Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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19.9.2019

Nachruf: Fritz Becker 1922–2016
Zur Erinnerung an den Lichterfelder Bildhauer aus der Giesensdorfer Straße

von Lutz Poetter

Friedrich Becker stammt aus Südende, als Sohn eines Architekten und Enkel eines künstlerischen Leiters der Preußischen Porzellanmanufaktur regte sich bereits in seiner Schulzeit sein eigenes Kunstinteresse. Doch der Junge, den alle Fritz nannten, stand zurück hinter seiner älteren Schwester. Die Mutter hielt ihren Kleinen für schwächer und hilfloser als er es wirklich war. Ihm fehlten eher Anerkennung und Ermutigung aus der Familie, besonders von Vater und Großvater. So kam ein künstlerischer Beruf nach seinem Realschulabschluss für ihn nicht in Frage, er sollte stattdessen eine "solide" Lehre als Feinmechaniker absolvieren.

Im Zweiten Weltkrieg rettete ihm sein spezielles Können wohl das Leben an der Ostfront: Fritz Becker wurde als Soldat zum Russlandfeldzug einberufen, er diente aber nicht als Frontsoldat, sondern in der Etappe hinter den Kampflinien. Seine Aufgabe war die Wartung und Justierung optischer Geräte und Zieleinrichtungen an den Kriegswaffen. 1944 kam Fritz Becker in russische Kriegsgefangenschaft, auch hier verschafften ihm seine Fähigkeiten als Feinmechaniker einen Sonderstatus.

Stolz zeigte er immer wieder eine geschnitzte Holzarbeit, die eine Weltkugel darstellte als Mitbringsel aus dem Gefangenenlager. 1948 durfte Fritz nach Berlin zurückkehren und begann nun seine Laufbahn als Bildhauer. Er wurde Volontär bei der Firma Philipp Holzmann und arbeitete in einer Lehrwerkstatt als Steinmetz. 1949 studierte er an der Hochschule der Künste in Berlin, lernte Aktzeichnen bei Peter Fischer und Bildhauerei bei Gustav Seitz. Sein Studium finanzierte Fritz mit praktischen Arbeiten am Stein, auch für den Kunstprofessor Bernhard Heiliger. Er erhielt erste eigene Aufträge und besuchte zusätzlich die Ingenieurschule Gauß. Das Studium und die künstlerischen Arbeiten fielen Fritz leicht. Endlich konnte er seine Begabung als Künstler zeigen und die dunklen Schatten seiner Kindheit aufhellen.

1955 wurde die in den letzten Kriegstagen bis auf die Grundmauern zerstörte Giesensdorfer Kirche wieder aufgebaut. Das Eisenkreuz im Altarraum, die Kerzenleuchter auf dem Altar und das Taufbecken sind Arbeiten von Fritz Becker.

Sein Grundstück in Lichterfelde war für den Bildhauer ein großes Glück. Er erwarb den leeren Lagerplatz an der Giesensdorfer Straße, es gab damals noch kein Kraftwerk und kein Barnackufer. Fritz baute sich zuerst eine Hütte und bewohnte sie. Dann entwarf er sein eigenes Haus - zum Wohnen und als Atelier zum Arbeiten. Seine Schwester half ihm als technische Zeichnerin bei den Bauplänen. Und Becker baute sein Haus auch alleine, begleitet von den skeptischen Blicken des Bauamts. Jahre später würde er dieses eingeschossige Haus eigenhändig mit einem Obergeschoss aufstocken.

Irmgard war in Karlshorst aufgewachsen. Die junge Frau arbeitete in einem landwirtschaftlichen Betrieb nahe Oranienburg. Fritz und Irmgard hatten sich in Mahlsdorf kennengelernt, sie sahen sich an Wochenenden. Am 13. August 1961 trennte die Mauer ihre beginnende Beziehung. Mitte September verabredete sich Fritz mit Irmgard auf der Leipziger Messe. Auf dem Rückweg schmuggelte er seine Verlobte im präparierten Citroen 2CV über die Zonengrenze nach Westberlin, sie kauerte verborgen in der Kuhle für den Reservereifen. Im November feierte das Paar Hochzeit: Trauung in der Kirche Sankt Peter und Paul auf Nikolskoe, gefeiert wurde am großen Tisch im eigenen Haus. Nun brauchten die Eheleute erst einmal Zeit, sich richtig kennenzulernen und sich aufeinander einzustellen. Dann kamen die Söhne zur Welt, 1964 Martin, im folgenden Jahr Dietrich. Beide wuchsen in Giesensdorf auf, wurden Architekten und empfanden Vater Fritz als prägendes Vorbild. Er hatte sich immer für die Restaurierung historischer Bausubstanz engagiert, besonders im Schloss Charlottenburg. Nun freute er sich über die Berufswahl seiner Söhne, ließ ihnen Zeit zum Studium, unterstützte sie bis zu ihrer Eigenständigkeit.

Weihnachten 2002 wurde Fritz Becker 80 Jahre alt. Er erlebte eine Ausstellung seiner Arbeiten als Rückblick auf sein künstlerisches Lebenswerk und die Geburt seines Enkelsohnes. Beides erfüllte ihn mit Freude und Abschiedsgedanken. Wie viel Zeit würde ihm noch bleiben? Für das Giesensdorfer Gemeindehaus fertigte Fritz Becker eine Steintafel mit der Historie des Gebäudes. Der Kunstbeirat lud ihn ein, seine Plastiken und Skulpturen aus Stein und Metall doch einmal in der Petruskirche zu zeigen. Doch der Bildhauer lehnte ab, er sah zu viele Schwierigkeiten und Hindernisse. Er wurde alt, erlebte auch seine neugeborene Enkeltochter 2010, vollendete Weihnachten 2012 das 90. Lebensjahr. Im Mai 2013 besuchte ich den Neunzigjährigen begleitet vom Künstler Petrus Akkordeon und nahm meine Kamera mit, um ihn in seinem Atelier zu fotografieren. Das hohe Alter schränkte Fritz Beckers Beweglichkeit ein, Sehen und Hören ließen nach, nicht aber seine Ideen. Letzte Arbeiten von seiner Hand sind Metallplaketten: "Augenblick am grünen Hut".

Nach drei heißen Sommernächten fiel dem Dreiundneunzigährigen das Atmen schwer, er kam ins Krankenhaus. Dort wurde Fritz Becker schwächer, er glitt sanft vom Leben in den Tod. Sein Sarg stand beim Trauergottesdienst vor dem Altar unter seinem Kreuz, mit seinen Leuchtern auf dem Altar gleich neben seinem Taufstein. Danach wurde er zur letzten Ruhe gebettet, während seine Bernauer Familie mit dem dortigen Bläserensemble für ihn Choräle blies. Sein Grab befindet sich schräg hinter der Altarwand auf dem Giesensdorfer Kirchhof. Schon zu Lebzeiten hat er über seinen Grabstein nachgedacht.

Lutz Poetter,
Fotos: Lutz Poetter

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