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21.1.2019

Thema: Gedenken zum 8. Mai
Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde

Reiner Kolodziej


IKZ Vorsitzende Annette Pohlke


IKZ 2. Vorsitzender Thomas Schleißing-Niggemann


Zeitzeuge Josef Pilecki


Zeitzeuge Boris Popov


Roger Bordage Präsident des Internationalen Sachsenhausen Komitees


Stadträtin Cerstin Richter-Kotowski


Jasmin Kozloski Schülerin der Louise-Schroeder-Schule


Musikgruppe aus dem Beethoven-Gymnasium


Musikgruppe aus der Louise-Schroeder-Schule


IKZ-Vorstandsmitglieder Alina und Klaus Leutner


Aus der Politik: Vorsitzender der Steglitzer Piraten-Fraktion Eric Lüders und Petra Pau, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages

Beitrag und alle Fotos: Reiner Kolodziej

Seit 15 Jahren erinnert die Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde e.V. an das ehemalige Lager in der Wismarer Straße.

Von Jahr zu Jahr werden es weniger Zeitzeugen, die eine Einladung zu dieser Gedenkfeier wahrnehmen können. Viele sind bereits in hohem Alter verstorben und die Überlebenden können meist aus gesundheitlichen Gründen die Reisestrapazen nicht mehr auf sich nehmen.

Zwei der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, Josef Pilecki aus Polen und Boris Popov aus Weißrussland, waren gekommen. Pilecki wurde zur Zwangsarbeit in Danzig gezwungen, sein Bruder war im KZ-Lichterfelde. Boris Popov war Kriegsgefangener in einem Stalag.

Unter den Gästen befanden sich Vertreter aus Initiativen, aus Politik und aus den anliegenden Kirchengemeinden.

Auch dieses Jahr nahm die Steglitzer Jugend aktiv an der Gedenkfeier teil. Schülerinnen und Schüler aus dem Beethoven-Gymnasium und der Louise-Schröder-Schule sorgten für eine angenehme musikalische Untermalung.

Nach der Begrüßung durch die IKZ Vorsitzende Annette Pohlke übernahm der 2. Vorsitzende Thomas Schleißing-Niggemann die Moderation und führte durch das Programm.

Nach einer beeindruckenden Rede von Roger Bordage, Präsident des Internationalen Sachsenhausen Komitees, und einer prägnanten Rede von Stadträtin Cerstin Richter-Kotowski folgte Jasmin Kozloski, Schülerin der Louise-Schröder-Schule, deren Rede wir hier abdrucken.

Rede Jasmin Kozloski

Als ich vor einigen Wochen gefragt wurde, ob ich dazu bereit wäre, am heutigen Tag eine Rede zu halten, zögerte ich zunächst. Schaffe ich das, zu so einem wichtigen und brisanten Thema, hier an diesem denkwürdigen, schmerzerfüllten und unmenschlichem Ort neue Gedanken und Worte zu finden, die nicht schon vor mir, von sehr viel weiseren und bedeutsameren Menschen als mir, viel wortgewandter gesprochen wurden? Habe ich, Jasmin Kozloski, 17 Jahre alt und Schülerin der gymnasialen Oberstufe in der Louise-Schroeder- Schule etwas Neues zu sagen?

Nein, etwas Neues nicht. Ich spreche zu Ihnen als Zeugnis dafür, dass es Hoffnung gibt. Als Zeugnis dafür, dass es meinem Elternhaus und meiner Schule gelungen ist, Werte wie Empathie, Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft, kritisches Denken und Handeln in Gang zu setzten und zu pflegen. Als Hoffnung dafür, dass ich einer Generation angehöre, die die Schrecken und die Grausamkeit des Krieges nicht persönlich erlebt hat, und doch weiß - so etwas darf nie mehr geschehen.

Trotz meiner Aufregung, vor so vielen Menschen zu sprechen, kann ich jetzt sagen, dass ich mich geehrt fühle und glücklich darüber bin, heute hier zu sein.

Ich möchte den heutigen Tag dazu nutzen, auf die Wichtigkeit der Vermittlung von menschlichen Werten in unserer Gesellschaft, besonders in der heutigen Jugend, aufmerksam zu machen.

Eigentlich sollte es für jeden von uns selbstverständlich sein, der älteren Dame über die Straße zu helfen, ihr die Einkaufstasche nach Hause zu tragen, der schwangeren Frau den Sitzplatz im Bus zu überlassen und fremde, notleidende Menschen mit offenen Armen zu empfangen.

Leider ist dies in unserer Gesellschaft viel zu oft nicht der Fall.

Die Realität, PEGIDA, die Wahlergebnisse der AfD, der Angst und Schrecken verbreitende Terrorismus in der Welt und der Umgang mit hilfesuchenden Flüchtlingen erschrecken mich zutiefst und lassen mich manchmal an der Menschheit zweifeln.

Ruth Klüger, die als Kind in die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Christianstadt verschleppt worden war, sagte am diesjährigen Auschwitz-Gedenktag, in ihrer Rede im Bundestag, ich zitiere: "[…] dieses Land, das vor achtzig Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Großherzigkeit, mit der Sie die Flut von syrischen und anderen Flüchtlingen aufgenommen haben und immer noch aufnehmen."

Doch hat Deutschland diesen Beifall wirklich verdient?

Jeden Tag, wenn wir den Fernseher einschalten und uns die Nachrichten anschauen, werden wir mit grausamen Bildern konfrontiert, in denen Gewalt und Fremdenhass im Mittelpunkt stehen. Betrachtet man Deutschland von außen, so mag Frau Klügers Aussage zweifellos stimmen - Deutschland ist ein hilfsbereites und menschenfreundliches Land geworden. Jedoch dürfen wir unsere Augen vor dem, was im Inneren Deutschlands geschieht nicht verschließen. Rassismus, Ausgrenzung, Gewalt und Übergriffe auf Flüchtlingsheime sind immer noch allgegenwärtig.

Haben wir Menschen aus der Vergangenheit, aus der Vielzahl von Kriegsverbrechen nichts gelernt? Bestimmte Verhaltensmuster, wie Gewalt und Fremdenhass, scheinen sich wieder etabliert zu haben.

Glücklicherweise gibt es in unserer Gesellschaft dennoch eine Vielzahl von Menschen, die sich im Alltag für Hilfsbedürftige einsetzen, ehrenamtlich tätig sind und jeden Tag aufs Neue Zivilcourage beweisen. Damit solche Werte auch in Zukunft weiterhin in unserer Gesellschaft gelebt werden, ist eine umfangreiche und vielseitige Bildung unerlässlich. Im Hinblick auf das aktuelle Geschehen kommt dem Geschichtsunterricht eine wichtige Rolle zu. Neben seinem verantwortungsvollen Bildungsauftrag, der Wissensvermittlung - kommunikativ, anschaulich und realitätsnah Inhalte zu vermitteln - ist es wichtig, dass sich die Schüler mit einem authentischen Bild der Vergangenheit auseinandersetzen und sich dadurch ein eigenes Urteil bilden können. Hierfür ist die Erhaltung und Einbeziehung von Gedenkstätten unerlässlich.

Gerade in Berlin mit seiner Vielzahl an großen und kleinen Denkmälern und Gedenkstätten, wie dieser, bietet es sich an, anschaulich Geschichte zu vermitteln.

"Was geht uns das noch an?" Eine Umfrage der Wochenzeitung "Die Zeit" ergab, dass die NS - Zeit die Jugendlichen nach wie vor bewegt, sie aber nicht auf Befehl betroffen sein möchten. Sie wollen dieser Frage nicht theoretisch, verordnet und verkrampft gegenübertreten. So kommt es oftmals zu einem Konflikt zwischen Lehrererwartung und Schülerunlust. Häufig wird den Schülern im Geschichtsunterricht ein sozial erwünschtes Sprechen antrainiert, da das erwünschte Ergebnis einer Diskussion unausgesprochen zur Vorbedingung wird. Aber was ist falsch daran, über politisch unkorrekte Schüleraussagen und Fragen von Schülern im Unterricht offen zu sprechen, darüber zu diskutieren, um diese richtig zu stellen, anstatt diese empört abzuweisen und abzuqualifizieren?

Um Jugendlichen einen authentischen Zugang zur Geschichte ermöglichen zu können, darf der Holocaust nicht als abstrakt und unbegreiflich dargestellt werden – nicht so, als wäre das schlimmste Verbrechen des Jahrhunderts quasi aus dem Nichts entstanden.

Für die heutige Jugend steht das Gedenken und die Erinnerung an die NS - Zeit nicht mehr in einem Widerspruch zu einem friedlichen Deutschland.

Die entscheidenden Fragen, die sich nicht nur allein Schüler stellen, Fragen, die uns im Innersten bewegen, sind:

Wie konnte sich diese Gewalt in einer modernen Gesellschaft entwickeln, bzw. was muss jeder Einzelne tun, damit sich ein solch‘ grausames Verbrechen niemals wiederholen kann? Und vor allem, wie konnten scheinbar ganz normale Menschen das tun, was kein normaler Mensch fassen kann?

Antisemitische Verhaltensweisen sind leider tief in der deutschen Geschichte und Alltagskultur verwurzelt und finden sich erschreckenderweise auch heute noch in allen Gesellschaftsschichten und Gruppen, unabhängig von sozialer Zugehörigkeit und unabhängig vomBildungsgrad.

Ausländerfeindlichkeit gab es in Deutschland schon immer; allerdings hat es, seitdem Vereinigungen wie PEGIDA und die AfD Hetze gegen Asylbewerber betreiben, und wir zusehen, wie bisher unauffällige Bürger Flüchtlingsunterkünfte anzünden, nun völlig neue und beängstigende Dimensionen angenommen.

Die Flüchtlingswelle führt in Deutschland in vielerlei Hinsicht zu Irritationen, Angst und Unsicherheit. Eigentlich sollten Jüngere von den Älteren lernen, jedoch gerade ältere Generationen fürchten die hohen Flüchtlingszahlen als Bedrohung für ihren erarbeiteten Wohlstand, ihre vertraute Umgebung. Junge Menschen hingegen sehen das Fremde zumeist als Chance - und sollten somit den Älteren ein Vorbild sein.

Hass und rassistische Gewalt haben überall dort eine Chance, wo sich ihnen niemand entgegenstellt. Eine starke Zivilgesellschaft ist die wichtigste Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie, in der Minderheiten geschützt, Bürgerrechte respektiert und Grundwerte offensiv verteidigt werden.

Geschichte ist keine Rechtfertigung sondern immer Verantwortung. Verantwortung, welche die zukünftigen Generationen bewachen, bewahren und immerzu weitergeben müssen.

Ich schließe meine Worte an Sie mit einem Zitat von Jean- Baptiste Molière:

"Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun!"

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