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21.5.2019

Hebrew Senior Life – Bericht von Josephine Jung von Ihrem Projekt in Boston, Massachussetts
ASF – Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste

Hintergrund zu meiner Person

Hallo, ich bin Josephine Jung, 18 Jahre alt und bin in unserer schönen Hauptstadt Berlin aufgewachsen. Mein liebstes Hobby ist die Musik. Ich spiele drei Instrumente, nämlich das Klavier, Klarinette und Saxophon. Dies habe ich während meiner Schulzeit auch in unterschiedlichsten Gruppen wie unserer Big Band oder in unserem Orchester gemacht. Als ich in der Situation war zu entscheiden, was ich nach der Schule machen will, war mir eigentlich schon klar, dass ich nicht sofort studieren oder eine Ausbildung anfangen wollte. Ich war mir nämlich nicht wirklich sicher, was ich denn danach eigentlich machen wollte. Also habe ich angefangen zu recherchieren und bin auf die Idee des FSJs gestoßen. Ich habe von ASF über eine Freundin erfahren, deren beste Freundin mit ASF ein Jahr zuvor in New York City war. Mir gefiel diese Organisation im speziellen, weil es auf der einen Seite sehr gut finanziell zu händeln ist, aber natürlich auch der Aufarbeitungs-Aspekt sehr wichtig ist. Ich muss sagen, dass ich bisher noch nicht im geringsten die Entscheidung, mit ASF ins Ausland zu gehen, bereut habe. Ich denke eher, dass ich täglich Dinge erlebe, die bereichernd sind und mir dabei helfen, herauszufinden, was ich wirklich will.

Vorbereitung durch ASF


Alle ASF-Freiwillige und unsere Betreuer vom Seminar in Hirschluch.

Nachdem ich mir dann die Internetseite angeschaut habe, war es auch sehr bald Zeit sich zu bewerben. Nach ungefähr ein bis zwei Monaten wurde man zum Vorbereitungs- und Auswahlseminar eingeladen. Dort wurden wir durch Kleingruppenarbeit mit interessanten Diskussionen sowie durch Lesen der Freiwilligen-Berichte vorbereitet. Am Ende wurde man dann zu einem 45 Minuten langen Einzelgespräch mit einem der Teamer eingeladen.

Nach diesem Seminar hieß es nur noch: "Abwarten und Tee trinken." Denn es mussten ja alle Anwärter der vier Seminare gleichberechtigt behandelt werden. Nach ungefähr einem weiteren Monat bekam ich dann Bescheid, ob ich für einen Freiwilligenplatz genommen wurde. Was glücklicherweise der Fall war, nämlich im Bereich der Arbeit mit älteren Menschen in Boston in den USA.

Im Juni ging es für mich dann weiter mit dem Konsulatsbesuch. Dort habe ich ungefähr ein Drittel meiner USA-Mitfreiwilligen kennengelernt. Für uns war das natürlich sehr hilfreich, da man sich das erste Mal auszutauschen und gemeinsam Vermutungen anstellen konnte, wie das Folgejahr denn aussehen wird.

Für mich war es den Großteil der Vorbereitungszeit nicht real, dass ich in kurzer Zeit im Flieger nach Philadelphia sitzen würde. Dies änderte sich dann erst beim Packen und auf der Fahrt zum ersten Seminar mit den 130 anderen Freiwilligen in Hirschluch.

Ich habe die Zeit in Brandenburg wirklich genossen. Wir haben viel in den Kleingruppen, aber auch in den größeren Diskussionsgruppen über die unterschiedlichsten Themen gelernt.

Ankunft

Am 9. September ging es dann weiter mit meiner USA-Gruppe auf nach Philadelphia. Doch diese Anreise war leider, auf Grund von spontanen Streiks der Lufthansa, etwas holprig. Also es fing so an, dass wir dann erst einmal mitten in der Nacht einen Bus zum Berliner Hauptbahnhof nehmen mussten, um von da aus einen Zug nach Frankfurt zu nehmen, damit wir dort unseren Flug nach Philadelphia bekommen konnten. Denn es wurde nur auf nationaler Ebene gestreikt. Nach einer langen Zeit auf den Beinen kamen wir dann doch erschöpft, aber auch sehr gespannt im sommerlichen Philadelphia an.

Das Haus meiner Gastfamilie.

Dort hatten wir dann für weitere 9 Tage das Orientierungsseminar, auch genannt die O-Tage. Ich denke, das war sehr nützlich um jeden in der Gruppe noch einmal genauer kennenzulernen, weil man in Hirschluch ja Hunderte von Menschen um sich herum hatte und sich da nicht unbedingt nur auf die anderen USA-Freiwilligen konzentriert hat. Ein weiterer Teil der O-Tage bestand darin, schon einmal einen Einblick in die jüdische Kultur zu erlangen. Dies haben wir gemacht, indem wir beispielsweise in einer Synagoge am jüdischen Neujahr, Rosch ha-Schana, waren oder auch im jüdischen Museum in Philadelphia. Dies war für mich natürlich auch besonders von nutzen, da ich somit ein bisschen auf die nächsten zwölf Monate in meiner jüdischen Gastfamilie vorbereitet wurde.

Als ich dann am 17. September nach einer 6-stündigen Busfahrt mit Abstecher nach New York City bei der Station Riverside in Newton, einem Vorort von Boston, ankam, sah ich zum ersten Mal meine Mentorin Sara. Sie ist die Grossnichte eines Mitbegründers von ASF und mit ihr hatte ich auch die letzten Monate vor meiner Abreise Kontakt. Im Auto stellten wir uns erst einmal vor und sie fragte mich, ob wir uns denn auf deutsch oder englisch unterhalten wollten, da sie durch ihre deutsche Verwandtschaft beides hätte sprechen können. Doch ich beschloss, gleich von Beginn an ins kalte Wasser zu springen und nur Englisch zu reden. Sara ist mit ihrer Familie hier bisher auch die Einzige, die wirklich deutsch mit mir sprechen könnte, was mir natürlich beim Lernen von Englisch hilft.

Sara fuhr mich dann zu meiner Gastfamilie, Deborah und Marti, deren Tochter gerade noch aus Israel zu Besuch war und eine halbe Stunde nach meiner Ankuft zum Flughafen gebracht wurde. Meine Ankunft kann man also als ein wenig chaotisch, aber auch sehr gelungen bezeichnen.

Den Freitag nach meiner Ankunft habe ich erst einmal frei bekommen, um die ersten wichtigen Dinge zu erledigen. Am Abend wurden meine Gastfamilie und ich dann auch schon zu meiner Mentorin zu meinem persönlich ersten Shabbat-Dinner eingeladen.

Mein Projekt

Am Montag danach war dann mein erster Arbeitstag und erst einmal wurde mir das ganze Gebäude gezeigt. Zu Beginn habe ich mich ganz schön verloren gefühlt, weil ein Haus für ungefähr 400 Bewohner dann doch etwas größer ausfällt.

Danach wurde mir mein Team, nämlich das Life Enhancement-Team, vorgestellt. Aus diesem Team arbeitet eine Person jeweils auf einer Etage, wo diese Person dann für das Angebot der unterschiedlichen Aktivitäten sowie für das Planen center-weiter Veranstaltungen zuständig ist.

Einige Bewohner von einer unserer russischen Etagen und ich am Klavier

Meine Aufgabe besteht also darin, meinen Kollegen zu assistieren, Bewohner zu den centerweiten Veranstaltungen zu transportieren, sowie meine eigenen Ideen für Gruppen mit einzubringen und umzusetzen. Beispielsweise habe ich jetzt schon angefangen, auf manchen Etagen meine Instrumente zu spielen.

Die Arbeit auf unseren russischen Etagen würde ich nämlich auch als eine sehr interessante Erfahrung anmerken. Obwohl ich ja größtenteils den amerikanischen Alltag hier erlebe, finde ich es gut, dass ich auch viele andere, wie zum Beispiel die russische Kultur kennenlerne. Zwei meiner Teamkolleginnen sind ursprünglich aus Russland und sind somit auch auf den zwei vollständig russischsprachigen Etagen für die Aktivitäten zuständig. Jedes Mal, wenn ich auf ihren Etagen erscheine, fühle ich mich gleich wie in einer anderen Welt. Es ist noch nicht einmal allein die Sprache, die das verursacht, sondern auch das ganze Verhalten untereinander. Es fühlt sich immer sehr familiär auf diesen Etagen an. Sie bringen sich immer gegenseitig ihr Mittagessen mit und machen eine große Platte, wo sich dann jeder der Kollegen, einschließlich mir, bedienen kann.

Das russische Temperament kann erst einmal etwas streng herüberkommen, aber meine beiden Teammitglieder sind wirklich die hilfsbereitesten Menschen, die ich je kennen gelernt habe.

Eine andere spezielle Etage ist der sogenannte "Memory-Care Floor". Dort wohnen die Bewohner, die am stärksten von Alzheimer betroffen sind und besondere Hilfe brauchen. Im ersten Moment kann das vielleicht ein bisschen abschreckend wirken, aber wenn man sich bewusst macht, dass jeder von uns in solch einer Situation später sein könnte, würde ich die Arbeit dort noch mit am erfüllendsten beschreiben. Auf dieser Etage werden besonders viele Aktivitäten angeboten und diese sind meistens mit Musik verbunden, da meine Kollegin die dort zuständig ist, herausgefunden hat, dass dies der beste Weg ist, in Kontakt mit den Bewohnern zu kommen. Ich muss aber wirklich sagen, dass es natürlich auf der einen Seite das nicht angemessene Verhalten gibt, dass durch Alzheimer verursacht wird, aber auf der anderen Seite reden manche Bewohner dort auch so offen und emotional über Dinge, die sie bewegen, dass ich eigentlich immer mit einem guten Gefühl von dieser Etage gehe.

Obwohl ich schon vor Beginn meines freiwilligen Jahres ein Praktikum im Altenheim gemacht habe, fühlt sich diese Erfahrung wirklich nach etwas ganz Anderem an. Hier wird sehr viel Wert darauf gelegt, die Traditionen des Judentums einzuhalten. Sei es bei Feiertagen wie Rosh Hashana oder Sukkot, aber auch durch das wöchentliche Feiern des Shabbats nicht nur durch einen Gottesdienst, aber auch durch ein einleitendes Sing-Along.

Mein erstes Highlight

Meine Kollegin, die auf dem "Memory-Care Floor" arbeitet, mit mir während des Dekorierens der Sukka für den Feiertag Sukkot.

Ich glaube, ich kann meine Highlights hier gar nicht wirklich in Worte fassen, weil eigentlich jeder Tag ein Highlight ist. Ich lerne wirklich täglich etwas Neues. Sei es auf der Arbeit im Umgang mit Menschen, wie zum Beispiel auf dem "Memory-Care Floor" oder über das Judentum durch meine Gastfamilie und deren Umfeld. Deshalb würde ich als eines meiner Highlights auf jeden Fall die wöchentlichen Shabbat-Dinner bezeichnen, weil ich das wirklich als sehr schöne und bereichernde Tradition sehe.

Bei fast jedem Shabbat-Dinner, das ich hier miterlebt habe, gab es eine Mahlzeit, die mich an spezielle Feiertagsessen erinnert hat. Aber es ist nicht nur das, durch diese Tradition wird meiner Meinung nach auch der Austausch zwischen Familienmitgliedern sowie auch Freunden verstärkt. Da man deutlich mehr Zeit mit seinen Gästen verbringt als bei normalen Abendessen. Ich kenne solche Ereignisse meist nur in Verbindung mit "Gründen" zu feiern, wie zum Beispiel Feiertage oder Geburtstage. Das gefällt mir wirklich sehr gut, dass das auf wöchentlicher Basis passiert.

Des weiteren bin ich in den letzten Monaten, durch die Hilfe meiner Vorgängerin, auch zu einem Gospel-Chor hier am Boston College gekommen. Das erste Mal als ich sie bei einem Auftritt gesehen habe, war das wirklich so wie man sich einen richtigen Gospel-Chor vorstellt, sehr spirituell. Dies habe ich so noch nie in Deutschland kennengelernt und würde das auf jeden Fall auch als eines meiner Highlights beschreiben.

Erwartungen und Ziele

Die Erwartungen ans kommende Jahr, die ich mir selber setze, bestehen darin, noch mehr aus mir herauszukommen und meine musikalischen Fähigkeiten zu Gunsten der älteren Menschen einzusetzen. Beispielsweise würde ich gerne bei unserem wöchentlichen Shabbat-Sing-Along entweder die Sängerinnen mit dem Klavier begleiten oder ein paar Stücke mit meinem Saxophon einstudieren und mit den Bewohnern teilen.

Im privaten Bereich würde ich mir noch das Ziel setzen, in den nächsten 8 Monaten noch so viel wie möglich von den USA zu sehen, denn ich glaube, dass ich diese einzigartige Möglichkeit nicht so bald wieder bekomme.

Danksagung

Und somit leite ich natürlich auch meine Worte zum Dank ein. Sei es gegenüber meinen Paten, die mich finanziell, aber auch seelisch unterstützt haben. Aber auch allen anderen Menschen in meinem Umfeld, die mich vielleicht nicht finanziell unterstützt haben, aber mich ermutigt haben diesen Weg zu gehen. Ohne euch wäre ich jetzt nicht hier und könnte nicht das größte Abenteuer meines bisherigen Lebens genießen.

Ein weiterer Dank geht natürlich auch an die Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf aus Berlin, die mir und zwei anderen Freiwilligen ihren Segen mit auf den Weg gegeben haben, was sich bisher auf jeden Fall ausgezahlt hat.

Ich bedanke mich natürlich auch bei meinem öffentlichen Zuwendungsgeber, dem internationalen Jugendfreiwilligendienst, ohne den mein FSJ hier nicht möglich gewesen wäre. Meine Kollegin, die auf dem „Memory-Care Floor“ arbeitet mit mir während des Dekorierens der Sukka für den Feiertag Sukkot.

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