ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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20.1.2019

Jahreslosung für das Jahr 2016
Der theologische Artikel

von Pfarrer Roland Wicher

Mit der Mutter beginnt alles. Im Mutterbauch haben wir größte Nähe erfahren, ursprüngliche Gefühle des Geborgenseins, die unsere Seele in der Tiefe prägen. Das Gewebe unseres Lebens ist von dieser ersten Beziehung durchdrungen. Jede Mutter ist anders, jede Beziehung eines Kindes zur Mutter ist anders. Zugleich ist hier die Quelle unzähliger Bilder der Mutter, die menschliche Kultur durchdringen.

Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß – das Weihnachtsbild klingt am Anfang diesen Jahres noch nach. Eine Mutter, die ein kleines Kind mit ihren Armen liebevoll umfängt, umsorgt, tröstet. Wenige Bilder haben die Kunst so beeinflußt, wie die Mutterbilder. In der europäischen Kunst nimmt das die Gestalt der Jungfrau Maria mit dem Kind an. Die Andachtsbilder sprechen zu unserem Gefühl, lassen uns die Empfindungen nicht zuletzt der Mutter nachvollziehen. In Ihnen liegt Trost – und sie sind eingebettet in Geschichten der Hoffnung. So ermutigen diese Geschichten einzelne, aber als Schutzpatronin ganzer Städte und Länder konnte Maria für auch Gemeinschaften als Bild und Garantin von Schutz und Bewahrung stehen. Sicher hat es hier auch zweifelhafte Inanspruchnahme der Mutter gegeben, im Bund mit „väterlicher“ Gewalt. Die Marienbilder rühren aber zutiefst an – und trösten. Noch die Mutter, die den vom Kreuz abgenommenen auf dem Schoß hält, berührt auf eine letztlich tröstliche Weise, allein weil sie für Mitgefühl und Gesten der Liebe und Fürsorge steht. Hier schimmert die Fürsorge Gottes durch, und die große Erzählung der Auferstehung, des Trosts, in der Gott stärker ist als der Tod. Größeren Trost kann ich mir nicht vorstellen. Deshalb heißt es auch, dass Gott am Ende aller Zeiten alle Tränen abwischen wird.

Bei Jesaja wird erst das Land als Mutter beschrieben. Das Land ist eine Gebärende, in dem Text, zu dem die Losung gehört. Zion, der heilige Berg, auf dem Jerusalem steht, stellvertretend für das ganze Land. Die Geburt geht leicht, das Land wird wiedergeboren. Es stillt seine hungrigen Kinder, die sich satttrinken. Das ist ein fröhlicher Jubel, ein wonniges Bild für die Rückkehr nach dem Ende der Herrschaft der Babylonier. Die neuen Machthaber, die Perser, erlauben den Menschen die Rückkehr in die Heimat. Die Verschleppung ins Exil nach Babylon hat ein Ende, und Wiederaufbaustimmung herrscht. Freilich motiviert Jesaja mit seinen Worten dazu, hält gleichsam eine Erbauungspredigt. Die Strukturen des Landes, die Bauten und die Institutionen waren zerstört oder beschädigt, Tempel und Königshaus gab es so zunächst nicht mehr. Aber das Land macht Gott zur fruchtbaren, nährenden, liebevollen Mutter. Er selbst ist wie eine Mutter, tröstet die traumatisierten Seelen der Opfer babylonischer Gewalt. Der dritte, letzte Teil dieses Profetenbuchs ist von einem anderen Autor verfasst, als die ersten beiden. Große Hoffnungen treiben ihn an, ein ganz großer Aufbruch scheint möglich. Gott hat Unvorstellbares getan. Die Beziehung zu Gott ist tiefer nach der Krise, als sie es vorher war. Er will sein Volk trösten.

Eine Verheißung, aber das Leben spielt oft anders. Wir sind in unserem Leben immer wieder in Nöten, innerlich voll Klage und Geheul, manchmal bricht es auch aus einem heraus. Wir suchen Trost, der uns darüber hinweghilft, Hilfe, die beruhigt und neues Handeln möglich macht. Vor dem Trost kommt der Schmerz, das Erlebnis des Mangels. Ein Kind hat Angst, weil es Hunger spürt, es schreit. Es hat Schmerzen, hat sich wehgetan, weint. Gut, wenn jemand da ist, die oder der tröstet. Der Trost beginnt damit, dass das Kind heulen darf, klagen, dass das Bedürfnis gestillt wird, beruhigt. Dann macht sich ein gutes Gefühl in ihm breit. Voll und ganz getröstet ist es, wenn es Freude spürt, die Erleichterung, das warme Gefühl der Geborgenheit, den kindlichen Genuß der Nähe. Nähe, wie damals die Nähe der Mutter, Berührungen stiften Trost, mit Worten, mit Händen. Sie streichelt den Kopf, Vater nimmt mich auf den Arm. Er spricht eine gute Stunde mit mir über meine Sorgen, sie findet die richtigen Worte.

Wie Eltern, die sich Zeit nehmen, die uns versorgen und für unsere Sorgen da sind, ist Gott. Kraft zieht meine Hoffnung, wenn ich das sehe. Er ist da. Angesichts der großen Hoffnungslosigkeit, die manche Schicksalsschläge, mancher Abgrund unseres Gemüts eingeben kann, hilft es, die Bilder und Worte wirken zu lassen. Wie Heilmittel sind sie, in eigenen Belastungen, aber auch angesichts der Gewalt und des Unheils in der Welt. Die Bilder von Terror und Krieg, in Syrien und Paris, in Afghanistan und Libyen, an vielen, zu vielen Orten lassen die Hoffnung ermatten. Trostbilder halten dagegen, Trostworte zeigen Zuwendung im Schmerz.

Es ist auch Protest gegen die Gewalt darin enthalten, dass ich gewiss sein kann: Gott ist ein Gott, der tröstet. Mütterlich. Er wendet das Blatt, er endet den Schmerz, stillt den Durst. Sein Trost durchdringt das Gewebe der Wirklichkeit. Er erreicht uns, unsere Tränen werden getrocknet. Am Ende aller Zeiten nimmt er seine Menschheit in die Arme. Er hat alle Zeit der Welt für uns.

So wünsche ich Ihnen ein hoffnungsfrohes, gesegnetes Jahr 2016,

Ihr Roland Wicher