Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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12.11.2019

Kriegsende 1945 in Lichterfelde – (m)ein Familienschicksal
Thema: Kriegsende und Vergangenheitsbewältigung

von Harald Hensel


Blick vom Gräfenberger Weg zur Johanneskirche im Jahr 1945 – Bild: privat

Unsere Familie – wie die große Mehrheit der Bewohner von Lichterfelde – hatte das nationalsozialistische Regime und die Politik des Großdeutschen Reiches wohlwollend bis freudig begrüßt. Viele Deutsche waren selbst nach fünf Kriegsjahren immer noch vom "Führer" überzeugt. Glaubten sie Anfang 1945 noch an den "Endsieg"? Wie sahen die Menschen ihre eigene Zukunft? Opfer und Entbehrungen während des Krieges hatten zugenommen. Die Luftangriffe der Alliierten auf Berlin, vor allem aber die Berichte über das Heranrücken der Ostfront ließen viele Menschen inzwischen sorgenvoll fragen: Was wird aus uns werden?

Am 2. Februar 1945 schreibt Hermine Hensel (meine Großmutter) aus Lichterfelde an ihre Schwiegertochter Herta (meine Mutter) in Wien (Schreibweise wie in den handschriftlichen Originalbriefen): "Liebe Herta, vorläufig leben wir noch und warten der Dinge, die da kommen. Es wird wohl nicht mehr lange dauern und die Russen werden hier sein. Es wird ja wohl alles getan werden um sie aufzuhalten. Gerade sagte mir Frau B. Von nebenan, dass alles in Alarmzustand wäre, es wäre dann so weit. Als ich das hörte, fiel mir das Herz in die Hosen, was wir wohl noch alles durchmachen müssen vor unserem Ende. Dass vielleicht ein kleiner Teil der Bevölkerung wegkommt, ist wohl sicher aber der größte Teil muss wohl bleiben. Zu Euch zu kommen, wird kaum gehen, außerdem ist es bei Euch auch ziemlich brenzlich. Was uns bestimmt ist, dem entgehen wir sowieso nicht. Die Stimmung ist danach sehr trübe, die Leute sind bewunderungswürdig ruhig. Die Milchbelieferung wird unregelmäßig, Gas gibt es wieder. Ein ganzes Brot müssen wir immer im Hause halten. Es wird wohl festungsmäßig werden. Was wird nur Ulrich sich für Sorgen machen."

Ulrich Hensel (mein Vater) war zu dieser Zeit als Werftleiter bei der Luftwaffe im Baltikum (Kurlandkessel) stationiert. Er äußert sich im Feldpostbrief vom 8. April 1945 an seine Mutter und Tante in Berlin-Lichterfelde über die Lage. Angesichts des Verlusts von Ostpreußen sowie in Kenntnis der Tatsache, dass die Rote Armee dabei ist, Wien zu nehmen, schreibt er voller Verzweiflung: "Ich lasse jetzt auch die Ohren hängen", um dann die "Liebe Mutter und Tante Lise" wissen zu lassen: "Ich hätte Herta schon früher geschrieben, bevor sie diesen Bestien in die Hände fällt, soll sie in die Donau. Es ist entsetzlich daran zu denken. Aber genauso bin ich hier oben ja letzten Endes auch dran. Die letzte Kugel bleibt für den eigenen Kopf übrig. Lebend in dieser Hölle – niemals." War es die Wirkung der langjährigen Kriegspropaganda über die "slawischen Untermenschen", die ihn dies schreiben ließ? Zuvor waren im ostpreußischen Nemmersdorf, das die Wehrmacht im Oktober 1944 von der Roten Armee zurück erobert hatte, Frauen und Kinder ermordet und schlimm zugerichtet aufgefunden worden. "Bestien wüteten in Ostpreußen" hatten alle Zeitungen im Reich groß getitelt. Von Minister Goebbels über die Kino-Wochenschau propagandistisch ausgeschlachtet – auch mittels nachgestellter Bilder – erzielten diese grauenvollen Berichte die beabsichtigte Wirkung. Damit einhergehende Gerüchte taten ein Übriges. Oder erahnte und fürchtete Ulrich Hensel die mögliche Vergeltung dessen, was die Deutschen während ihres Eroberungskrieges im Osten angerichtet hatten? Was werden die Mutter und Tante gedacht haben, als sie seine Zeilen lasen?

Zwei Tage später, am 10. April 1945 wendet sich Ulrich Hensel nochmals brieflich an die beiden Frauen in Lichterfelde, rät ihnen, Berlin möglichst zu verlassen. Angesichts der Sorge um das Schicksal der Ehefrau im inzwischen von den Russen besetzten Wien beklagt er: "Viel Hoffnung habe ich nicht mehr. Im Osten baut der Russe wieder in Ruhe auf. Dann bricht er durch. Im Westen ist die Lage noch trostloser. Ich kann mir, und eigentlich keiner von uns überhaupt ein Bild machen von dem was noch zu retten ist. An das große Wunder glaube ich bald auch nicht mehr." Und dann ergänzt Ulrich Hensel den bedeutungsschweren Satz "Vater ist am besten dran." (Gustav Hensel, mein Großvater, war bereits 1940 gestorben).

Vermutlich um den 24. April 1945 verfassen meine Großmutter Hermine Hensel und "Tante Lise" (deren Schwester) einen undatierten Brief an die "Liebe Herta" in Österreich, in welchem sie in sachlichem Ton über Sparbücher und Kontostände Auskunft erteilen, "dass, falls wir totgehen, Ihr Eure Ansprüche geltend machen könnt. Diese Geldsachen muss ich ja erwähnen trotzdem ich annehme, daß alles doch verloren geht." Dann folgt der Satz: "Wir essen jetzt unsere besten Sachen. Morgen wird ein Biskuit gebacken und Kinokarten haben wir schon besorgt. Es ist alles egal, wir nehmen noch mit was wir können." Schließlich schreibt Tante Lise: "Wir machen uns ja auf alles mögliche gefasst. Wir sind ja nicht allein denen es so geht. Das gibt einem Mut."

Am 26. April 1945 wurde Lichterfelde von der Roten Armee erobert. Damit war hier der Krieg vorbei.

70 Jahre später, jetzt im April 2015 halte ich ein vergilbtes Blatt Papier in der Hand. "Sterbeurkunde", steht oben. "Hermine Hensel, wohnhaft in Berlin-Lichterfelde, Freiwaldauer Weg 20, ist am 27. April 1945 gegen 9.00 Uhr tot aufgefunden worden. Tag und Stunde des Todes konnten nicht genau festgestellt werden. Die Verstorbene ist am 26. April 1945 gegen 12 Uhr zuletzt lebend gesehen worden."

Meine Großmutter und ihre Schwester Lise hatten sich für den Freitod entschieden und ihn hier vollzogen.

War es die Angst vor dem, was ihnen die russischen Sieger antun würden, oder war es der "Zusammenbruch", den sie nicht erleben wollten? Zusammenbruch, so wurde das Kriegsende bei uns bezeichnet. Ja, das Weltbild und ein lange gültiges Wertesystem waren zerbrochen. Ein älterer Nachbar hat die Leichen der beiden Frauen provisorisch im Garten begraben. Als mein Vater Ulrich Hensel nach kurzer englischer Gefangenschaft Lichterfelde im Herbst 1945 wieder erreichte, musste er die sterblichen Überreste seiner Mutter und Tante eigenhändig ausgraben und im Handwagen zum Parkfriedhof bringen, wo sie im November 1945 ihre letzte Ruhestätte fanden. Beide hatten der Johannesgemeinde angehört.

Die Todesumstände von meiner Großmutter und von der Großtante galten in unserer Familie als Tabuthema. Mich erstaunt, dass mein Vater die alten Briefe aufbewahrt hat. Ich habe sie erst vor einigen Jahren entdeckt. Damals, als mein Vater noch lebte, gelang es uns kaum, über solche Dinge zu reden. Und wir gerieten schnell aneinander. Meine Jugend schien mir das Recht zu geben, ihm als "Nazi-Mitläufer" Vorwürfe zu machen. Heute würde ich anders mit dem Vater reden. Mehr fragen. Die Kenntnis der Familiengeschichte ist für mich wie eine Befreiung. Je mehr ich über das Leben meiner Vorfahren auch in der NS-Zeit weiß, umso besser, versöhnlich kann ich mit ihnen umgehen, umso liebevoller denke ich an sie. Mein heutiges Engagement in der Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde geht auf diese Familiengeschichte zurück. Immer wieder tief gerührt bin ich von der Begegnung mit ehemaligen Häftlingen, für die erst der Zusammenbruch die tatsächliche Befreiung brachte. Bei der Gedenkfeier am 8. Mai bekenne ich leidenschaftlich "Nie wieder!" und denke dabei immer auch an meine Großmutter, die ich nicht kennengelernt habe.

Harald Hensel

Anmerkungen zu meinem Artikel

Kaum war mein Artikel über die Umstände, die Ende April 1945 zur Selbsttötung von Großmutter und Großtante geführt haben, im Johannes-Gemeindebrief im Juni 2015 erschienen, haben mich mehrere Leser angesprochen oder angeschrieben. Diese tragische Familiengeschichte öffentlich zu machen, und aus sehr privaten Briefen zu zitieren, fiel mir nicht leicht. Umso mehr war ich überrascht, dass und wie der Beitrag vielfach ankam. Mir wurde besonders für die Offenheit gedankt. Einige Leser fühlten sich ermutigt, mir ihre Familiengeschichte zu erzählen. Übereinstimmend beklagen sie das eigene Versäumnis, die Eltern oder Großeltern nicht rechtzeitig befragt zu haben. Über deren Verstrickung in das NS-System sei in den Familien gemunkelt worden, niemals aber wurde das offen thematisiert. Gerührt und tief betroffen war ich, dass und wie mich eine 71-jährige Frau mit der Geschichte über ihren 1945 "verschwundenen" Vater in ihr Vertrauen zog. Erst vor zwölf Jahren hat sie im Bundesarchiv NS-Akten eingesehen. Dort las sie, dass der Vater der Waffen-SS angehört hatte, Beförderungen erlebt und im Warschauer Ghetto eingesetzt war. Bei Kriegsende sei er wohl untergetaucht und soll im Ausland gelebt haben. Welch schmerzliche Erkenntnis muss das für die Tochter gewesen sein!?

Ich denke, unter die Vergangenheit kann man nie einen Schlussstrich ziehen. Es ist ungut, sie verdrängen oder "bewältigen" zu wollen, wie es früher oft hieß. Vergangenheit muss man aufarbeiten und sich dabei auch der Furchtbarkeit und möglicher Schuld stellen. Ich habe mich mit der eigenen Familiengeschichte befasst und dabei sehr ambivalente Gefühle erlebt. Ich spürte warmherzige Empfindungen, hätte jedoch von den Vorfahren ein ehrliches Gespräch verlangt. Ob mir das gelungen wäre? Wie froh bin ich doch, dass ich "dank der Gnade der späten Geburt" nicht vor jene Entscheidungen gestellt wurde, die den Eltern und Großeltern vor und in der NS-Zeit abverlangt wurden.

Harald Hensel

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