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20.5.2019

Glücksmomente

Pfarrer Michael Busch


Foto: Fotolia

Neulich in der Buchhandlung: auf der Suche nach einem kleinen Geschenk fiel mein Blick auf die Abteilung mit den Lebensratgebern. Normalerweise meide ich diese seichten Zonen der Belletristik. Wohlwissend, dass viele, die diese Zeilen lesen, sich dort durchaus gerne aufhalten und auch das ein oder andere Lesenswerte finden.

Mein Blick gleitet über die dort sorgsam aufgereihten Buchreihen und bleibt kurz an einem Einband mit Marienkäfern und vierblättrigen Kleeblättern hängen. Der Titel des Buchs ist "365 Glücksmomente für das ganze Jahr", oder so ähnlich. Beim schnellen Durchblättern mit dem Daumen taucht Vermutetes auf: ansprechende Fotografien garniert mit Aphorismen für jeden Tag.

Ich schwanke als Geschenk zwischen einem düsteren Skandinavienkrimi und dem neusten Werk von Robert Seethaler. Ich entscheide mich für den Krimi.

Auf dem Weg nach Hause beobachte ich eine jener Begegnungen, die in dieser Stadt durchaus öfter anzutreffen sind, aber selten ein gutes Ende finden. Ein junger Mann Mitte Zwanzig, vom Leben erkennbar geprägt, hat offensichtliche Orientierungsschwierigkeiten. Unschlüssig stolpert er mal in diese mal in jene Richtung und fragt dann einen Mann, Anfang Fünfzig, gut gekleidet, nach einer Straße. Der Ältere verweist auf die Richtung, aus der der junge Mann kam und zeigt dann mit erklärenden Worten erst nach links und dann nach rechts. "Danke", sagt der junge Mann, um dann nach einer kurzen Pause noch hinzuzufügen: "Ihnen noch einen schönen Tag." Der ältere Mann, der sich bereits abgewandt hatte und weiterlief, blieb noch einmal kurz stehen, drehte sich um, lächelte und sagte: "Ja, ihnen auch einen schönen Tag." Ein Dialog wie an einer Supermarktkasse, aber mit einem freien Herzen. Ich bin überrascht, dass diese Stadt auch noch solche Seiten zu bieten hat.

Einen kurzen Augenblick kommen mir Zweifel, ob ich nicht doch das falsche Buch gekauft habe und ich bedauere, dass ich diesen Moment nicht mit der Kamera einfangen konnte. Das Foto hätte sich gut gemacht in der kleinen Fibel mit den "365 Glücksmomenten".

Wieder zu Hause angekommen, finde ich mich am Schreibtisch zwischen Haushaltsplänen und der Vorbereitung einer Bestattung wieder. Bei einem Blick aus dem Fenster, sehe ich das bunte Treiben der Kita-Kinder. Seit einigen Monaten sind auch Kinder aus dem syrischen Bürgerkriegsgebieten dort aufgenommen. Wie selbstverständlich spielen und toben sie mit den anderen Kindern auf dem Gelände. Kein Streit, keine Raufereien, es ist fröhlich und ausgelassen. Sie helfen sich beim Fahrradfahren, laufen Hand in Hand über das Kitagelände. Was auf der großen Weltbühne nicht funktioniert, hier geht es. Und ich bin froh, dass es nicht nur Bilder aus Aleppo gibt, sondern auch noch die von Kindern, die Glück haben und in Ruhe Hüpfen und Fahrradfahren lernen können. Und mir wird überaus deutlich, dass es auf die kleinsten Sätze und Gesten ankommt.

Nach diesen beiden Glücksmomenten kommt in mir die Frage auf, ob Glück und Gott zusammenpassen? Kommt Glück überhaupt in der Bibel vor? Ein Griff in das Bücherregal sollte Klarheit bringen und fördert Überraschendes zu Tage. Das hebräisch-deutsche Wörterbuch nennt dreizehn hebräische Begriffe für Glück.

Als eigenständiger Begriff taucht "Glück" nur im Alten Testament auf, etwa in der Erzählung von Josef und seinen Brüdern. Dort heißt es von Josef, der von seinen Brüdern in die Sklaverei nach Ägypten verkauft wurde: "Der Herr war mit Josef, und was er tat, dazu gab der Herr Glück" (1. Mose 39,23).

Und wer versucht "seines Glückes Schmied zu sein", der muss damit rechnen, dass alle Bemühungen buchstäblich ins Leere gehen. Davon weiß die sogenannte Weisheitsliteratur im alten Israel zu berichten: "Wiederum sah ich, wie es unter der Sonne zugeht", heißt es in Prediger 9,11: "zum Laufen hilft nicht schnell sein, zum Kampf hilft nicht stark sein, zur Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum hilft nicht klug sein; dass einer angenehm sei, dazu hilft nicht, dass er etwas gut kann, sondern alles liegt an Zeit und Glück." Von dieser alttestamentlichen Weisheit wurde wohl auch Bertolt Brecht in der "Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planes" inspiriert, wenn er dort dichtet: "Renn nur nach dem Glück, doch renne nicht zu sehr, denn alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher..... Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch’ nen zweiten Plan. Gehn tun sie beide nicht...."

Im Neuen Testament wird zwar an keiner Stelle das Wort "Glück" benutzt, dennoch wird das Lebensgefühl beschrieben. Die Seligpreisungen (Matthäus 5) oder die Geschichte vom verlorenen Sohn (Lukas 15, 11-32) zeichnen Bilder gelingenden Lebens, in denen ein neuer Anfang geschenkt wird und eine Welt entworfen wird, in der Menschen Solidarität und Gerechtigkeit leben und erfahren können. Mit Jesus und seiner Vision des Reiches Gottes kommt ein neues Lebensgefühl in die Welt, das mit einer Umwertung der Werte, dem Durchbrechen des Zusammenhangs von Schuld und Strafe und dem Aufscheinen größerer Lebenshorizonte verbunden ist.

Deutlich wird mir bei der Bibellektüre: die Beschreibung dessen, was unter Glück verstanden wird, geschieht oft auch ohne einen solchen Begriff. Die Bibel beider Testamente ist ein Buch voller prallem Leben. In diesem Buch haben die Höhen und Tiefen, hat das Leben in allen Dimensionen Platz. Die Geschichten, die sich auf den Straßen und Plätzen dieser Stadt abspielen, auch die kleinen Glücksmomente, finden sich in anderen Zeiten und Gewändern auch dort wieder. Vielleicht sollte ich bei der nächsten Suche nach einem Buchgeschenk doch nicht den Krimi wählen.

Einen schönen Monat September mit vielen Glücksmomenten wünsche ich Ihnen.

Pfarrer Michael Busch