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16.1.2019

Ein Wanderer zwischen den Welten
Zum 125. Geburtstag von Propst Heinrich Grüber (Teil 1)

von Torsten Lüdtke

Foto: Wikipedia

Bereits vor einiger Zeit, am 24. Juni 2016, jährte sich der Geburtstag des evangelischen Pfarrers Heinrich Grüber zum 125. Male. Das Schicksal Grübers, der zuletzt als Propst an St. Marien und St. Nikolai wirkte, ist eng mit Berlin und auch mit Lichterfelde verknüpft, wo das "Büro Grüber", eine Hilfsorganisation für Verfolgte des NS-Regimes, gegründet wurde. Aus diesem Anlass soll hier der Lebensweg Grübers, der Parallelen zur Biographie Niemöllers und zu anderen Pfarrern der Bekennenden Kirche aufweist, nachgezeichnet werden.

In Stolberg im Rheinland, nahe der belgischen und holländischen Grenze, wurde Heinrich Karl Ernst Grüber 1891 als ältester Sohn des Volksschullehrers Ernst Grüber geboren. Sein Vater, der als Rektor der evangelischen Volksschule in Stolberg vorstand, aber auch seine Mutter besaßen enge Verbindungen nach Frankreich, Belgien und Holland: So war sein Vater, den Grüber in seinen Erinnerungen als einen "vielseitig begabten Mann" beschreibt, als Junge von seinem Großonkel, dem französischen Generalveterinär Jacques Vilain, in Algier erzogen worden. Seine Mutter besaß dagegen reiche verwandtschaftliche Beziehungen nach Holland und Belgien, so ist es auch nicht verwunderlich, dass die Eltern Grübers großen Wert darauf legten, dass der Sohn sich mit der französischen und holländischen Sprache, aber auch mit der Belgischen Kultur beschäftigte.

Die glänzende Karriere von Grübers Vater endete jäh nach einem schweren Unfall, in dessen Folge der Vater mit nur 37 Jahren pensioniert wurde. Die schmal bemessene Pension des Vaters – rund 75 Mark – verursachte der Familie Grüber drückende Geldsorgen, die das Leben der Familie fortan stark prägten. Mit zehn Jahren kam Grüber in das Realprogymnasium seiner Heimatstadt, wo er sich als mittelmäßiger Schüler wenig hervortat. Die letzten beiden Klassen, die die Grüber auf das Abitur vorbereiteten, absolvierte er auf dem Gymnasium im nahegelegenen Eschweiler; dort war er – in einem stark katholisch geprägten Umfeld – der einzige evangelische Schüler seiner Klasse. In Eschweiler auf dem Gymnasium besserten sich Grübers Leistungen. Schließlich erhielt er als Klassenbester in der Unterprima den Preis des preußischen Kultusministeriums für seine schulischen Leistungen.

Nach dem Abitur nahm Heinrich Grüber zum Sommersemester 1910 ein Studium der Philosophie, Geschichte und Theologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn auf, wo vor allem die Theologen Böhmer, Grafe und Sell zu seinen Lehrern gehörten. Im Wintersemester 1911/12 wechselte der Student für ein Semester nach Berlin, wo Grüber schließlich auch – unter dem Eindruck der Vorlesungen der führenden Theologen Preußens, wie etwa Adolf von Harnack – den Entschluss fasste, sich ganz auf die Theologie zu konzentrieren und Pfarrer zu werden.

Die folgenden Semester studierte Grüber wieder in Bonn, von Bonn aus bewarb er sich auch um ein Stipendium an der Universität Utrecht, welches ihm zugesagt wurde. In Holland vertiefte Grüber seine Sprachkenntnisse und legte schließlich 1914 in Koblenz das erste theologische Examen ab. Nach dem Kriegsausbruch 1914 meldete sich Grüber – wie viele andere seines Alters auch – zum Wehrdienst. Doch verzögerte sich die Einberufung und Grüber konnte nach Utrecht in das neutrale Holland zum Studium zurückkehren. In dieser Zeit konnte er auch erste Erfahrungen in der kirchlichen Arbeit als Pfarramtsvertreter in einer Gemeinde in Beyenburg (bei Wuppertal) und in der Sozialarbeit in seiner Heimatstadt Stolberg sammeln. Anfang 1915 wird Grüber dann Soldat; als Feldartillerist diente er, lediglich unterbrochen durch einen dreimonatigen Lehrgang zum Militärpfarrer in Bonn, bis zum November 1918 an verschiedenen Fronten.

Eine Pfarrstelle in Viersen, die Grüber unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg angeboten worden war, lehnte er ab; stattdessen bewarb er sich 1919 am Berliner Domkandidatenstift, um seine theologischen Kenntnisse aufzufrischen und zu vertiefen. In seinen Erinnerungen beschreibt Grüber die Zeit im Domkandidatenstift als äußerst anregende und wertvolle Zeit. Als Senior des Domkandidatenstifts waren ihm kleinere Leitungsaufgaben übertragen, auch unterstützte er die Arbeit der Domprediger. Mit dem Hof- und Domprediger Ernst Vits, der Katechetik und Pädagogik am Domkandidatenstift unterrichtete, stand Grüber in regem Austausch. Dessen Tochter Margarete heiratete Grüber zu Pfingsten 1920.

Am 29. Februar 1920 übernahm Grüber in Dortmund-Brackel seine erste Pfarrstelle. Die Gemeinde lag wie das gesamte Rheinland, in der entmilitarisierten und von Franzosen besetzten Zone. Grüber, der die verschiedenen Strömungen in seiner Gemeinde so gut wie möglich zu einen suchte, geriet dabei immer wieder in Konflikt mit der französischen Besatzungsmacht. So wurde Grüber schließlich nach einer Kundgebung gegen Willkürhandlungen der Besatzer Mitte Juni1923 aus dem Rheinland ausgewiesen.

In den folgenden Jahren arbeitete Grüber bei verschiedenen kirchlichen und sozialen Einrichtungen, unter anderem war er Leiter in einem Heim der Düsseltaler Anstalten; danach, seit 1926, war er als Leiter in einem Heim für schwach begabte und verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche, das zum "Waldhof" der Stephanus-Stiftung in Templin gehörte, tätig. Hier half Grüber auch während der durch die Weltwirtschaftkrise bedingten Arbeitslosigkeit beim Aufbau eines freiwilligen Arbeitsdienstes, der von verschiedenen Organisationen, darunter auch kirchlichen Stellen, vorbereitet wurde.

Eher konservativ eingestellt, besaß Grüber Kontakte zu verschiedenen rechten Gruppierungen und auch zum Stahlhelm. Dadurch war er – nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler – sogar als Staatssekretär des neuernannten Reichsarbeitsministers Franz Seldte im Gespräch. Obgleich Grüber am Beginn des Jahres 1933 in die NSDAP eintrat, wandte er sich bereits im Laufe des Jahres gegen das NS-Regime und schloss sich dem Pfarrernotbund an.

Am 2. Februar 1934 ernannte das Domkirchenkollegium (Gemeindekirchenrat der Oberpfarr- und Domkirche zu Berlin) aufgrund seiner Patronatsrechte in Kaulsdorf schließlich Grüber zum Pfarrer der Jesuskirchengemeinde. Der von den Deutschen Christen beherrschte Gemeindekirchenrat Kaulsdorfs protestierte gegen Grübers Berufung beim zuständigen Konsistorium, doch bestand dieses auf Grübers Berufung, da die Entscheidung des Patrons dem Willen der Gemeinde voranginge.

Bald kam es zu Konflikten. Deutschchristliche Älteste erhoben Beschwerde beim Konsistorium gegen Grüber, nationalsozialistische Kirchgänger denunzierten ihn bei der Gestapo für seine Kritik am NS-Regime. In der Folge begann Grüber eine Bekenntnisgemeinde in Kaulsdorf aufzubauen. Anhänger der Bekennenden Kirche aus anderen Kirchengemeinden gingen fortan sonntags zum Gottesdienst in die Jesuskirche.

Am 3. März 1935 wurde Grüber durch die Kreisbekenntnissynode zum Vertrauensmann gewählt, und er übernahm auch die Aufgabe des Kreispfarrers der Bekennenden Kirche, da der Superintendent nicht offen zur Bekennenden Kirche hielt. Seit dieser Zeit verband ihn eine enge Freundschaft mit Martin Niemöller.

Zum offenen Konflikt mit dem NS-Regime kam es, als Grüber sich entgegen der Anordnung der Kirchenleitung entschloss, seine Konfirmanden am Palmsonntag 1936, dem Wahltag zum Reichstag, einzusegnen. (Die Konfirmation am 29. März 1936 ein wurde Politikum, da Väter von Konfirmanden, als Ehrenamtliche oder NS-Parteigenossen als Wahlhelfer gebraucht wurden, und durch zu Konfirmationsfeiern reisende Verwandte und Paten eine niedrigere Wahlbeteiligung befürchtet wurde.) Erneut wurde Grüber durch Älteste beim Konsistorium angezeigt; der Leiter der NSDAP-Ortsgruppe Kaulsdorf, der ältesten in den östlichen Vororten Berlins, drohte Grüber darüber hinaus an, dafür zu sorgen, dass er ins Konzentrationslager komme. 1936 übernahm er zusätzlich die Betreuung der Niederländischen Gemeinde in Berlin, doch wirkte er weiter engagiert in der Bekennenden Kirche, was 1937 zu seiner ersten Verhaftung führte.

Teil 2 im Oktober-Schlüssel.

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