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17.1.2019

Volkstrauertag – ein Gedenktag im Wandel der deutschen Geschichte

von Lutz Poetter


Opfergrabstätte auf dem Giesensdorfer Kirchfriedhof – Bild: Lutz Poetter

Volkstrauertag 2015

Wir Evangelischen feiern ihn am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, aber wir wissen: Der Volkstrauertag gehört uns nicht, er ist kein genuin kirchlicher Feiertag. Aber wir feiern ihn eben auch in der Kirche. Sicherlich, es ist ja ein Sonntag, wir feiern sonntags Gottesdienste in unseren Kirchen. Auf dem Friedhof auch? Dann muss es schon einen besonderen Grund geben oder einen eigenen Kirchhof mit Gedenkstein und Opfergräbern.

Volkstrauertag historisch

Er hieß zuerst "Heldengedenken" und hatte in zwei deutschen Reichen – im Kaiserreich und in der Weimarer Republik – eine vollkommen militärische Prägung. Die Kirchen entsprachen bereitwillig dieser Konzentration auf das Soldatische.

Bei der Einführung des Gedenktages nach dem 1. Weltkrieg ging es 1919 auf Initiative des Volksbundes um die allgemeine Solidarität bei der Trauer um die Kriegstoten. Gedacht war dabei primär an die eigenen, also die deutschen Toten. In vielen Familien herrschte Trauer um gefallene Soldaten, aber nicht alle hatten Angehörige verloren. Deshalb sollte am Gedenktag symbolisch das ganze Volk mit diesen betroffenen Familien solidarisch trauern. Die großen Religionsgemeinschaften waren einbezogen, Termin war der Sonntag Reminiszere, der zweite Sonntag in der Passionszeit vor Ostern. Am Volkstrauertag versammelten sich schnell auch die reaktionären Kräfte in Gesellschaft und Kirche: Es trafen sich Militärs mit der "Dolchstoßlegende" im Tornister, Vaterlands- und Kaisertreue mit der Sehnsucht nach Preußens untergegangener Gloria, Reaktionäre und Republikfeinde, die den Politikern die Schuld am verlorenen Krieg und dem Versailler Vertrag gaben. Frieden erschien vielen damals nicht als das höchste Gut, man hoffte eher auf eine militärische Revanche für die erlittene Niederlage. Nur zur Erinnerung: Pazifismus oder Pazifist, das waren böse Schimpfworte damals. Ein Pazifist war der schlimmste Vertreter der üblen Vaterlandsverräter.

Wehrmacht und Partei

Im Dritten Reich beschränkten die Nationalsozialisten den Volkstrauertag auf soldatisches Heldentum und nannten ihn auch so: "Heldengedenken". Termin war der Tag der Wiedereinführung der Wehrmacht am 16. März. Kirchen und Religionsgemeinschaften brauchte man nicht mehr, auch keine Deutschen Christen, die sich gerne beteiligt hätten. Träger der Feiern waren Wehrmacht und NSDAP, federführend war der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Alles diente der Kriegsvorbereitung auf den 1. September 1939 hin und der Verherrlichung der Nazi-Ideologie als Ersatzreligion: Volk und Führer, Volk und Vaterland, Blut und Boden, Heimat und Reich, Fügung und Vorsehung, Sieg, Heil, Opfer, Heldentum. Es folgten Siege und Niederlagen: Amsterdam und Paris, Moskau und Stalingrad. Die letzte Inszenierung dieser heldischen Nazitragödie fand statt am 16. März 1945. Wenige Wochen später kapitulierten die Helden, Deutschland war besiegt, der Krieg verloren.

Nach 1945

"Nie wieder Krieg" so hallte es danach aus den Ruinen. Nach dem Krieg gab es ein Vakuum, der Gedenktag fiel aus. Mit der Gründung der Bundesrepublik gab es dann einen Neustart 1950. Er hieß jetzt wieder "Volkstrauertag", aber im Bewusstsein der Deutschen steckte immer noch eine Menge Heldengedenken in ihm drin. Der Termin wanderte vom Vorfrühling in den Herbst ans Ende des Kirchenjahres. Viele in unserem Land haderten noch mit der Befreiuung vom Nationalsozialismus durch die alliierten Siegermächte und die neue Ordnung. Der Krieg war verloren, Deutschland besiegt und besetzt. Aber der Krieg selber war eigentlich gut, man hätte ihn nur gewinnen müssen. Und die tapferen deutschen Soldaten konnten ja auch nichts falsch gemacht haben, schließlich haben sie gehorsam Befehle ausgeführt und so viele ihr Leben gegeben als Opfer für das Vaterland. Das musste doch gewürdigt werden.

Im Westen

Zu den Anfängen der Bundesrepublik Deutschland gehörten auch die Wiederbewaffnung und die neu geschaffene Bundeswehr. Die Abgrenzung von der Deutschen Wehrmacht bei gleichzeitiger Fortsetzung der militärischen Tradition wurde im Gedenken an Stauffenbergs Attentatsversuch am 20. Juli zelebriert, weniger am Volkstrauertag.

In der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland hat der Volkstrauertag mühsam ein eigenes Profil entwickelt, vor allem unter dem Eindruck des Wettrüstens und des Kalten Krieges. Das Volk entwickelte eine gehörige Portion Skepsis gegenüber dem Militärischen. Gegen den Krieg in Vietnam wurde weltweit demonstriert, auch im damaligen Westberlin als Sammelpunkt der Kriegsdienstverweigerer und Bundeswehrflüchtigen.

Im Osten

In der DDR lag der gesellschaftliche Akzent etwas anders, und damit auch die kirchliche Teilnahme: "Internationaler Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftag gegen Faschismus und imperialistischen Krieg", so lautete der lange Name. Theoretisch saßen die Faschisten und Imperialisten angeblich alle im Westen, die eigene Volksarmee war rein sozialistisch und solidarisch. Es gab also keine Täter in der DDR, die Armee war eine pure Friedensarmee, auch die Soldaten an der Mauer.

Deutsche Demokratische Republik gegen Bundesrepublik Deutschland

Das war die Bundeswehr auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs ja auch. Dennoch standen sich deutsche Soldaten zweier unterschiedlicher Armeen mit ihren jeweiligen Verbündeten in den Machtblöcken feindlich gegenüber, hochgerüstet. Frieden durch Abschreckung. Ostdeutsche mussten Westdeutsche abschrecken und umgekehrt. Im geteilten Deutschland waren auf beiden Seiten Raketen mit Atomsprengköpfen stationiert – und aufeinander gerichtet. Auf beiden Seiten gab es Wehrpflichtige, die sich diesem Dienst am Wahnsinn entziehen wollten, auch in der DDR. Hie anerkannte Kriegsdienstverweigerer, dort Bausoldaten oder auch Gefängnisinsassen.

Es gab auch andere Stimmen: Aussöhnung, Wiedergutmachung, Verzicht auf die Ostgebiete, KSZE. Allmähliche Annäherung, Öffnung, Kooperation statt Konfrontation, Abrüstung. In diesem Prozess finden wir kirchliche Vordenker und Vorreiter, Denkschriften und Konferenzen.

Die politische Friedensbewegung hat kräftige Impulse aus Kirchen und Gemeinden erhalten, wie sie umgekehrt die Gemeindearbeit konkret bereichert hat.

Volkstrauertag

Politiker halten Reden, in Gebäuden und auf freien Plätzen, auf Soldatenfriedhöfen und an Mahnmalen. Es werden Kränze niedergelegt zum Gedenken. Ehrungen werden vorgenommen. Bundeswehrkapellen spielen Trauermärsche. Der Volksbund ruft auf zur Pflege der Gräber. Die Vertriebenenverbände mahnen gegen das Vergessen. Neonazis versuchen, das alte Heldengedenken an die gefallenen Soldaten der ruhmreichen Wehrmacht wiederzubeleben. Linke Antifaschisten demonstrieren für die komplette Abschaffung des Volkstrauertages.

Pfarrerinnen und Pfarrer predigen am Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres in Kirchen, vielleicht auch auf Friedhöfen und an Mahnmalen.

Volkstrauertag 2015

Wir gedenken der Opfer zweier Weltkriege, der Toten in den Lagern, der Opfer von Flucht und Vertreibung. Dieser Tag ist ein wichtiger Kristallisationspunkt unserer Erinnerungskultur. Er schließt an den vieldeutigen 9. November an und steht vor dem Buß- und Bettag. Wir feiern die Friedensdekade. Es geht um die Friedensverantwortung der Kirchen.

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist die Kriegsgeneration alt geworden. Viele Zeitzeugen leben nicht mehr unter uns. Die Nachgeborenen kennen diese Zeit nicht mehr aus eigenem Erleben. Aber sie kennen die neue Situation: Soldaten der Bundeswehr sind wieder im Krieg, sie sind beteiligt an Kämpfen im Rahmen von NATO-Einsätzen weltweit. Es gibt wieder gefallene deutsche Soldaten auf unseren Friedhöfen, gestorben im Kosovo, in Afghanistan, im Nahen Osten, in Somalia.

Auch die Themen Flucht und Vertreibung haben eine neue Aktualität bekommen, es geht nicht mehr nur um Flüchtlinge und Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg. Deutlich sichtbar unter uns sind die neu angekommenen Flüchtlinge und Asylbewerber aus den aktuellen Kriegsgebieten. Sie sind unter uns, wenn wir in diesem Jahr Volkstrauertag feiern.

Lutz Poetter

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