und die Vorfreude auf Weihnachten bilden eine deutliche Zäsur, einen neuen Anfang.

2016 allerdings bricht für uns des Weiteren ein besonderes Jahr schon im Oktober an! Mit dem 31. Oktober – dem Reformationstag! 12 Monate lang gehen wir dann auf das große Reformationsjubiläum zu, das am 31. Oktober 2017 seinen Höhepunkt findet. Dann wird es 500 Jahre her sein, dass Martin Luther seine berühmten 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg heftete. Eine Vielzahl von größeren und kleineren Veranstaltungen wird sich in den kommenden 12 Monaten mit der Reformation beschäftigen. Es wird einen großen Evangelischen Kirchentag im Mai 2017 in Berlin und Wittenberg geben. Eine Wanderausstellung zur Reformation geht durch ganz Europa. Hier im Kirchenkreis Steglitz startet mit dem 31. Oktober 2016 eine Predigtreihe, die sich über das ganze kommende Jahr erstreckt, mit verschiedenen Gedanken der Reformation. Und auch in unserer Gemeinde Petrus-Giesensdorf planen wir derzeit auf theologischer und kultureller Ebene, Akzente zur Reformation zu setzen.

Da passt es gut, dass der Monatsspruch für diesen Oktober ein Thema aufgreift, mit dem sich Martin Luther in besonderer Weise beschäftigt hat: das Thema "Freiheit". Lesen wir den Monatsspruch aus dem 2. Korintherbrief für sich allein genommen, könnte zunächst der Eindruck entstehen, hier wird Freiheit in einer Art und Weise beschworen, wie es in unserer Gesellschaft ganz allgemein dem Zeitgeist entspricht: "Je freier, desto besser" – so scheint in vielerlei Hinsicht in unserer Gesellschaft die Devise. Viele Menschen wollen sich nicht mehr binden und festlegen (lassen), wobei oftmals nicht bedacht wird, dass zu viel Freiheit auch orientierungslos machen kann.

Der biblische Zusammenhang, in dem der Monatsspruch die Freiheit hochhält, ist allerdings ein anderer. Ausführlich hat sich Martin Luther 1520 in seiner Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" damit beschäftigt: Befreit sind wir als Christen, weil wir uns mit unserem Tun keinen Platz im Himmelreich erarbeiten müssen. Freiheit dürfen wir atmen, weil wir nicht glauben müssen, dass wir mit besonderen Anstrengungen erst dahin kommen, dass Gott freundlich auf uns schaut. Auch mit unseren besten Vorsätzen, ein guter Mensch (oder Christ) zu sein, stimmen wir Gott nicht gnädig. Sondern: diese Gnade Gottes und dieser liebevolle Blick Gottes auf uns, sind uns geschenkt, wo wir daran glauben, dass Jesus Christus für dieses – unser – Heil gelebt hat, gestorben ist... und auferstand.

Wir sind als Christinnen und Christen befreit, einfach nur glauben und vertrauen zu dürfen, dass Jesus unser Heil ist. Was für ein Geschenk!

Auf der anderen Seite aber ist diese "Freiheit eines Christenmenschen" (Luther) eine solche Freiheit, die dennoch eine klare Orientierung bietet: Denn, wenn wir uns um unser Ansehen vor Gott keine Sorgen und keine Gedanken mehr machen müssen, dann haben wir genug freie Kapazitäten, um Gutes zu tun an unseren Mitmenschen und in der Welt.

Luther fasst diese Einsicht in dem schönen Satz zusammen: "Gute, fromme Werke machen nimmermehr einen guten, frommen Mann, sondern ein guter, frommer Mann, macht gute, fromme Werke."

Sowohl bei Luther als auch in dem Abschnitt des 2. Korintherbriefes ist deshalb davon die Rede, dass wir "Diener" sind – dass wir im Dienst stehen für die Menschen, die uns brauchen.

Hier wird deutlich, dass die christliche Freiheit nicht nur eine Freiheit "von" etwas ist (befreit, davon, Gott zu gefallen), sondern dass die christliche Freiheit eine Freiheit "für" etwas ist (die Kapazität einzusetzen für das Wohl des Nächsten).

In unseren Tagen hat besonders der derzeit amtierende Bundespräsident Joachim Gauck immer wieder auf diese zweite Seite der einen Medaille "Freiheit" hingewiesen.

Joachim Gauck macht – wie ich finde – Lust darauf, meine Freiheit so zu leben, dass andere etwas Gutes davon haben. In einer Rede am 5. Mai 2012 sagte er: "Freiheit muss (auch) immer wieder neu gestaltet werden. Jede Generation steht vor der Herausforderung, für sich und ihre konkreten Umstände, Freiheit zu vollenden, Freiheit, die sich in ihrer schönsten Form als Verantwortung darstellt..."

"Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit." – so lautet der biblische Monatsspruch für den Oktober. Möge dieser Vers uns verdeutlichen, wie kostbar die geschenkte Freiheit Gottes ist, und wieviel Freude es machen kann, sie in der Verantwortung meinem Nächsten gegenüber zu gestalten.

Es grüßt Sie herzlich,

Ihr Björn Sellin-Reschke