Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.9.2019

Ein Wanderer zwischen den Welten
Zum 125. Geburtstag von Propst Heinrich Grüber (Teil 2)

von Torsten Lüdtke

Foto: Wikipedia

Bereits vor einiger Zeit, am 24. Juni 2016, jährte sich der Geburtstag des evangelischen Pfarrers Heinrich Grüber zum 125. Male. In der September-Ausgabe des "SCHLÜSSEL" war der Lebensweg Grübers, der zuletzt als Propst an St. Marien und St. Nikolai wirkte, von der Geburt im rheinischen Stolberg bis zur ersten Verhaftung im Jahr 1937 nachgezeichnet worden.

Nach einer längeren Reise ins Baltikum wurde Grüber im September 1937 zum ersten Mal verhaftet. Dabei holten die Gestapo-Beamten Grüber aus seiner Wohnung im Pfarrhaus von Kaulsdorf und brachten ihn in das Polizeipräsidium am Alexanderplatz, weil gegen ihn der Verdacht vorlag, "illegale Schreiben" hergestellt und verbreitet zu haben. Zum Abschluss der Vernehmung erklärte der Untersuchungsrichter Grüber, dass er keine strafbaren Handlungen erkennnen könne, doch werde er nach dem Verlasssen des Dienstzimmers von zwei Beamten der Gestapo verhaftet werden, was dann tatsächlich geschah. Nach kurzer Haft, die vorgesehene Überstellung in ein Konzentrationslager wurde nicht durchgeführt, kehrte Grüber nach Kaulsdorf zu seiner Familie und seiner Gemeinde zurück. In seiner Autobiographie führte Grüber die Freilassung auf die Intervention ausländischer (wohl niederländischer) Stellen zurück, doch scheint, aus heutiger Perspektive betrachtet, diese Verhaftung vielmehr ein massiver Einschüchterungsversuch der NS-Justiz und der Gestapo gewesen zu sein.

Nach dem Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze hatte sich die Situation von Christen, die nach dem Gesetz als "Juden" galten, aufs Äußerste verschärft: Menschen, die seit Generationen der christlichen Kirche anhingen, galten nun als Juden. Die Not von Christen jüdischer Herkunft wurde Heinrich Grüber besonders deutlich, als er in seiner Eigenschaft als Seelsorger der Niederländischen Gemeinde in Berlin verstärkt um Hilfen zur Auswanderung für rassisch (oder auch politisch) Verfolgter gebeten wurde. Dazu muss bemerkt werden, dass die offiziellen Stellen der evangelischen Landeskirchen den als "Juden" verfolgten Mitgliedern nahezu jede Hilfe versagten, obwohl ein Großteil der "nichtarischen" christlichen Deutschen Protestanten waren. Aus diesem Grund trafen sich im Spätsommer 1936 Heinrich Grüber, Superintendent Hugo Albertz, Superintendent Max Diestel, der Heidelberger Pfarrer Maas, Pastor Paul Braune aus Lobetal sowie der Jurist Dr. Friedrich Justus Perels vom Bruderrat der Bekennenden Kirche in der Lichterfelder Wohnung Diestels in der Hortensienstraße 18, um über Hilfen für die von Deportation bedrohten "nichtarischen" Christen zu beraten. Die Teilnehmer waren darüber einig, dass Grüber durch seine guten Kontakte zu ausländischen Stellen besonders gut geeignet sei, eine Organisation zur Förderung der Auswanderung der als Juden verfolgten Deutschen aufzubauen. Unmittelbar danach, im Herbst 1936, begann Grüber mit dem Aufbau der "Hilfsstelle für nichtarische Christen" im Haus der britischen Missionsgesellschaft "Hebrew Christian Testimony to Israel" in der Oranienburger Straße 20. Die drei Räume wurden Grüber von der Missionsgesellschaft unentgeltlich zur Verfügung gestellt; für die Einrichtung und die Ausstattung des Büros war Grüber jedoch auf Spenden angewiesen, die er zum Teil von ausreisewilligen "nichtarischen" Christen erhielt. Auch viele Mitarbeiter der Hilfsstelle, wie etwa der Stellvertreter Grübers, Pfarrer Werner Sylten (1893-1942), waren selbst wegen ihrer "nichtarischen" Herkunft verfolgte Christen, die Deutschland jedoch nicht verlassen wollten oder konnten. Die Gestapo, der diese Aktivitäten Grübers und der Bekennenden Kirche nicht verborgen blieben, nannte die "Hilfsstelle" kurzerhand nach dem Leiter das "Büro Pfarrer Grüber".

Während der folgenden Zeit, bis zum Herbst 1938, stieg die Zahl der Einzelpersonen und Familien, die um Hilfe bei der Auswanderung nachsuchten, stetig an. Mit den Ausschreitungen der sogenannten "Reichskristallnacht" am 9. November 1938, änderten sich schließlich auch die Grundlagen für Grübers Arbeit; die Ereignisse beschreibt Heinrich Grüber in seinen Erinnerungen so:

"Am 9. November (1938) erlebte ich nachmittags in der Stadt, wie jüdische Menschen mißhandelt und ihre Geschäfte geplündert wurden. Abends im Kaulsdorfer Pfarrhaus sowie auch in den kommenden Tagen und Wochen versuchte ich mit Hilfe meiner Familie, meiner Vikarin und treuer Gemeindemitglieder aus der Bekennenden Kirche jene gehetzten Menschen, die bei uns anklopften, irgendwo unterzubringen. Nachts kamen die Verfolgten zu Dutzenden ins Haus: Menschen, die sich nicht trauten, in ihren Wohnungen zu bleiben. Sie wurden von uns vorwiegend in den Laubenkolonien im Norden und Osten von Kaulsdorf versteckt. Aber es fand damals keiner das entscheidende Wort. Die Menschen sahen zu, einige beiseite. Der Pöbel nahm die Gelegenheit wahr und kleidete sich neu ein: KdF, Kauf durchs Fenster – das war die Parole, nach der viele handelten, die später bereit waren, ihre antifaschistische Gesinnung zu bezeugen, als es dafür wieder was zu erben gab." (Grüber, Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten, S. 108f.)

Nach den Novemberpogromen kam eine noch größere Zahl Verfolgter in die Büros der "Hilfsstelle", und es wurde auch bekannt, dass Verhaftete nur freigelassen würden, wenn sie Deutschland umgehend verließen; so dass die Beschaffung von Visa die zentrale Aufgabe von Grüber und seinen Mitarbeitern wurde. Dafür benötigte das "Büro Grüber" jedoch bald größere Räume, die Grübers Stellvertreter Werner Sylten in einem alten Patrizierhaus in der Straße An der Stechbahn 3-4 (zwischen Schlossplatz und Friedrich-Werderscher Kirche gelegen, im Zweiten Weltkrieg zerstört) gefunden hatte. Unter widrigen Bedingungen und unter Aufbringung einer Miete von 4000-5000 Mark monatlich aus Spendengeldern wurde der Umzug des Büros Grüber umgesetzt. Durch seine Kontakte zu ausländischen Kirchen, wie beispielsweise der Anglikanischen Kirche in England oder den Quäkern in Amerika, und bedeutenden Einzelpersönlichkeiten, wie etwa dem Bischof von Chichester, George Bell, und einem unentwegten Einsatz für die Verfolgten, gelang es Grüber zwischen 1938 und 1940, wohl mehr als 2000 zum Christentum konvertierte Juden, deren Ehegatten oder Nachkommen die Flucht aus Deutschland zu ermöglichen. Darüber hinaus koordinierte die Zentrale im Haus "An der Stechbahn 3-4" die Arbeit von 22 Hilfsstellen in 20 großen Städten. Zu den Beweggründen, Verfolgten zu helfen, äußert sich Grüber – die Schilderung folgt den Angaben von Grübers Autobiographie – in einer Unterredung mit Adolf Eichmann. Eichmann fragte nach dem Grund, warum er sich für die Juden einsetze: "Sie haben keine jüdische Verwandtschaft. Sie haben es nicht nötig, für diese Menschen einzutreten. Niemand wird es Ihnen danken. Ich begreife nicht, warum Sie es tun!" Grüber antwortete: "Sie kennen die Straße von Jerusalem nach Jericho? Auf dieser Straße lag einmal ein überfallener und ausgeplünderter Jude. Ein Mann, durch Rasse und Religion von ihm getrennt, ein Samariter, kam und half ihm. Uns allen ist zugerufen worden: ‚Gehe du hin und tue desgleichen.‘"(Grüber, Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten, S. 128f.)

Nach der Deportation von 1200 Juden aus dem Regierungsbezirk Stettin nach Lublin am 13. Februar 1940 protestierte Grüber bei jeder höheren Dienststelle bis hin zum preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring, der fürs erste weitere Deportationen aus Preußen verbot. Grüber wurde daraufhin durch die Gestapo verwarnt, sich nicht wieder für Deportierte einzusetzen. Nachdem Grüber von der Deportation von 6500 Personen aus Baden und der Pfalz nach Gurs (Frankreich) erfuhr, besorgte er sich über Freunde in der militärischen Abwehr einen Reisepass, um die Deportierten im Camp de Gurs aufzusuchen. Auf Heydrichs Befehl hin verhaftete die Gestapo Heinrich Grüber kurz vor seiner Abreise am 19. Dezember 1940. Zwei Tage später wurde er ins KZ Sachsenhausen verlegt, später war Grüber Häftling im KZ Dachau. Zum 1. Februar 1941 musste der Stellvertreter Grübers, Pastor Werner Sylten – auf Druck der Gestapo – die "Hilfsstelle", das Büro Grüber, auflösen. Viele der Mitarbeiter in der Berliner Zentrale wurden in den nächsten Wochen und Monaten ebenfalls verhaftet. Soweit Grübers Mitarbeiter unter den Nürnberger Gesetzen als "Volljuden" galten, wurden sie in den folgenden Jahren größtenteils in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet.

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