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13.12.2018

Briefe aus Amerika
Die Weihnachtsgeschichte

von Torsten Lüdtke

Der regnerisch-graue Novembertag ging allmählich in einen neblig-düsteren Novemberabend über. Als ich nach Hause ging, war das schwache Tageslicht bereits einer alles einnehmenden Dunkelheit gewichen, und nur das schwache Gaslicht der Straßenlaternen beleuchtete meinen Weg.

Zu Hause angekommen, fand ich nur wenig Post vor, doch fiel mir sofort ein bunt frankierter, mit schwungvollen Schriftzügen adressierter Luftpostbrief auf, der meine Neugier weckte. Ich besah mir den Umschlag genauer; auf dem Kuvert las ich einen Namen und einen Ort, die mir gänzlich unbekannt waren – der Absender war ein Dr. Peter Kuttlestone aus Williamsburg, Massachusetts. Rasch zog ich den feuchten Mantel und die nassen Schuhe aus, rief einen kurzen Gruß in den Flur und begab mich eilig in das Arbeitszimmer. Erwartungsvoll setzte in mich in den Schreibtischstuhl und öffnete im Licht der grünlich schimmernden Schreibtischlampe vorsichtig mit dem Brieföffner den Umschlag. Ich faltete den eng beschriebenen Briefbogen auseinander, und mein Blick fiel auf den eng beschriebenen Briefbogen, der in einem förmlichen, doch freundlichen Englisch verfasst war.

In seinem Brief erklärte Dr. Kuttlestone bündig, was ihn dazu bewegte, mir zu schreiben; so habe er vor längerer Zeit im Nachlaß seiner Mutter verschiedene alte Schriftstücke gefunden, und dadurch den Anstoß zur Erforschung seiner Familiengeschichte erhalten. Da er inzwischen wisse, dass wir weitläufig miteinander verwandt seien, schreibe er mir und sende mir beiliegend eine Abschrift des ersten Briefes seines Urururgroßvaters aus Amerika an unseren gemeinsamen deutschen Ururururgroßvater in Kopie. Auf wundersame Weise wurde aus dem fremden Dr. Kuttlestone während des Lesens Peter für mich, den ich bereits seit Jahren zu kennen schien. – Deshalb wollte ich Peter auch gern seinen großen Wunsch für Weihnachten gewähren, und ihm die Rezepte zu den, im alten, deutsch geschriebenen Brief erwähnten Gerichten senden.

Behutsam, als wäre es das Original, faltete ich die Kopie des Briefes auseinander, die mich sofort in ihren Bann zog:

Neuyork, den 29ten December 1851

Bild: Wikipedia

Geliebe Eltern, meine geliebte Schwester, meine lieben Brüder!

Ein wahrhaft himmlisches und friedvolles Weihnachtsfest mit behaglichen Stunden liegt hinter mir – und nun, da Sylvester naht, merke ich wie rasch mir das Jahr 1851 vergangen ist. Ich hoffe, Ihr habt meinen Brief aus Rostock vom 16ten Novbr. v. J. , den letzten Brief aus der theuren Heimat, unversehrt erhalten, in welchem ich Euch von meiner abentheuerlichen Flucht aus der Festungshaft in der Citadelle zu Spandow und meinem Entschlusse, zunächst nach England zu gehen, berichtete. Nach all' den Strapazen, wie auch den Entbehrungen der Ueberfahrt in die neue Welt fühle ich mich das erstemal wieder frisch und frei. Diese wohlgemuthe Stimmung will ich nun nützen, und Euch schreiben, wie’s mir seither ergangen ist.

Von Rostock aus flohen wir – Bruder Sch***, Profeßor K*** und ich – am 17ten November v. J.[1850] mit schnellen Pferden durch die nördlichen Theile des Großherzogthums Mecklenburg-Schwerin nach dem Seebade Warnemünde, wo wir uns eiligst einschifften. Damit ließ ich das Land meiner jugendlichen Burschen-Träume, mein deutsches Vaterland hinter mir; ich muss seinen Kampf und seine Schmach beweinen, da ich nicht mehr dafür in die Schranken treten kann. Ich habe die lichte Morgenröte der Freiheit gesehen – und die schwarzen Wolken der Despotie! Was hielt mich also noch zurück!?

Unser Schiff, der schnittige Segler "Anna" des Rostocker Rheeders Br*** brachte uns sicher und schnelle durch die von Herbststürmen aufgewühlte See nach Neucastle in England, wo wir am 1ten December 1850 wohlbehalten anlangten. In Neucastle nahm ich von Bruder Sch*** und Profeßor K*** herzlich Abschied. Vom Rheeder Br*** hatte ich ein Empfehlungsschreiben sowie die Anschrift eines Geschäftsfreundes in Neucastle bekommen, der auch über eigene Schiffe verfügte, denn bereits vor der Ueberfahrt nach England mit der "Anna" hatte ich mich entschlossen, nicht nur Deutschland, mein theures Vaterland, sondern auch das alte Europa hinter mir zu lassen, um jenseits des Meeres mir eine andere, eine neue Heimat in America zu finden. Dank meines Empfehlungsschreibens empfing mich der Rheeder Mr. Whitehill äußerst freundlich und zuvorkommend. Da zunächst keines seiner Schiffe in die neue Welt abgehen würde, bot mir Mr. Whitehill an, für einige Zeit die Kinder als Hauslehrer in den Sprachen und im Zeichnen zu unterrichten. Der December verging rasch, zumal die Kinder des Hauses, drei Jungen und zwei Mädchen, gar freundlich zu mir waren. Das Weihnachtsfest feierte ich in der Familie des Rheeders. Am Morgen des Christtages wurden von Mr. Whitehill allen Hausangestellten die Gaben bescheert: Ich hatte Glück und wurde besonders ausgezeichnet und erhielt einen warmen Mantel sowie fünf goldene Sovereign extra. Mit großem Pomp wurde schließlich im Hause des Rheeders abends an der herrschaftlichen Tafel gefeiert; eine Unzahl von vornehmen Gästen war zum Diner geladen, welches aus sechs opulenten Gängen – darunter Austern, Hummer und roastbeef – bestand. Neben all dieser Pracht nahmen sich die Festlichkeiten bei uns zu Weihnachten sehr bescheiden aus.

Bis zum August d. J. [1851] blieb ich als Hauslehrer bei der Familie Whitehill, dann hatte ich mir ein ansehnliches Sümmchen angespart. Mit dem Clipper "Aurora" der Rheederei Whitehill, der in vierzehn Tagen nach Neuyork abging, wollte ich nach America gehen. Mr. Whitehill bot mir an, auf der "Aurora" als Schiffsarzt anzumustern, denn schließlich sei ich Arzt, und so hätte ich die Passage en gratuit. Das Geld, welches ich sparte würde mir sicher den Anfang in America erleichtern. Am 29ten August d. J. [1851] ging die "Aurora" mit werthvoller Ladung sowie zwanzig Passagiren im Zwischendeck von Neucastle aus in See. Doch wurde es eine schlimme und beängstigende Ueberfahrt: Gewaltige Stürme wühlten den Atlantischen Ocean auf, und unser stolzes Schiff wurde, einem winzigen Nachen gleich, von gigantischen Wellen erbarmungsloos hin- und her geworfen – mehr als nur einmal glaubten wir, das Meer würde uns gewiss verschlingen. Als die "Aurora" Mitte October an der Pier in Neuyork anlegte. Die Stimmung der Passagire war sehr gedrückt, als wir mit der Halbinsel Manhattan erstmals americanischen Boden betraten. Von den Einwohnern Neuyorks wurden wir mit unverhohlenem Hass empfangen und wüst beschimpft: Wir Deutschen überschwemmten alle Städte, würden betteln, lamentiren, kritisiren, und bramarbasiren, dass es geradezu zum Ekel werde. Weltverbesserern wie mir müsse man aus dem Wege gehen, wenn dies in unserer Hafenstadt nur so leicht gethan, wie gesagt wäre!

Die Erinnerungen an diesen Abend wecken noch immer in mir Bitterkeit, denn es wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich in Neuyork niemanden hatte, an den ich mich wenden konnte. Noch immer wecken die Erinnerungen an diesen Abend in mir Bitterkeit, denn es wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich in Neuyork niemanden hatte, an den ich mich wenden konnte. Niedergeschlagen suchte ich ein wohlfeiles Hôtel, welches ich am Tompkins Square, an der Kreuzung von Avenue A und der 5th Street fand. In den nächsten Wochen durchstreifte ich mit schwindender Hoffnung die Stadt Neuyork auf der Suche nach einer einträglichen Beschäftigung, denn meine Capitalien neigten sich langsam dem Ende zu. Eines Abends, es war dunkel, ich befand mich auf den Weg zurück zu meinem Hôtel am Tompkins Square, da kam ich an einem nahegelegenen Caffeehause vorbei, in welchem noch Licht brannte und aus dem deutscher Sang auf die Straße drang. Nie zuvor hatten mich deutsche Lieder so angezogen wie an diesem Abend. Ich trat in das Caffeehaus und traf dort auf eine bunt gemischte Menschenmenge, die mich beim Eintreten aufmerksam und gespannt betrachtete. Nachdem die gegenseitige Scheu gewichen war, wurden unsere Gespräche bald lebhafter und hitziger. Ein älterer Mann, der immer wieder von seinem Bierglase aufsah, und interessirt zu uns herübersah, gab mir beim Gehen einen gefalteten Zettel und raunte mir zu, ich möge doch bitte pünktlich sein. Erst auf meinem Zimmer im Hôtel besah ich mir den Zettel genauer. Auf dem Blatt stand ein Name und eine Adresse: Dr. med. Friedrich August Schultheiss, 47 Avenue B, sowie das Tagesdatum und eine Uhrzeit. Am bezeichneten Morgen machte ich mich, auf das ordentlichste gekleidet und frisirt, zum Hause des deutschstämmigen Mediciners auf. Der Weg war nicht weit, und so war ich etwas vor der Zeit dort. Während ich gegenüber des Hauses wartete, bot sich mir ein Bild, welches anrührend und anmutig zugleich war: Eine weissgekleidete, junge Frau trat mit einem grossen Wäschekorb aus dem Haus, um Wäsche in die Wäscherei zu bringen. Freundlich grüßte ich und fragte sie in englischer Sprache, ob ich ihr helfen könne. Nein, das ziehme sich nicht, gab sie mir schnippisch auf Deutsch zurück. Aus der halbgeöffnete Thüre hörte ich eine verdriessliche Männerstimme deutsch fragen: "Mit wem sprichst du, Louise?" – dann öffnete sich Thür und vor mir stand der Mann aus dem Caffeehaus, der mir den Zettel zugesteckt hatte. Er blickte mich musternd an, bot mir seine Hand zum Gruß und bat mich höflich herein. Der ältliche Mann, der sich als Dr. Schultheiss vorstellte, bat mich, in einem behaglich eingerichteten Zimmer wir auf dem Sopha Platz zu nehmen. Als er mich gestern über unser gemeinsames Vaterland sprechen hörte und dabei erfuhr, dass ich Arzt sei, gab er mir den Zettel, denn er brauche für seine gut gehende Arztpraxis Hilfe und ich gefiele ihm, gab Dr. Schultheiss an. Bald waren Dr. Schultheiss und ich in ein lebhaftes Gespräch vertieft, in dem ich erfuhr, dass er aus Dresden gebürtig sei und in Jena studiert habe. Als sein neuer College wäre ihm ihm und – so setzte er vorsichtig hinzu – wohl auch seiner Tochter herzlich willkommen. Schließlich lud mich der alte Mediciner ein, in seinem Hause zu wohnen, was ich ihm kaum abschlagen konnte.

Wir sprachen noch angeregt, als Louise zurückkehrte. Die junge Frau wunderte sich über die Veränderung, die in ihrem Vater vorgegangen, denn seit dem Tode ihrer Mutter sei er stets schweigsam gewesen. Die folgenden Sonntage, wenn die Praxis geschlossen war, verbrachte ich stets mit Dr. Schultheiss und seiner Tochter. Louise sorgte für eine Kanne Caffee und Kuchen, und danach wurden unsere Classiker gelesen, wohl auch gelacht und gespielt. Niemals behandelte mich Dr. Schultheiss wie seinen Famulus, sondern sah in mir vielmehr den Collegen, von dem er noch etwas lernen könne. Schließlich kam das Weihnachtsfest heran; nach mehreren Jahren, in denen Vater und Tochter das Christfest in aller Still begangen hatten, waren vom alten Mediciner eine Reihe Gäste, allesamt Honoratioren der Deutsch-Americanischen Gemeinschaft, eingeladen worden. Louise, die in allem immer fröhlich und freundlich ist, hatte zusammen mit der Köchin die Hauptlast zu tragen und das Fest wie auch die Festtafel vorbereitet. Im Salon stand – ganz wie zuhause – ein zierlich aufgeputzter Tannenbaum, unter dem für jeden der Gäste einige kleine Geschenke lagen. Auf der festlich gedeckten Tafel brannten Kerzen und das schwartze Hausmädchen hatte das Silber auf Hochglantz gebrach. Den Anfang unseres Weihnachts-Menues machte eine kräftige Bouillion, auf die eine herrliche, wohl zwölf Pfund schwere Gans folgte. Als hätte es Louise gewusst, so war die Gans – wie bei uns zuhause – zubereitet und mit Aepfeln und Korinthen gefüllt. Nach dem Pfirsich-Apricosen-Compot gab es zum Abschluss einen richtigen deutschen Christstollen, den Louise, um ihrem Vater und mir eine rechte Weihnachtsfreude zu bereiten, nach dem Rezept ihrer früh verstorbenen Mutter gebacken hatte. Stellt Euch die Weihnachtsfreude vor, die herrschte. Jeder Bissen war delikat und erinnerte uns an die ferne, unvergessliche Heimat. Louise Schultheiss war in den Wochen, seit ich im Hause des Mediciners Lebte immer lieber geworden. Ich weiß, dass ich mich hier mehr als nur wohl fühle und dass Louise, seine Tochter ein Engel ist. Sie verwöhnt mich – wie auch ihren Vater – und ist immer fröhlich und freundlich. Ich wünschte, Ihr würdet Louise kennen lernen, denn sie – und keine andere – liebe ich und möchte ich im nächsten Frühjahr heiraten. Nach dem Tisch wurde Charaden gemacht, musicirt und gespielt, und endlich des Abends getanzt. Die Walzer gehörten natürlich alle Louise, die himmlisch tanzt.

Bild: w.r.wagner@pixelio.de

Rasch ist das Jahr vergangen, und nun da Sylvester naht, weiß ich, dass ich den Schritt, nach America zu gehen, nicht bereue. Hier im Hause des alten Mediciners fühle ich mehr als nur wohl; hier bei Dr. Schultheiss und Louise habe ich meine neue Heimat gefunden. Zum guten Abschluss des Jahres werde ich mit am Sylvesterabend, wo wir wieder Gäste haben, mit Louise verloben. Deshalb war ich auch gestern bei einem Juwelir am Broadway, um den prächtigen Verlobungsring für Louise zu kaufen, denn im nächsten Frühjahr möchte ich heiraten...

Bis hierhin hatte ich den ausführlichen Brief eingehend gelesen – und nun ich verstand auch, warum Peter unbedingt das Stollenrezept, wie auch die anderen Rezepte, haben wollte. Glücklicherweise hatte Peter mir nicht nur eine Postadresse aufgeschrieben, sondern auch seine eMail-Adresse mitgeteilt, so dass er Innerhalb kurzer Frist im Besitz des Stollenrezeptes war, das er ja so gern haben wollte.

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