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24.5.2019

Themenjahr 2016: Reformation und die Eine Welt – Herausforderung & Veränderung
Thema: Lutherdekade 2017

von Najla Kassab

Seit 1920 gibt es die "National Evangelical Synod of Syria and Lebanon", ein Zusammenschluss arabischsprachiger evangelischer Gemeinden, hervorgegangen aus der Arbeit presbyterianischer Missionare aus England und Amerika im 19. Jahrhundert. Die zahlenmäßig kleine Kirche ist u.a. Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) und in der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK). Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt im Bildungsbereich; sie betreibt mehrere Schulen und Kindergärten. "Durch die Auswirkungen des Krieges in Syrien verändert sich unsere Kirche", sagt Najla Kassab, Direktorin der Bildungsabteilung ihrer Kirche und Mitglied der Kirchenleitung.

Wenn es einen besonderen Wesenszug innerhalb unserer reformierten Tradition gibt, dann ist es die Herausforderung zur andauernden Reformation (semper reformanda), die ständige Überprüfung der eigenen Rolle hinsichtlich der Verkündigung des Evangeliums in verschiedenen Kontexten. Dieser Teil unserer Identität hilft unserer Kirche im Libanon und in Syrien, sich den Veränderungen zu stellen, die die verschiedenen Kriege im Nahen Osten mit sich gebracht haben.

Obwohl unsere Kirche eine kleine Minderheit ist, hat sie durch ihren Dienst eine führende Rolle eingenommen, besonders auf dem Bildungssektor: Hier sind die Türen offen für die Ausbildung von Frauen ebenso wie für die Rolle von Laien in der Kirchenleitung. Im Unterschied zu unseren Nachbarkirchen stehen wir damit für ein nicht-hierarchisches Modell von Kirche.

Bildung wird umgesetzt in diakonische Dienste

Die Kriege im Nahen Osten und besonders der letzte in Syrien seit 2011 haben die Kirche nicht nur vor schwierige Aufgaben gestellt, sondern auch ihr Aufgabengebiet verändert. Konkret bedeutet das: Arme zu speisen, Zufluchtsorte und Waisenhäuser zu schaffen, Kraftstoff vorzuhalten, und das neben der ganz alltäglichen Grundversorgung. Bloße Worte genügen nicht, wenn der Magen leer ist. Menschen, die zuvor die Kirche auf vielfältige Weise unterstützt haben, wurden plötzlich selbst zu Hilfsempfängern. Einer unserer Pastoren macht deutlich, wie sich sein Tätigkeitsbereich seit Kriegsbeginn verändert hat: "Lag die Konzentration zuvor auf der Predigtvorbereitung, stehen nun Besuche bei denen im Vordergrund, die ihr Zuhause und ihre Lieben verloren haben." Und er kommt zu dem Schluss, dass diese Art von Arbeit der bessere Weg zur Vorbereitung einer guten Predigt sei. Durch den Krieg hat die Rolle der Laien größeres Gewicht bekommen. Sie engagieren sich in der Hilfe für Flüchtlinge und bei der Verteilung von Hilfsgütern ebenso wie Ältestenprediger/-innen die Vertretung der Pastoren übernehmen, die das Land verlassen mussten. Diese Zusammenarbeit von Pastoren und Ältesten ist ein gutes Beispiel für das Priestertum aller Gläubigen: Alle, die in Christus sind, sind gleichermaßen verantwortlich für den Aufbau des Leibes Christi.

Die gegenwärtige Situation verbindet auch junge Menschen stärker mit der Kirche. Trotz aller Schwierigkeiten und trotz allem Schmerz um uns herum hat sich eine starke spirituelle Bindung entwickelt, weil die Kirche als Zufluchtsort erfahren wird. Die Zahl der Menschen, die an kirchlichen Aktivitäten teilnimmt, ist größer geworden. Die Flüchtlinge suchen nicht nur nach einer Grundversorgung, sie suchen auch nach seelischer Unterstützung, um in einer Zeit, in der das Leben brüchig und die Zukunft ungewiss ist, alles aushalten zu können. Geistliches Gestärktwerden wird zum wesentlichen Bedürfnis, damit man sich Rechtschaffenheit und Hoffnung bewahren kann.

Einwanderung als Herausforderung

Eine der größten Herausforderungen für die Kirche ist die Aus- bzw. Einwanderung. Viele Familien mussten aufgrund der unsicheren Verhältnisse aus Syrien fliehen. Die zunehmende Auswanderung in den Libanon bedeutet für die Gemeinden in Syrien eine Existenzbedrohung, denn wir sind nur eine kleine Kirche.

Die Kirchengebäude in Aleppo und in Homs zum Beispiel wurden durch Bomben zerstört, die Gemeinden sind verstreut. Ganze Kirchengemeinden mussten ihre Dörfer verlassen, wie in Gasanieh und Kharaba geschehen. Das kann anderen Kirchenmitgliedern, die sich um ihre Existenz sorgen, den Mut nehmen.

Es bedarf einer klaren Überzeugung und großer geistlicher Stärke, um daran festhalten zu können, dass auch eine Minderheit – unabhängig von ihrer Zahl – Licht (der Welt) und Salz (der Erde) sein kann. Minderheiten sind dann stark, wenn sie sich auf die Rolle, die sie haben, konzentrieren und wenn sie diese Rolle gern übernehmen. Eben dies ist immer die Quelle der Stärke unserer Kirche gewesen, und damit hatte sie große Wirkung in Staat und Gesellschaft.

Schließlich: Unsere Kirche hat sich stets im ökumenischen wie auch im interreligiösen Dialog engagiert. Gerade weil bei uns Vielfalt geachtet und nicht-hierarchische Beziehungen gelebt werden, nehmen wir eine besondere Rolle ein und haben eine wichtige Aufgabe hinsichtlich von Versöhnung im Nahen Osten. Durch all dies bemühen wir uns, ein Licht aufleuchten zu lassen überall dort, wo Heilung möglich ist.

Najla Kassab,
Direktorin des Christian Education Department in The National Evangelical Synod of Syria and Lebanon

Quelle: EKD Magazin zum Themenjahr 2016: Reformation und die Eine Welt. Übersetzung aus dem Englischen: Sabine Dressler. Fotos: Donna_Bozzi / Shutterstock.com

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