ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Februar 2016

22.7.2019

Vom Beten

von E-Mail

"Wenn et Bedde sich lohne däät, wat meinste wohl, wat ich dann bedde däät." – So heißt es in einem Lied der Kölner Rockgruppe BAP aus dem Jahr 1982. Für diejenigen, denen der Kölner Dialekt nicht so vertraut ist, hier die Übersetzung ins Hochdeutsche: "Wenn beten sich lohnen würde, was glaubt ihr, was ich beten würde!"

Als mein Gebet
immer andächtiger und innerlicher wurde,
da hatte ich immer weniger zu sagen.
Zuletzt wurde ich ganz still.
Ich wurde,
was womöglich noch ein größerer Gegensatz
zum Reden ist,
ich wurde ein Hörer.
Ich meinte erst, Beten sei Reden.
Ich lernte aber,
dass Beten nicht bloß Schweigen ist,
sondern hören.
So ist es:
Beten heißt nicht, sich selbst reden hören.
Beten heißt:
Still werden und still sein und warten,
bis der Betende Gott hört.

Sören Kierkegaard

Wenn beten sich lohnen würde, ja dann...

Aber lohnt sich beten? Sind Gebete nur fromme Selbstgespräche, die in der Unendlichkeit verhallen? Wen kümmert das, was wir beten? Und wer, außer den ganz Naiven, betet überhaupt?

Beten Sie? Die Frage gilt nicht selten als Zumutung. Über das Gebet reden wir nicht so gerne, schon gar nicht öffentlich. Wer gibt schon öffentlich zu, dass er betet, auf die Gefahr hin von anderen schief angesehen zu werden. Es gehört in die ganz privaten Ecken unseres Lebens. Beten ist reden mit Gott, mit einem Gegenüber also, das nicht oder vermeintlich nicht antwortet. Das ist naiv, das ist suspekt, das gilt als ein Überbleibsel der alten und unaufgeklärten Zeiten in einer säkularisierten Welt. Ist das wirklich so? Ist Beten praktizierte Unvernunft? Viele mögen das so sehen, trotzdem wird gebetet – vielleicht mehr, als wir uns vorstellen.

Die meisten Menschen beten – wenigstens hin und wieder. Dem "O Gott!"-Seufzer merkt man das zumindest formal noch an. Und auch das wohl mehrmals am Tag geraunte "Oje" ist ein abgekürztes Stoßgebet, vollständig heißt es: "O Jesus!" Ähnlich verhält es sich mit dem Ausruf "O jemine" (O Jesu Domine). Gleichwohl kann nicht jedem Zeitgenossen, der ein solches "Gebetskürzel" ausstößt, sofort ein unkontrollierter Gebetsruf untergeschoben werden. Und gegen eine derartige gedankliche Zwangseingemeindung würden einige Menschen sicher auch heftig protestieren.

Woher kommt es, dass Menschen beten? Untrennbar mit dem Gebet ist wohl die tiefe Sehnsucht in uns Menschen nach Beziehung, nach Bewahrung und Schutz verbunden. Im Gebet werden diese Sehnsüchte und Wünsche transzendiert. Ein eindrucksvolles Zeugnis davon liefern die Psalmen des Alten Testaments. Sie dienten den Christen als Gebetsvorlage und ihre Sprache beeinflusste auch die eigene Gebetssprache. Christliches Beten wurde zur Anrede dessen, zu dem das Volk Israel immer wieder sagte: "Du bist mein Gott" (Psalm 31,15).

In den Psalmen – aber auch in den unzähligen Gebeten späterer Zeiten – wird deutlich, dass Beten oft mit Grenzerfahrungen zu tun hat. "Not lehrt beten", heißt ein Spruch, in dem sich Geschichte und Welterfahrung spiegeln. Das Beten gibt der Not eine Sprache, es vermeidet die Sprachlosigkeit in existenzieller Lage. Da gibt es nichts, was nicht gesagt werden darf – bis dahin, dass der Beter seinen Gott schüttelt und anklagt: "Warum hast du mich verlassen?" "Warum?", klagt der Beter. "Wie lange?", fragt er. Man erlegt sich keine Zensur auf im Gebet und man kann nichts falsch machen im Gebet.

Wer Fragen stellt, resigniert nicht. Wer fragt, wer klagt oder bittet, wer aufbegehrt – der hat schon angefangen, etwas zu unternehmen gegen das, was ihm und den anderen angetan wird. Und wenn das Gebet dabei hilft, der absoluten Sinnlosigkeit standzuhalten, wenn der Tod so nicht das allerletzte Wort hat – dann hat das Gebet etwas Österliches: Es hilft beim Wieder-Aufstehen.

Beten verändert tatsächlich etwas. Es verändert den Betenden. Dem evangelischen Pfarrer und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer war klar, dass man Hitler nicht wegbeten konnte. Aber aus dem Gebet schöpfte er Kraft zum Widerstand. Es ist die Macht des Gebetes, dass es etwas mit dem Menschen macht, der betet. Beten kann heilen und wieder mit dem Lebenswillen verbinden. Teresa von Avila, die vor 500 Jahren geborene spanische Mystikerin, vergleicht die Wirkung des Gebets für die Seele mit dem Regen, der einen Garten bewässert. Das Gebet macht ruhiger, geordneter, gewisser. Es macht auch mutiger.

Wem das alles zu kompliziert erscheint und wer es etwas deutlicher mag, der sei an Martin Luther verwiesen, der einmal von seinem Barbier gefragt wurde, wie das mit dem Beten ist. Wie viel und wie oft und mit welchen Worten soll man beten? Und Luther antwortete in seiner ureigenen Art: er soll sich mal nicht so viele Gedanken machen, denn das alles ist nicht so wichtig. Wichtig ist vielmehr, dass wir es tun. Und bevor man sich in Geschwätz verliert, reicht es völlig aus, das Vaterunser zu beten, da ist alles drin, was man braucht. Aber auch beim Beten des Vaterunsers ist es Luther wichtig, dass man sich konzentriert und nichts anderes nebenher macht; dass man dieses Gebet nicht herunterleiert oder einfach so daher plappert und womöglich nicht recht bei der Sache ist.

Luther steht in dieser Einschätzung ganz dicht neben Jesus selbst, der dem öffentlich zur Schau gestellten Gebet eher skeptisch gegenüber stand. "Wenn ihr betet, sollt ihr nicht wie die Heuchler sein, die gern in Gotteshäusern und an Straßenecken stehen und beten, damit die Leute sie sehen", sagte er in der Bergpredigt (Matthäus 6). "Wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist", heißt es weiter.

Da sollte es dem Beter nicht anders gehen als dem fleißigen Barbier: "Er muss seine Gedanken, Sinne und Augen gar genau auf das Messer und auf die Haare richten und nicht vergessen, woran er sei, am Rasieren oder am Schneiden. Wenn er aber zugleich viel will, plaudern und anderswohin denken oder gucken, würde er einem wohl Maul und Nase, die Kehle dazu abschneiden. So will auch jedes Ding, wenn es gut gemacht werden soll, den Menschen ganz haben mit allen Sinnen." So gesehen, lohnt sich beten.

Pfarrer Michael Busch