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17.1.2019

Martin Luther King jr. am 13. September 1964 in Berlin

von Henning Kiene

13. September 1964: Martin Luther King im Gespräch mit Berlinern

Als Martin Luther King die Kanzel betritt, stimmt der Chor das Spiritual "Go down Moses" an. Der Satz "Let my people go!" will nicht enden. "Es ist wahrhaftig eine Ehre, in dieser Stadt zu sein, die als ein Symbol der Trennung auf dieser Erde steht", sagt King, "denn hier leben auf beiden Seiten der Mauer Gottes Kinder, und keine von Menschen gemachte Grenze kann diese Tatsache auslöschen."

Das Amt der Versöhnung vollende Christus genau da, "wo Menschen die Mauern der Feindschaft abbrechen". Er spricht von der Bürgerrechtsbewegung in den USA, von Rosa Parks, dem ungeplanten Protest gegen die Trennung der Schwarzen und Weißen und der Befreiung "unseres Volkes". King meint die Schwarzen Bürger seines Landes. Die Berliner haben ihre Unterdrückung vor Augen.

Dann spricht er von der großen Enttäuschung. Die begann, als die Befreiung der Schwarzen stockte. Bei der Suche nach einer Erklärung für dieses "Festgehalten-Sein" gab es nur eine einzige Antwort – "die eures großen Reformators Martin Luther: 'Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir.' So begann unsere Bewegung … durch das mächtige Handeln Gottes. Menschen werden nur aufgerufen, im Gehorsam zu antworten". King spricht von den Opfern aus Montgomery, deren Leiden für neue Bewegung sorgten.

"Wir haben das Ägypten der Sklaverei verlassen", die Tage nur persönlicher Frömmigkeit seien längst vorüber. "Es ist der Glaube, den ich euch Christen hier in Berlin anbefehle, ein lebendiger, aktiver, starker, öffentlicher Glaube, der den Sieg Jesu Christi über die Welt bringt." Etwa viertausend vorwiegend junge Berlinerinnen und Berliner folgen an diesem Abend der Rede von Martin Luther King.

Sie erleben mit, wie ein Satz aus der Reformationszeit zurückkehrt und neu gedeutet wird. Die Berlinerinnen und Berliner hören das alte "Hier stehe ich, ich kann nicht anders". Viele haben den Reformator vor Augen. In Worms sehen sie ihn – er soll seine Thesen und Schriften widerrufen. Nach einer Bedenkzeit stellt der Reformator vor dem Reichstag fest, auch Päpste und Konzilien könnten irren. Er, Martin Luther, sei gefangen in dem Worte Gottes. Etwas wider das Gewissen zu tun, sei weder sicher noch heilsam. "Gott helfe mir, Amen!", schließt er.

Martin Luther King knüpft hier an. In zweihundert Städten des Südens der USA lernten die Studenten, dass es besser sei, "mit Würde ins Gefängnis zu gehen, als in Erniedrigung zu leben." Es geht um das Gewissen eines Einzelnen, der vor Kaiser und Reich steht. Es geht ihm um die Frauen und Männer, die ihre Unterdrückung beenden wollen. King spricht von den USA, die Berlinerinnen und Berliner fühlen sich verstanden. Sie vertrauen ihm, wenn er sagt, es sei "der Glaube, der uns einen Weg gezeigt hat, wo es keinen Weg zu geben scheint". Diesen Weg wollen viele, die diesen Abend erleben, beschreiten. In Berlin, so resümiert die FAZ zwei Tage später, "... war der Wunsch spürbar (und diese Spürbarkeit ist keine feuilletonistische Erfindung), einem Mann zu begegnen, der Revolution und Menschlichkeit verbindet, einem Führer, der auf Gewalt wie auf Ideologie verzichtet, einem Menschen von legendärem Ruf."

Im "Hospiz an der Friedrichstraße" werden am späten Abend einige Fotos gemacht. Zu sehen ist der amerikanische Gast mit den Berliner Kirchenleuten. Zum Gespräch am Tisch gibt es Bier, Wein und dicke Zigarren. Als King am Checkpoint Charly seine American-Express-Karte wieder in die Hand nimmt, hat die Predigt auf der anderen Seite der Mauer Spuren hinterlassen. Viele haben neue Zuversicht geschöpft. Sie folgen dem Bürgerrechtler und seiner Übersetzung des "Hier stehe ich, ich kann nicht anders". Jahre später fahren einige der Zuhörer nach Prag. Sie wollen die Reformen des "Prager Frühlings" mit eigenen Augen sehen. Auf die Militärintervention werden sie im Herbst 1968 mit den Mitteln, die der US-amerikanische Bürgerrechtler gepredigt hat, reagieren.

Quelle: EKD Das Magazin zum Themenjahr 2016 Reformation und eine Welt

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