Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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24.9.2019

Zum Monatsspruch
Der theologische Artikel

von Pfarrer E-Mail

Liebe Gemeinde,
Väter und Söhne, die wiederum zu Vätern neuer Söhne werden spielen in der biblischen Überlieferung eine wichtige Rolle. Das Volk Israel hat eine besondere Abstammung, denn seine Linien lassen sich bis zu den Stammvätern zurückverfolgen. Abraham, Isaak und Jakob sind nicht nur die genetischen Urahnen, mit ihnen verbindet und vererbt sich auch die göttliche Verheißung und Erwählung des Gottesvolkes. Abraham empfing sie als erster von Gott: "Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein."

Bild: Fotolia

Diese Genealogien – hebräisch Toledot – finden wir in den ersten Büchern der Bibel an hervorgehobenen Stellen. Wir erfahren so die Abstammungslinien aller wichtigen biblischen Personen von ihren leiblichen Vätern bis zurück zu den gemeinsamen Erzvätern. Diese Linien der Verheißung und Vererbung von Geschlecht zu Geschlecht sind im 1. Buch Mose beschrieben. Sie verlaufen oft krumm und schief: Alte Väter müssen lange auf den versprochenen und ersehnten Nachwuchs warten, ein trickreicher Sohn betrügt seinen blinden alten Vater und seinen arglosen älteren Bruder um das Erstgeburtsrecht, Männer in der genealogischen Kette sterben, ohne zuvor Söhne gezeugt zu haben, vornehme Frauen bleiben lange kinderlos und hoffnungslos. Die heftigen Konflikte unter den biblischen Eltern und zwischen Eltern, Töchtern und Söhnen werden ausführlich erzählt und gehören so zur authentischen Herkunftsgeschichte. In dieser ungeschönten Darstellung erweist die Bibel ihren Bezug zur Geschichte des auserwählten Volkes. Mit den Vätern und Müttern Israels sind keine fiktiven mythischen Gestalten beschrieben, sondern in hohem Maß lebensechte Personen aus der Frühzeit.

Moses

Umso erstaunlicher erscheint es, dass der wohl wichtigste Mann des Volkes Israel in den ältesten Quellen außerhalb jeder Genealogie stand und keinerlei Abstammung zu haben schien: Moses, der Befreier des Volkes aus ägyptischer Gefangenschaft und Empfänger der Gebote auf dem Gottesberg. Seine wahre Herkunft bleibt im Dunkeln, in den Berichten über seine Geburt und frühste Kindheit mischen sich Dichtung und Wahrheit. Er soll als Sohn hebräischer Eltern zur Welt gekommen und nach seiner Geburt entgegen einer amtlichen Tötungsanordnung versteckt worden sein. Dann soll er in einer kleinen Arche aus Weidenruten auf dem Nil getrieben sein, bis er direkt vor den Füßen einer badenden Pharaonentochter im Schilf hängen blieb. Diese habe ihn nach der Stillzeit in ihre Obhut genommen und soll ihn im Herrscherpalast aufgezogen haben. Der junge Prinz erhielt von ihr seinen rein ägyptischen Namen: Moses. Berühmte Pharaonen hießen so, unter ihnen Tut-Moses und Ra-Moses. Einen präsenten Vater hatte der adoptierte Findelsohn anscheinend nicht, nur zwei namenlose Mütter. Hand aufs Herz: Hätte denn seine hebräische Mutter ihren Sohn wirklich schutzlos in einem schwimmenden Korb auf dem Nil ausgesetzt, mitten unter die hungrigen Krokodile und angriffslustigen Flußpferde? So gerne diese niedliche Episode im Kindergottesdienst nacherzählt und nachgespielt wird: Sie trägt stark mythische Züge und soll legendär die geheimnisvolle Zugehörigkeit des ägyptischen Prinzen zum Sklavenvolk der Hebräer begründen.

Jethro und Pharao

Aber der junge Ägypter Moses hatte anscheinend auch keinen ägyptischen Vater, der ihm Regeln beibrachte. Der junge Prinz bewegte sich außerhalb der staatlichen Rechtsordnung. Er brach die Gesetze, er verübte einen Mord, tötete einen ägyptischen Beamten. Um der Strafverfolgung zu entgehen, musste er Hals über Kopf aus Ägypten fliehen. Der Mann, der ihn aufnahm, hatte offenbar großen Einfluss auf Moses: Jethro war Priester in Midian, er wurde sein Schwiegervater. Als Hirte seiner Schafe empfing Moses am Dornbusch die Offenbarung Gottes und seinen Auftrag, Führer und Befreier der Hebräer zu werden. Nach dem Machtkampf mit dem obersten Herrscher, dem göttlichen Pharao, wurde Moses zum Anführer des geflohenen Sklavenvolkes durch die Wüste. Auf dem Berg Sinai schließlich gab ihm Gott die Steintafeln mit den Geboten.

Erfuhr und wusste Moses, dass Gott ihn liebte, dass er ihn wie einen Sohn liebt? Moses erkannte, dass Gott ihm einen schweren Auftrag anvertraut hatte. Er blieb seinem Gott und seinem Auftrag gehorsam. Oft genug aber beklagte der Mann Moses sich bei Gott über das halsstarrige und undankbare Volk, das er beim Exodus und der Wüstenwanderung führen musste. Bei der Rückkehr vom Berggipfel der Offenbarung geriet Moses mitten hinein in eine Katastrophe, die ihn vollkommen aus der Fassung brachte.

Es gab zu allen Zeiten große Konflikte und zahlreiche Opfer, viele im wandernden Gottesvolk starben unterwegs. Auch Moses starb, bevor das versprochene Heimatland jenseits des Jordan erreicht war.

Jesus

Die Evangelien zeigen uns Jesus von Nazareth als den geliebten Sohn Gottes. Besonders ausführlich ist diese Vater-Sohn-Beziehung im Johannesevangelium beschrieben. Hatte Jesus denn – wie Moses – ebenfalls keinen menschlichen Vater? Sein Stammbaum legt das nahe, der endet erst mit Joseph. Jesus selbst hat wie Moses nur eine Mutter. Seine Herkunft aus Nazareth als Sohn der Familie des Zimmermanns erschien allen selbstverständlich. Das Erstaunen in seiner Heimatstadt war groß, als Jesus mehr sein wollte als der Zimmermannssohn. Seine Nachbarn und Freunde wunderten sich über seine Wandlung zum Prediger und Propheten, seine Geschwister und seine Mutter zweifelten sogar an seinem Verstand. Für Jesus selbst war nach der ältesten Überlieferung eine Begegnung mit Johannes dem Täufer am Jordan der Beginn seines neuen Lebens: Der wilde Bußprediger hatte ihn getauft. Und danach hörte Jesus die Stimme Gottes, der ihn seinen lieben Sohn nannte. Von Moment an war ihm alleine diese innige, liebevolle Beziehung zu seinem Vater im Himmel wichtig, seine Liebeserklärung änderte alles.

Danach suchte sich Jesus von Nazareth eine neue Familie: Menschen, die ihm folgen wollten als dem wandernden Menschensohn mit der Botschaft der Liebe Gottes. Seine Begleiter nannte er Brüder und Schwestern, Mütter uund Väter. Wer dem Willen Gottes gehorchen wollte als Antwort auf seine unermessliche Liebe, der gehörte zur Familie Jesu. Eine andere Familie hatte er nicht.

Jesus fand seinen Berg wie Moses, dort predigte er den Einklang der Gebote Gottes mit seiner Liebe zu den Menschen. Jesus legte die Gebote aus im Geist der Liebe, der Vergebung und der Freiheit. Zwei seiner Jünger sahen ihn später im gleißenden Himmelslicht auf dem Berg der Verklärung. In diesem strahlenden Moment war ihr Herr und Meister im Glanz der Gottesoffenbarung vereint mit den Glaubenshelden der Vorzeit: Neben Jesus erschienen Moses und Elia, der Mann Gottes und der ewige Prophet.

Väter können ihren Söhnen Liebe geben, Söhne können ihren Vätern Liebe geben. Für Mütter und Töchter gilt das natürlich auch, ebenso lieben Söhne ihre Mütter, Töchter ihre Väter. Ohne väterliche, mütterliche, geschwisterliche Liebe wachsen wir nur mühsam auf, unsere Herzen und Seelen verzehren sich in Sehnsucht. Nur wenige wachsen dann über sich hinaus und ersetzen den Mangel an erlebter Liebe auf einer höheren Ebene der Erfahrung. Aber unsere menschliche Liebe bleibt immer unvollkommen. Vollkommene Liebe kommt nur von Gott als dem Ursprung und Ziel unseres Seins. In seiner Liebe wird unser vorläufiges, unvollkommenes und unfertiges Leben vollendet, geheilt und gerettet. Und die Liebe Gottes bleibt – als wirklich einzige Seinsmacht ist die Liebe unvergänglich.

Mit diesen Gedanken zum Monatsspruch nehme ich Abschied von Euch und Ihnen. Es ist mein letzter theologischer Artikel im Schlüssel. Der März dieses Jahres ist mein letzter Monat als Pfarrer in der Gemeinde Petrus-Giesensdorf. Am 17. April wird mich Superintendent Thomas Seibt im Gottesdienst in der Petruskirche in den Ruhestand entlassen. Vertrauen wir gemeinsam auf die bleibende Liebe Gottes, wie sie uns in Jesus von Nazareth begegnet!

Mit herzlichen Grüßen

Pfarrer Lutz Poetter

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