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16.1.2019

Chuck Berry – vom Blues zum Rock'n'Roll

von Lutz Poetter

Charles Berry wurde am 18. Oktober 1926 in St. Louis im Staat Missouri geboren. Sein Vater Henry verdiente gutes Geld als Tischler in einer Baufirma und war Diakon einer Baptistengemeinde. Mutter Martha hatte als eines der wenigen schwarzen Mädchen ihrer Generation ein College besucht und einen Hochschulabschluss erworben.

Chuck Berry mit seiner Gibson beim "Duckwalk"

Im Hause Berry kamen sechs Kinder zur Welt, Charles war in der Mitte.

Charles, Spitzname Chuck wuchs im Ellardsville-Distrikt von St. Louis auf. Hier wohnten ausschließlich schwarze Bewohner, die zur amerikanischen Mittelklasse gehörten, also in ihrer Community die Elite bildeten. In der Ville konnte man als Afroamerikaner sogar Wohneigentum erwerben. Man schickte seine Kinder zur Privatschule, sie sollten etwas werden. Chucks Urgroßeltern waren noch Sklaven und Landarbeiter im Süden. Seine Eltern hatten den sozialen Aufstieg geschafft.

In den zwanziger Jahren herrschte in den USA strenge Rassentrennung. Gesetze regelten, dass Menschen unterschiedlicher Hautfarbe völlig unter sich blieben. Chuck Berry war drei oder vier Jahre alt, als er zum ersten Mal Menschen mit weißer Haut sah: Es brannte in seiner Umgebung, Feuerwehrleute aus der Innenstadt rückten an. Der kleine Chuck hatte für ihre farblose Haut nur eine Erklärung: Der Schreck über das brennende Haus musste den Feuerwehrleuten so in die Glieder gefahren sein, dass sie aschfahl wurden. Vater klärte den Jungen auf: Diese Weißen hätten immer eine helle Haut, Tag und Nacht, bei Sonnen- und bei Mondschein.

Schooldays

Lesen, Schreiben und Rechnen lernte Chuck in der Grundschule, dann wechselte er auf die Oberschule. Als Jugendlicher entdeckt er seine Leidenschaft für die Musik. Von Kindesbeinen an sang er im Chor seiner Kirchengemeinde, später auch im Schulchor.

Chuck Berry schwärmte aber für eine andere Musik als die seiner Gemeinde und Schule, er verehrte den Jazzpianisten Nat King Cole, den Rhythm-and-Blues-Saxophonisten Louis Jordan und den Bluessänger und Gitarristen Muddy Waters. Die spielten allerdings nicht die Chormusik seiner Kirche und seiner Schule. Bei einer Talentschau in der Schulaula zeigte sich Chuck als Sänger mit einem Schulfreund an der Gitarre. Sie brachten "Confessing the Blues" auf die Bühne, ein Stück vom Blueser Jay McShann. Die Schüler tobten vor Begeisterung, Eltern und Lehrer waren verstimmt. Chuck Berry erlebte zum ersten Mal das überwältigende Gefühl, als Musiker auf der Bühne zu sein. Er wusste, dass er zum Bluessänger und Gitarristen berufen war. Singen konnte er, nun wollte er auch richtig Gitarre spielen. Chuck nahm Unterricht bei dem renommierten Jazzgitarristen Ira Harris. Chuck’s Onkel war von Beruf Fotograf, bei ihm fand er seine Liebe zur Kamera.

Der Schulstoff und die Schuldisziplin lagen dem jungen Chuck weniger am Herzen.

Nach dem Abschluss der Highschool wollte sich der 17-Jährige ganz dem freien Leben und der Musik widmen. Doch daraus wurde zunächst nichts. Mit zwei anderen Jungs startete Chuck einen Abenteuertrip Richtung Kalifornien. Das Trio blieb in Kansas City hängen und machte gefährlichen Blödsinn. Mit einer gefundenen Pistole fuchtelten sie in einem Bäckerladen herum, ließen Anziehsachen aus einem Geschäft mitgehen, beklauten einen Friseur. Schließlich brachen sie ein Auto auf und stiegen ein. Die Autobahnpolizei stellte die drei und führte sie einem Haftrichter vor. Der verabreichte den drei jugendlichen schwarzen Ersttätern die Höchststrafe: Zehn Jahre Haft für versuchten bewaffneten Raubüberfall in einem Jugendgefängnis. Nach drei Jahren wurde Chuck Berry wegen guter Führung vorzeitig entlassen, an seinem 21. Geburtstag kehrte er als freier Mann nach St.Louis zurück. Im folgenden Jahr heiratete Chuck seine Schulfreundin Themetta Suggs, das junge Paar bekam Kinder. Chuck nahm jede Arbeit an, in der Baufirma seines Vaters, als Fotograf bei seinem Onkel, als Bandarbeiter und Pförtner in einer Autofabrik. An der Pforte eines Rundfunksenders kaufte er einem klammen Musiker dessen E-Gitarre ab. Tommy Stevens, ein ehemaliger Klassenkamerad lud ihn in seine Band ein, sie spielten am Wochenende in den schwarzen Clubs der Stadt. Chuck entwickelte eine quicklebendige Bühnenpräsenz. Als Sänger und Gitarrist hatte die Band ein breites Repertoire: Blues, Jazz, Boogie Woogie, Country und Hillbilly standen auf dem Programm. Ende 1952 holte der Jazzpianist Jonnie Johnson den jungen Musiker in sein Trio, Silvester spielten sie im vornehmen Nachtclub Cosmopolitan in East St. Louis auch vor weißem Publikum. Berry sorgte dafür, dass die Band genug Countrystücke spielte, die Lieblingsmusik der weißen Besucher. Chuck Berry war der wirkliche Frontmann und Topact. Kurz darauf hieß die Band "Chuck Berry Combo".

Maybelline

Im Mai 1955 machte sich Berry auf den Weg von St.Louis nach Chicago, um ein Konzert mit den Altmeistern des Blues Howlin' Wolf, Elmore James und Muddy Waters zu hören. Nach dem Auftritt holte er sich Rat, wo er selber einmal seine Musik präsentieren könnte für eine Schallplatte. Muddy Waters nannte ihm Chess Records, das berühmte Blueslabel der Gebrüder Philip und Leonard Chess in Chicago. Chuck Berry nahm ein Demoband mit und stellte sich bei Leonard Chess vor. Der Produzent war besonders von Chuck Berrys Version eines traditionellen Countrysongs mit eigenem Text beeindruckt und verabredete einen Studiotermin. Maybelline kam auf die Vorderseite der Schallplatte, Wee Wee Hours auf die Rückseite. Chuck Berry landete damit auf Anhieb einen Top Ten Hit in den Billboard-Charts. Maybelline gilt als der erste Song einer neuen Musikgattung, des Rock'n'Roll. Chuck Berry wurde für drei Jahre bei Chess unter Vertrag genommen. Und er erfand den "Duckwalk", eine witzige Showeinlage, die fortan sein Markenzeichen auf der Bühne wurde.

Weitere Superhits folgten, die den Siegeszug des Rock'n'Roll in die meist jugendliche Hörerschaft begleiteten: "Roll Over Beethoven", "Sweet Little Sixteen", "School Day", "Rock and Roll Music", "Oh Carol", "Memphis Tennessee", "Brown Eyed Handsome Man", "You Can't Catch Me", "Little Queenie", "Back in the U.S.A." und "Johnny B. Goode".

Chuck Berry erfand und spielte Musikstücke für alle Jugendlichen, schwarze und weiße, eigentlich unabhängig von ihrer Hautfarbe. Er erzählte Geschichten dieser Jugend in der Nachkriegszeit, packte ihren alltäglichen Frust zuhause und in der Schule wie ihre Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit in griffige Texte und schnelle Rhythmen. Rock'n'Roll wurde zur Musik einer rebellischen Jugend, sie erzeugte ein neues Lebensgefühl. Die Geschichten waren einfach und lebensnah. Maybelline schildert exemplarisch ein rasantes Autorennen zwischen einem Ford und einem Cadillac, verbunden mit der Flucht eines treulosen Mädchens vor ihrem hoffnungslosen Verehrer. Das kam an.

Go, Go, Johnny, go

Mit Johnny B. Goode setzte sich Berry selbst ein musikalisches Denkmal. Johnny ist der kleine schwarze Junge mit der Gitarrre und dem großen Traum, vom Landleben ins Rampenlicht der großen Bühnen in den Kultstätten des Musikgeschäfts aufzusteigen. Jonnie Johnson, Bandleader seiner ersten großen Band konnte definitiv nicht gemeint sein, er war doch Pianist. Der Junge, der es mit seiner Gitarre ganz nach oben schafft, das ist also Chuck Berry selber und kein anderer.

No particular Place

Der Rock'n'Roll war auch aus der Perspektive der Musiker ein Gegenbild zur verordneten Rassentrennung. Die frühen Bluesmusiker waren alle Schwarze, auch ihr Publikum bestand lange nur aus Mitgliedern der schwarzen Community. Ähnliches gilt für den Jazz. Die Stars des Rock'n'Roll mussten keine bestimmte Hautfarbe haben: Chuck Berry, Little Richard, Fats Domino und Carl Perkins hatten afroamerikanische Vorfahren, Jerry Lee Lewis, Elvis Presley, Buddy Holly und Eddie Cochran hatten europäische Ahnen.

Rock'n'Roller schotteten sich auch nicht von einander ab und sangen gerne und oft sehr erfolgreich die Lieder ihrer Kollegen. Legendär wurden die gemeinsamen Auftritte von Chuck Berry und Jerry Lee Lewis, die leidenschaftlich darum stritten, wer von beiden denn das prestigeträchtige letzte Stück auf der Bühne haben durfte.

Bandstand

Chuck Berry war ein kluger und weitsichtiger Mann. Er setzte sein Geld nicht für persönlichen Luxus und Prestigekäufe ein, sondern sparte es eisern und kaufte dafür Bauland. Darauf entstand sein eigener Musikclub "Bandstand", den Berry 1958 eröffnete, mitten in einem vornehmen weißen Geschäftsviertel von St. Louis. In seinem eigenen Club machte Chuck seine eigenen Regeln, er nahm es mit der strikten Rassentrennung nicht so genau: Schwarze und weiße Blues-und Rock'n'Roll-Enthusiasten waren ihm gleich willkommen. "Keine Hautfarbe, keine Rasse, nichts Politisches – nur die Musik" – das war sein Credo. Den Gesetzeshütern waren Chuck Berry und sein libertinärer "Bandstrand" ein Dorn im Auge. Drei Jahre später musste Berry ins Gefängnis. Sie hatten etwas gefunden und konnten dem Musiker eine Straftat nachweisen.

Er hatte eine Minderjährige aus Texas nach Missouri transportiert und erhielt dafür drei Jahre Haft. Das Vergehen war eindeutig konstruiert. Berry hatte in Mexiko eine junge Apachin aus Texas getroffen, er nahm sie im Auto mit nach St. Louis und gab ihr eine Anstellung in der Garderobe seines Clubs.

Nebenbei verdiente sich die junge Dame Geld im horizontalen Gewerbe in einem Hotel. Die Polizei kam ihr auf die Spur, fragte, wie sie denn in die Stadt gekommen sei. Sie nannte Chuck Berry. Endlich hatte man etwas gegen den Musiker in der Hand. Nach 20 Monaten Haft wurde Berry entlassen. Er wirkte verbittert, startete aber mit neuen Songs sofort wieder als Musiker. 1964 ging er zusammen mit Carl Perkins auf Tour durch England.

Chuck Berry mit 88 Jahren

Hail, hail, Rock'n'Roll

Zwei Entwicklungen förderten die Ausbreitung der Musik von Chuck Berry und seinen Kollegen. Etliche Spielfilme wurden gedreht, die die Musik und das Lebensgefühl der Rock'n'Roll-Generation zeigten. Diese Filme gingen um die Welt. Und die Epigonen der nächsten großen Musikwelle, der Rockmusik aus England – starteten alle in Liverpool oder London als Coverbands der amerikanischen Rock'n'Roll-Stars. Auf den frühen Plattenalben der Rolling Stones, der Beatles lesen sich die Songs wie die Playlist bei einem Chuck Berry-Konzert. Der Erfolg der jungen weißen Europäer mit der amerikanischen Musik rückte auch die originalen Musiker des Blues und des Rock'n'Roll wieder ins Rampenlicht. Berry kehrte so gestärkt von seiner Europatournee in die Heimat zurück. Zuhause gab es für ihn ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung, aber auch hohe Ehrungen trafen ein. Chuck Berry bekam den ersten Platz in der Rock'n'Roll Hall of Fame und einen Grammy für sein Lebenswerk. Die Präsidenten Carter und Clinton luden ihn zu Konzerten ins Weiße Haus ein. Unzählige Plattenalben verbreiteten seine Lieder rund um den Globus, sie wurden immer wieder von Nachwuchsmusikern gespielt. Sein "Johnny B. Goode" gelangte sogar ins Weltall: Die Raumsonden Voyager 1 und 2 nahmen es mit auf ihrer Goldenen Schallplatte für die Außerirdischen.

Von John Lennon stammt der Satz: "Wenn du dem Rock'n'Roll einen anderen Namen geben willst, dann kannst du ihn Chuck Berry nennen." Keith Richards, Gitarrist der Rolling Stones, sagte bei Chucks Einführung in die Hall of Fame in Cleveland: "Fällt mir sehr schwer, über Chuck Berry zu sprechen, weil ich jede Tonfigur von ihm aufgegriffen habe, die er jemals gespielt hat. Dies hier ist der Mann, der alles gestartet hat."

Chuck Berry spielt übrigens noch jeden Monat im Musikclub. Er wird bald 90 Jahre alt.

Pfarrer Lutz Poetter

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