ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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20.5.2019

Zum Monatsspruch für den Juli
Der theologische Artikel

von Pfarrer Roland Wicher


Foto: Andreas Hermsdorf@pixelio.de

Blickt man aufs Meer an einem strahlenden Sommertag oder auf einen See, gleißt das Wasser im Sonnenlicht. Glanz und Schönheit liegen auf allem und erfüllen uns. Ein herrlicher Anblick. In einem Moment gehobener Stimmung kann das Ehrfurcht wecken, angesichts der Schönheit und Kraft, die sich hier ruhig und gebändigt zeigt, in sanften Wellen und im warmen Sonnenlicht. Wir wissen, das Meer kann auch tosen, und die Sonne kann auch an einem milden Sommertag schon stechen.

Gottes Glanz und Herrlichkeit erscheinen Mose, und es ist ein gnädiger, friedfertiger Gott, dem Mose hier begegnet. Mose redet mit ihm "von Angesicht zu Angesicht wie ein Mann mit seinem Freund". Niemand ist Gott im Alten Testament so nah wie Mose. Und Mose bittet Gott, dass er sich ihm zeige, dass er seine Herrlichkeit sehen dürfe. Offenbar ist das unmittelbare Sehen Gottes aber mit größter Gefahr verbunden – diese Kraft ist zu stark, dieses Strahlen zu mächtig. Gott schützt Mose davor und sagt ihm einen Ort, eine Felskluft, die ihn schützt, wenn Gott vorübergeht, so dass er Gott hinterhersehen kann, ohne Schaden zu nehmen. All das, weil Mose von Gott erbittet, dass er ihn und das Volk auf der Wanderung durch die Wüste ins gelobte Land begleitet. Gott kommt Mose entgegen und das obwohl er kurz vorher zornig war, Mose ihn eindringlich besänftigen musste, weil das Volk sich ein goldenes Stierbild gemacht und es angebetet hatte. Die Beziehung Gottes und des Gottesvolks ist von großer Dramatik. Mose steht dazwischen und hat alle Hände voll damit zu tun, Gott günstig zu stimmen und das Volk, wie auch seinen Bruder, den Priester Aaron und andere herausragende Gestalten und einflussreiche Gruppen zu lenken. Später wird Mose mit den neuen Gesetzestafeln zum Volk zurückkehren, und ein Glanz wird auf seinem Gesicht liegen, weil er Gott gesehen hat.

Das Wort, das üblicherweise für Gottes Gegenwart verwendet wird, ist "Herrlichkeit". Es bedeutet buchstäblich so viel wie Gewicht, kann aber auch für den Glanz stehen, der von Gott ausgeht. Möglicherweise kommt das von Bildern altorientalischer Götter in ihrem Thronsaal, von deren Krone ein Schreckensglanz ausgeht. In dieser Szene aber zeigt sich Gott von einer ganz anderen Seite.

Im Herzen dieser Gotteserscheinung steht dieser Satz, der zeigt, wer Gott eigentlich ist. Gottes Anwesenheit wird hier nicht nur mit der gewichtigen Herrlichkeit umschrieben, seine Güte ist es, die Mose erscheint. Güte ist etwas vielschichtiges und handfestes. Die Fülle der Güter, die uns am Leben erhalten und uns Freude bereiten ist damit gemeint. Wenn in der he-bräischen Bibel die Rede vom Segen ist, dann ist das so greifbar zu verstehen. Schutz vor Gefahren kennzeichnet seine Güte weiter. Schutz und die Fülle des Guten – sie ziehen an Mose vorüber, und ich stelle mir vor, dass sie in ihm Traumbilder wecken eines Landes, in dem es Milch und Honig, süße Beeren und goldenes Korn, klare Flüsse und starkes Vieh gibt, Schutz und Güter für alle, die ihm am Herzen liegen.

Gott offenbart Mose dann seinen Namen. Gnade und Erbarmen gehen von ihm aus – in den Wiederholungen bekräftigt Gott, dass es ihn, dass es seine Gottheit auszeichnet, gnädig zu sein und sich zu erbarmen. Von hier aus wird eine Brücke geschlagen zum Glauben des Paulus und Martin Luthers. Sie beide entdeckten, dass Gott voll Gnade ist. Das war ihre entscheidende Einsicht, von diesem Glauben an Gottes Gnade wurden sie ergriffen, und nach ihnen viele andere.

Dieser Gott der Gnade ist der Gott Israels. Hier, im Herzen der Erzählung von Gottes Rettung seines Volkes aus der ägyptischen Sklaverei und seiner Bewahrung in den Jahren der Wüstenwanderung, die ihr Ziel im verheißenen Land finden wird, im Herzen des Alten Testaments, oder besser des Ersten Testaments, offenbart sich Gott Mose als Güte.

Kurz danach folgen Gottes Gebote, wie ein Zaun sind sie, in einem Bild aus der rabbinischen Tradition gesprochen – auch sie gehen also aus der Gnade und der Güte Gottes hervor. Für Luther und Paulus wurde dieser Gedanke zum Schlüssel aller Bibellektüre.

Mich ermutigt und tröstet der Gedanke dieser Gnade in den kleinen und großen Bewegungen des eigenen Lebens, in den Wellenbewegungen der geschichtlichen und politischen Wirklichkeit, angesichts der Güte, aber auch des Leids, die Menschen anderen Menschen bereiten. Es ist keine billige Gnade, denn Gott sieht und kennt uns Menschen. Wo Menschen auf kleinen, überfüllten Schiffen im Meer um ihr Leben fürchten, wo Kriegstreiber Städte, Häuser und Leben zerstören, dass die Überlebenden mit Schrecken flüchten, wo hier Feindseligkeit und Enge in vielen Herzen Raum greift, wo wir, statt uns endlich den wahren Problemen unserer Zeit zuzuwenden, in ideologische Grabenkämpfe verfallen, da sieht Gott uns. Auch von uns sollte solche Güte ausgehen, wir sind aufgerufen, Menschen in Not beizustehen, Unglückliche zu trösten, Hartherzige, wo wir es können, zu erweichen, und auch unsere eigenen Wege zu befragen. Folge ich Gottes Gebot der Güte? Sehe ich in Gott den Gnädigen, den Erbarmer, der meinen Weg ebnet, meine Schwäche verzeiht, mich in meiner Freundlichkeit bestärkt? In diesen Momenten der Güte wird ein Menschenleben zu einem Spiegel, auf dem der Glanz des gütigen Gottes liegt, ein Leben voll Ausstrahlung. Das ist schön wie ein Sommertag am Meer, und vielleicht wird das Wort "Güte" hier deshalb manchmal auch anders übersetzt: "Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen."

Roland Wicher