Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.9.2019

30 Jahre Pfarrer in Lichterfelde
1986–2016

Lutz Poetter

Liebe Gemeinde,
Petrus Lichterfelde-Ost, das wäre etwas für mich, versicherte mir Oberkirchenrat Dietrich Wewerke im Konsistorium. Nach vier Jahren als Pastor im Hilfsdienst suchte ich 1985 eine "eigene" Gemeinde. Lichterfelde-Ost und seine 10.000 Evangelischen kannte ich damals kaum.

Die nagelneue Holzkirche war gerade fertiggestellt als Kinder- und Jugendhaus mit großer Freifläche, und die Petruskirche faszinierte mich mit ihrer Architektur und ihren Möglichkeiten für Gottesdienst, Kunst- und Kultur. Jutta Adam und Dietmar Kroll waren Sozialarbeiter für Kinder und Jugendliche, es fehlte ein Jugendpfarrer. Alle gewählten Mitgliedern des Gemeindekirchenrates wollten mich, Reisert und Scherer wünschten keinen dritten Pfarrer neben sich. So präsentierte mich das Konsistorium der Gemeinde, ich stellte mich vor in der Petruskirche. Am 1. Advent 1985 begann mein Dienst. Anfänglich fehlte fast alles: Pfarrstelle, Pfarrwohnung, Pfarrbüro, Pfarrdienstordnung, Seelsorgebezirke. In den ersten Monaten teilte ich mit meinen Pfarrkollegen Rolf Reisert und Dr. Eberhard Scherer unsere Dienste und Aufgaben ein. Rolf Reisert war der Pfarrer für die Kulturarbeit und die Senioren, Eberhard Scherer für Familiengottesdienst, Kinderarbeit, Kita Petrusheim und die beiden Miniclubs, Lutz Poetter war zuständig für die Jugendarbeit in der Holzkirche und in der Jugendetage "Sumpf" im Gemeindehaus. Die Geschäftsführung wechselte im Zyklus der GKR-Wahlen. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wirkten mit in allen Bereichen. Mein erstes großes Fest war Weihnachten 1985. Nach Ostern 1986 hatte ich meine ersten Lichterfelder Konfirmanden, 56 Jugendliche in vier Gruppen. In Tschernobyl explodierte ein Atomreaktor und verseuchte auch in Berlin Luft und Boden.

Rogate 1986 – Pfarrer Poetter – Ostern 2016
Bild: privat / Reiner Kolodziej

Rogate 1986 wurde ich von Superintendent Friedrich Wirnsberger in der Petruskirche als Pfarrer der Petrusgemeinde eingeführt.

Allmählich erfuhr ich die Gemeindegeschichte von Groß-Lichterfelde, die ehemaligen Petruspfarrer Muhs, von Lutzki, Baltzer und Rohde waren in den Erzählungen immer präsent. Es gab noch Alte, geboren vor 1900. Im Herbst feierten wir die Einweihung der Holzkirche. Pfarrer Scherer verließ dann den Miniclub in der Holzkirche, die Kita Petrusheim und den Sanierungsbeirat. Ich sprang ein, auch beim Kontakt mit dem Team Sozialplanung. Ich bin besonders dankbar für die Zusammenarbeit mit dem Gemeinwesenarbeiter Dietrich Grothe-Jung, dem innovativen Stadtplaner und eigentlichen Initiator des südlichen Neubaugebiets Woltmannweg. Seiner Initiative verdankt die Gemeinde auch die neue Holzkirche, an der Dietmar Kroll mit den Jugendlichen kräftig mitgebaut hat.

Jugendarbeit im Kirchenkreis Steglitz hatte großes Gewicht und viele Akteure. Im Amt für Jugendarbeit arbeiteten Hauptamtliche, jede Gemeinde hatte einen offenen Jugendkeller, eine Jugendetage mit Sozialpädagogen oder Diakonen. Es gab damals Offene Jugendarbeit, Jugendgruppenarbeit, Jugendwerkstätten, Jugendreisen und Konfirmandenarbeit.

Meine ersten Konfirmationen feierte ich im Mai 1987, etliche Jugendliche entwickelten neue Projekte. So entstand im Keller des Gemeindehauses die Fahrradwerkstatt, in der Jugendetage ein Café mit Freizeitangeboten. Viele Jugendliche blieben in Kontakt. Es gab studentische Honorarkräfte, Jugendleiter und Teamer. Im Sommer starteten wir zur ersten Jugendreise nach Portugal, in den nächsten Jahren fuhren wir in die französischen Pyrenäen.

Im Kirchenkreis und im Pfarrkonvent fühlte ich mich wohl. Drei meiner Vikarskollegen traf ich hier: Pfarrer Immel aus Südende, Pfarrer Laser aus Alt-Lankwitz und Pfarrer Funk aus Lukas.

Die Zusammenarbeit mit dem Amt für Jugendarbeit setzte ich fort mit Peter Dufour im Vorstand des Evangelischen Jugendhilfevereins. Daraus entstanden sozio-kulturelle Jugendprojekte in der Holzkirche und eine Ausstellung in der Petruskirche.

Im Sommer 1988 war Hochzeit von Dr. Sibylle und Lutz Poetter. Im Herbst gab es eine Feier und eine Ausstellung "90 Jahre Petruskirche". Pfarrer Reisert kündigte an, die Gemeinde zu verlassen. Ich wurde zuständig für die unbebauten Kirchengrundstücke. Diese sollten vom Staat als Dauerkleingartenkolonie ausgewiesen werden, die Kirche würde damit ihr zukünftiges Bauland verlieren. Für mich galt es, die Besitzrechte der Gemeinde zu schützen.

Senioren aus der der Altentagesstätte regten an, ihre Goldene Konfirmation in der Petruskirchezu feiern.

Ich erlebte den Abschluss der Neubauten im letzten Bauabschnitt im Woltmannweg mit Dietrich Grothe-Jung, wir erstellten gemeinsam eine Video-Dokumentation über die Sanierung.

Justus Charlie Poetter Ostern 1989 – Bild: privat

Im Frühjahr 1989 erlitt Pfarrer Reisert einen Herzinfarkt und wurde dienstunfähig. Ehepaar Poetter wurde der Sohn Justus geboren, Lutz Poetter übernahm zur Jugendarbeit und Geschäftsführung zusätzlich die Kulturrabeit und die Altenarbeit. Durch die Maueröffnung hatten wir plötzlich ein anderes Lichterfelde, ohne Grenze bis weit ins Umland.

1990 ging Pfarrer Reisert in den Ruhestand. Pfarrer Metzner zog mit seiner Familie aus Brüssel ins Lichterfelder Pfarrhaus. In der Holzkirche begannen Constantin Huth und Ute Renung ihre gemeinsame Arbeit mit Jugendlichen, der Mädchentreff Bella entstand in Giesensdorf.

Der Bücherbasar und "Rock' n'Church" in der Petruskirche starteten als gemeinsame Projekte mit Kulturgruppe.

Ich absolvierte eine berufsbegleitende Ausbildung in Organisationsentwicklung. In der Küsterei in der Kiesstraße begann das digitale Zeitalter mit einem Pilotprojekt: Sibylle Mewis und Marion Hoeher bekamen einen Computer samt Büroausstattung. 1992 wurde Jonas Mickie Poetter geboren. Beide Pfarrersöhne wuchsen in der Gemeinde auf, in der Kita Petrusheim, in der Holzkirche, beim Konfer, in der Fahrradwerkstatt Parallelstraße und den Radtouren um den Plauer See, bei den Jugendreisen nach Schweden, Frankreich, Italien und Spanien.

Im folgenden Jahr zeichnete sich nach schweren Auseinandersetzungen ab, dass Volkmar Metzner weggehen würde. Seine Pfarrstelle wurde gestrichen.

Lutz Poetter übernahm auch die Kunst- und Kulturarbeit. Gisela Kürschner folgte Horst Ellenbeck in der Organisation der Kulturveranstaltungen, der Kunstbeirat der Petruskirche wurde gegründet. Die HNO-Praxis Dr. Poetter eröffnete in Zehlendorf.

Für ein Jahrzehnt war ich nebenbei Notfallseelsorger im Soforteinsatz bei plötzlichen Unglücks- und Todesfällen. Renate Zarneckow erkrankte an Krebs, Michael Zagorni vertrat sie als Kirchenmusiker bis zu ihrem Tod und erhielt dann die Stelle.

Im Herbst 1994 zog Familie Poetter von Schöneberg nach Lichterfelde in die freie Dienstwohnung im Pfarrhaus.

Am 17. Juli 1996 verwandelte ein Brand die Holzkirche größtenteils in eine Ruine. Im Streit um den Wiederaufbau und die Fortsetzung der Arbeit am Standort Holzkirche kam es zum Bruch zwischen den beiden Pfarrern, ein Riss ging durch den Gemeindekirchenrat. Kirchensteuern flossen knapper in die Gemeinde, Bedenkenträger befürchteten, unsere Personalkosten könnten zu hoch sein.

Im Namen des Herrn unterwegs 1997 zur Trauung in Nikolskoe – Bild: privat

Pfarrer Poetter wurde neben der Gemeindearbeit mit einer halben Stelle als Schulpfarrer beauftragt. Um die gefühlte Finanznot mit einem Schlag zu beenden, kündigte Pfarrer Scherer drei Gemeindemitarbeiterinnen und einem Mitarbeiter zu Weihnachten 1997. Er wurde in den sofortigen Ruhestand versetzt und verließ Lichterfelde im Januar 1998. Pfarrer Poetter war nun der einzige Petruspfarrer, noch halb in der Schule. Peter Neumann war der einzige Pfarrer in Giesensdorf.

1998 rückten die beiden Nachbargemeinden näher zusammen: Gottesdienste sonntags früh in der Dorfkirche, danach in der Petruskirche, gemeinsame Chorarbeit. Susanne Peters-Streu, Pfarrerin aus Lankwitz kam nach Giesensdorf als Pfarrerin für Kinder- und Familienarbeit. Wir brauchten eine neue Organisationsform, ein neues Leitbild mit passender Redaktions- und Öffentlichkeitsarbeit. Im Vorfeld der Fusion wählten wir einen gemeinsamen Gemeindekirchenrat für beide Gemeinden, erhöhten die Gestaltungskraft der Gemeindeleitung und entwarfen eine Zukunftskonzeption für Petrus-Giesensdorf. Detlef Lutze übernahm den Vorsitz des GKR. Nach der Gründung des Holzkirche e. V. gab es kräftige Impluse für den Wiederaufbau der Holzkirche. "100 Jahre Petruskirche" feierten wir für alle gut sichtbar im Advent.

1999 war das Jahr der 1. Lichterfelder Jazz- und Bluestage, Giesensdorf feierte sein siebenhundertjähriges Bestehen.

Zum Millenium Anfang 2000 geschah die Fusion. Wolfgang Röcke, Präses der Kreissynode, vermittelte beim Verkauf des Pfarrhauses Kiesstraße an Familie Poetter. Der Verkaufserlös finanzierte zuerst den Umbau des Gemeindehauses Ostpreußendamm, das zentrale Anlaufstelle der Gemeinde wurde.

2001 begann der nächste Umbau im Gemeindehaus Parallelstraße. Etliche Gruppen kehrten nicht mehr zurück in die neuen Räume, Jugendetage, Altentagesstätte und Dienstwohnungen wurden vermietet. "Hänsel und Gretel" und die Kirchenchöre fanden gute Bedingungen, das Alt-Berliner Schmalzstullentheater belebte die leere Bühne. Es gab neuen Spielraum und neue Gruppenangebote, zusätzlichen Raum für die Kita Petrusheim nach der Schließung des Miniclubs.

Auf zur Konfirmation! – Bild: Privat

Am 8. Mai 2001 erlebte ich ein echtes Wunder an der Säule der Gefangenen mit den ehemaligen Häftlingen des KZ-Außenlagers Lichterfelde. Ihre Teilnahme am Festakt, ihre Bereitschaft zur Versöhnung und zum neuen Blick auf das heutige Lichterfelde beim Abend der Begegnung in der Petruskirche war überwältigend – und der Auftakt zu einer jahrelangen Wiederholung der Begegnungen durch Klaus Leutner und die Initiative KZ Außenlager Lichterfelde.

Im neuen Jahrtausend kam auch Bewegung in die Grundstückssache. Baustadtrat Uwe Stäglin leitete das Gespräch zwischen Gemeinde und Kleingartenverein bis zum fairen Vertrag für beide Seiten: Petrus-Giesensdorf konnte die halbe Fläche als Bauland veräußern, die andere Hälfte wurde für die Kleingartenkolonie langfristig gesichert.

2002 nahm Peter Neumann seinen Abschied, Michael Busch kam als neuer Jugendpfarrer. Kultur und Altenarbeit wurden meine Aufgaben. Gute Erfahrungen machte ich mit dem Giesensdorfer Seniorenarbeitsteam. Ich gab meinen Beitrag bei den Gemeindenachmittagen, besonderen Andachten, Bibelstunden und Gottesdiensten, im Besuchsdienst und bei den Seniorenreisen nach Holzhausen und Oppurg. Mechthild Spors-Weinmann aus Petrus leitete die Seniorenangebote 60plus ehrenamtlich weiter.

2003 erhielt Pfarrer Poetter drei Monate Studienurlaub. Ich untersuchte die Friedhofs- und Bestattungskultur, speziell die Darstellung der Trauer durch weibliche Grabstatuen. Ich hatte danach eine eigene Ausstellung in der Petruskirche. Daneben habe ich mehrfach mit Fotografien an Gemeinschaftsausstellungen teilgenommen.

Die zweite Staffel Jugendreisen begann 2005 mit Susanne Peters-Streu mit einer Schweden-Paddeltour, später führte Lutz Poetter sie alleine weiter bis 2014.

2006 feierten wir ein Jubililäum: "50 Jahre Holzkirche".

Die Kreisynode beschloss eine Erneuerung der Seniorenarbeit. Jüngere, rüstige Senioren sollten ein Angebot erhalten. In Petrus-Giesensdorf starteten wir die Aktiv-Radtouren 50plus, die eifrig fortgesetzt werden.

Jedes Jahr hatten wir Bauprojekte an den Kirchen, Gemeindehäusern, beiden Kitas, Holzkirche, im Gemeindezentrum Celsiusstraße mit Jürgen Bischof und den Jugendlichen. Helmut von Bohr war Stammgast als Architekt und Bauberater. Etwas ganz Besonderes war für mich der neue Altarraum mit der Rosette in der Petruskirche, den Wettbewerb gewann Lukas Derow.

Gastauftritt bei den 18. Lichterfelder Jazz- und Bluestagen 2016 mit Jesse Ballard und Hans Hartmann – Bild: Thomas Schade

Ich war gerne Kulturpfarrer: Die Konzerte und Ausstellungseröffnungen ergänzten und bereicherten meinen Dienst und öffneten die Kirche und meinen eigenen Beruf. Ich durfte Künstler begrüßen und gemeinam mit Musikern auf der Bühne stehen, manchmal auch mit meiner Bluesharp.

Ich bin dankbar für intensive Erfahrungen als Gemeindepfarrer in 30 Jahren, beim Konfer, Taufen, vielen Beerdigungen, nahen und weiten Reisen. Wir kamen uns nahe und sahen uns wieder: Kinder und Jugendliche baten mich später zu ihrer Trauung und zur Taufe ihrer Kinder, ich fuhr zu zahlreichen Kirchen in Berlin und in Brandenburg, einmal mit zwei Bräuten auf eine Schlosswiese in Mecklenburg-Vorpommern, einmal sogar zu einem Chateau in den Pyrenäen.

Trauung in der Petruskirche Sommer 2015 – Bild: Privat

Ich habe immer gerne gepredigt und dabei die Würde des gesprochenen Wortes gewahrt. Mich faszinieren die Texte der Bibel aus beiden Testamenten und die Erfahrungen der Menschen, die sie in der Frühzeit des Glaubens aufgeschrieben haben.

Ich war gerne Redakteur und Verfasser von Texten und Artikeln im "Schlüssel", über die Bibel, über Personen und Ereignisse, über den Blues.

Einige sind noch da, die schon an meiner Einführung teilnahmen. Viele sind nicht mehr unter den Lebenden. Seit einigen Jahren besteht ein engerer Gemeindekontakt in Lichterfelde. Meine langjährige Kollegin Susanne Peters-Streu verließ vor mir die Gemeinde und wechselte in den Kirchenkreis.

Ostern 2016: Es ist Zeit für mich zu gehen, zwei neue Pfarrer werden kommen. Mir obliegt, mich herauszuhalten, den Raum freizugeben für meine Nachfolger.

Ich möchte mit meiner Frau, die mich immer unterstützt hat frei und freizügig den Ruhestand genießen: Stressfreier, beweglicher und einfacher leben als Emeritus, meine Erinnerungen aufschreiben, Erfahrungen weitergeben. Muße halte ich als Bär für ein Geschenk, rosten dürfte ich nicht. Und ich bleibe ja Pfarrer – im Ruhestand.

Mit herzlichen Grüßen und großem Dank – Ihr und Euer

Lutz Poetter

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