ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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21.5.2019

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Der theologische Artikel

von Roland Wicher

"Hi, I am Greg, and I have a big Ego – Hallo, ich bin Greg, und ich habe ein starkes Selbstbewusstsein." Diesen Satz habe ich vor vielen Jahren von einem Sozialarbeiter im New Yorker Stadtviertel Bronx gehört – einem Viertel mit viel Armut. Der Mann leitete Kurse in Kirchengemeinden und anderen Einrichtungen, bei denen den Bewohnern vermittelt wurde, wie sie ihre politischen und sozialen Interessen in die Hand nehmen und etwas für sich und ihr Viertel tun könnten.

Frauen in Guatemala – Die Organisation "Nuevos Horizontes" hilft Frauen und Kindern, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. – Bild: Brot für die Welt

Diesen Satz vom großen Ego ließ er alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer laut und selbstbewusst aufsagen. Damit machte er ihnen deutlich, dass es wichtig ist, selbstbewusst aufzutreten, wenn man etwas erreichen will. Dann erarbeiteten die Teilnehmer der jeweiligen Nachbarschaft Pläne, wie sie beispielsweise dafür sorgen könnten, dass eine heruntergekommene U-Bahnstation oder die Straßenbeleuchtung wieder in Stand gesetzt wird oder dass bestimmte Jobprojekte vorangebracht werden.

Ermächtigung – Empowerment – das ist ein Schlagwort der neueren sozialen Arbeit und politischen Bildung, das in vielen Bereichen wichtig ist. Geprägt hat es der amerikanische Psychologe Julian Rappaport. Die Menschen zu befähigen, selbstbestimmt ihre Angelegenheiten zu regeln, die Rahmenbedingungen und das Bewusstsein zu schaffen, darum geht es hier. Auch in der Entwicklungszusammenarbeit spielt das eine große Rolle. Wenn man die Aktionen von "Brot für die Welt" sieht, für die alljährlich in vielen Gemeinden gesammelt wird, dann kann man diesen Ansatz erkennen. Bei vielen dieser Projekte geht es darum, den Menschen die Form von Beistand zu geben, die ihnen ermöglichen, Peinigern entgegen zu treten und eigene Lebensziele zu verfolgen. In Guatemala etwa hilft die Organisation "Nuevos Horizontes" den vielen Frauen, die dort Opfer häuslicher Gewalt werden, bietet ihnen Rechtsberatung und Psychotherapie an, und hilft dabei, wenn sie ihre Schulbildung nachholen möchten. Andere Projekte drehen sich um Alphabetisierung, den Erhalt und die Pflege traditioneller Landwirtschaft und vieles mehr. Immer geht es darum, Fähigkeiten und Selbstständigkeit zu fördern, und Menschen zu ermöglichen, ihre eigenen Anliegen zu verfolgen.

Unbegrenzte Ermächtigung spricht auch aus den Worten des 1. Petrusbriefs, wenn er die Christinnen und Christen als das "auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums" beschreibt. Gottes Licht geben sie weiter, von seiner Heilsbotschaft erzählen sie. Diese Ermächtigung beerbt das Alte Testament und bezieht sich so auf das Volk Israel. Als es am Berg Sinai ankommt, befreit aus der Gewalt des Pharao, unmittelbar bevor die Zehn Gebote übergeben und viele andere Gebote des guten Zusammenlebens aufgestellt werden, wird das Volk mit beinahe denselben Worten ermächtigt. Wir Christinnen und Christen können das heute so sehen, dass neben den Ersten Bund Gottes mit Israel der Bund mit denen tritt, die an Christus glauben. An beiden Stellen ist der Zuspruch mit Geboten verbunden, die das Zusammenleben ermöglichen sollen. Während die Zehn Gebote uns heute weitgehend plausibel sind, enthält der zweite Petrusbrief Forderungen nach Keuschheit und der Unterordnung von Sklaven, die aus der Entstehungszeit heraus wohl verstanden werden können, für mich aber in dieser Zuspitzung fremd klingen.

Die enorme Ermächtigung aber, die sollten wir hier hören. Priestertum aller Gläubigen – das war und ist in der evangelischen Kirche ein zentraler Leitgedanke. Königlich, das hat auch einen politischen Unterton. Kritisch gegenüber der Machtfülle Einzelner, werden hier die Einzelnen ermächtigt. Solches Selbstbewusstsein sollten wir uns zu eigen machen, um unsere eigenen Anliegen und die anderer, die Unterstützung brauchen, zu vertreten. Der Maßstab allen politischen Handelns im Geist des Gottes Israels und des Gottes Jesu ist dabei die Zuwendung zu den Schwachen, zu denen, die es brauchen. Das nennen wir Nächstenliebe.

Roland Wicher