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21.5.2019

Europa, deine Flüchtlinge: Tore der Freiheit
Was die Zuwanderung mit der Bibel und dem Reformationsjahr 2017 zu tun hat

von Margot Käßmann

Margot Käßmann – Foto: epd bild, Norbert Neetz

Als der Laderaum des Lkw geöffnet wurde, zeigte sich ein grausiges Bild: Die 71 Menschen waren alle erstickt. Sie haben ihre Flucht mit einem qualvollen Tod bezahlt. Fast täglich verdursten Flüchtlinge in der Sahara, andere ertrinken im Mittelmeer. Einer Tragödie folgt die nächste: Frauen werden vergewaltigt, Familien auseinandergerissen, Kinder kommen allein an in unserem Land. Ebenso schwer zu ertragen wie diese entsetzlichen Meldungen sind die Bilder von Menschen, die mit Gebrüll, Plakaten und Leuchtraketen die traumatisierten Flüchtlinge ängstigen, wenn sie denn endlich eine Unterkunft hier bei uns erreicht haben. Was denken sie sich? Dass sie Flucht und Vertreibung verhindern könnten? Das könnten wir, wenn wir längst in Afrika für Gerechtigkeit, stabile Staaten und wirtschaftlichen Aufbau mit Sorge getragen hätten. Stattdessen haben die Handelsstrukturen den reichen Norden begünstigt und die armen Länder des Südens ausbluten lassen. Die Demokratien haben mit den Diktaturen und Unrechtsregimen paktiert.

Krieg, Vertreibung, Hunger und Ungerechtigkeit machen perspektivlos. Schon Abraham und Sara in der Bibel sind Wirtschaftsflüchtlinge, eine Hungersnot treibt sie zum Aufbruch in ein fremdes Land. Das Matthäusevangelium erzählt, dass Josef mit Maria und dem Kind nach Ägypten flieht, um dem Diktator Herodes zu entkommen. Menschen, die aufbrechen, wollen eine Zukunft finden für sich und ihre Kinder. Im Alptraum des syrischen Bürgerkrieges, im Unrecht, das in Eritrea zu sehen ist, in der Angst, die in Afghanistan umgeht? wer würde da nicht versuchen, zu entkommen?

Furchtbar ist, dass die europäischen Staaten inzwischen alles versuchen, um Menschen an der Flucht zu hindern. Früher wurde die DDR Diktatur genannt, weil sie die Reisefreiheit massiv eingeschränkt hat. Heute wollen viele die Reisefreiheit anderer einschränken. Globalisierung aber ist keine Einbahnstraße. Es kann keine Globalisierung nur für Güter und Waren oder für die Reichen geben, die rund um die Welt reisen. Wenn Globalisierung, dann für alle.

Das Christentum ist eine globalisierte Bewegung. Wir sehen uns als Volk aus allen Völkern, nicht nur als eines von Glaubensgeschwistern. Fremdlinge zu schützen ist biblisches Gebot. Politik und Gesellschaft stehen vor einer gewaltigen Herausforderung. Kirchengemeinden und auch einzelne Christinnen und Christen engagieren sich für die Menschen, die in unser Land kommen.

Für die Weltausstellung in der Stadt Wittenberg zum Reformationsjubiläum 2017 haben Studierende der Fachhochschule Salzburg einen besonderen Vorschlag gemacht. Im Themenbereich "Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung" soll mindestens ein Flüchtlingsboot vom Mittelmeer zum Schwanenteich in der Stadt gebracht werden. Eines jener vielen Boote, in denen sich das Schicksal von Menschen entschied. Die Jury für die Ausstellung hat diesen Vorschlag mit Begeisterung angenommen. Es ist unverzichtbar, dass mitten in den Reformationsfeierlichkeiten die Probleme der Welt präsent sind. Davon waren schon die Reformatoren überzeugt: Der Glaube wird nicht abgeschieden im Kloster oder ausschließlich im Gottesdienst gelebt, sondern mitten im Alltag der Welt.

Margot Käßmann, evangelische Theologin, Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017

Informationen zu den "Toren der Freiheit" auf der Weltausstellung in Wittenberg unter r2017.org.

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