Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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17.9.2019

Monatsspruch Oktober
Der theologische Artikel

von Pfarrer E-Mail

Es war weit mehr als ein heftiger Ehestreit. "Hältst du immer noch fest an deiner Frömmigkeit?" Sie konnte ihren Mann kaum ansehen, zu entsetzlich und unerträglich war sein Anblick. Vor ihr in der Asche saß bloß noch ein nackter Bettler, am ganzen Körper übersät mit eiternden Geschwüren. Von ihrem vertrauten Ehemann und stattlichen Familienoberhaupt war wirklich nichts mehr zu erkennen. "Hältst du immer noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb!"

Hiobs Schicksal hatte sich im Handumdrehen verändert. Die biblischen Erzähler zeigen ihn uns als erfolgreichen und glücklichen Menschen. Hiob war wohlhabend und gerecht, seine Besitztümer erschienen märchenhaft und seine Frau hatte ihm sieben prächtige Söhne und drei edle Töchter geboren, alle waren wohlgeraten. Seine Lebensführung leuchtete makellos, seine Frömmigkeit und Treue gegenüber Gott bestanden unerschütterlich. Hiob lebte im sagenhaften Land Uz im Osten, weit weg von Judäa. Er war das Idealbild eines frommen und gerechten Mannes.

Der göttliche Herrscher sah voller Wohlgefallen vom Himmel herab auf seinen Diener Hiob. So kam es im himmlischen Hofstaat zu einer folgenschweren Unterredung über Hiob. Hoch über der irdischen Welt versammelten sich die Göttersöhne, auch der Satan war unter ihnen. Gott fragte ihn: "Wo kommst du her?" "Ich habe die Erde hin und her durchzogen." Der HERR sprach zu Satan: "Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, er ist gottesfürchtig und meidet das Böse." "Meinst du, dass Hiob dich umsonst fürchtet? Du hast ihn und seinen reichen Besitz geschützt. Nimm ihm alles weg, ich wette, dass er sich dann von dir lossagt." Gott nahm die Wette an, er gab dem Widersacher die Macht über Hiobs Besitz. Nur den Mann selbst durfte der Satan nicht anrühren.

Nun kamen die sprichwörtlichen Hiobsbotschaften, Meldungen über den katastrophalen Untergang von allem, was Hiob reich machte, was ihm lieb und wert war: Räuber überfielen seine Herden, töteten die Knechte, nahmen Rinder, Esel und Kamele mit. Feuer vom Himmel vernichtete die Schafherden mit ihren Hirten. Ein Sturm kam auf und brachte ein Haus zum Einsturz. Unter seinen Trümmern fand man die Leichen von Hiobs Söhnen und Töchtern, die sich zu einem Festmahl versammelt hatten.

"Da stand Hiob auf und zerriss sein Kleid und schor sein Haupt und fiel auf die Erde und neigte sich tief und sprach: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen; der Name des HERRN sei gelobt."

Erneut richtete man in der himmlischen Ratsversammlung den Blick auf Hiob. Gott wies den Widersacher daraufhin, dass der geschundene Hiob fromm, gerecht, rechtschaffen und gottesfürchtig geblieben war. Er hielt an seiner Frömmigkeit fest, obwohl er ohne Grund ins Verderben gestürzt wurde. Der Satan aber antwortete dem HERRN und erneuerte seine Wette: "Haut für Haut! Und alles, was ein Mann hat, lässt er für sein Leben. Aber strecke deine Hand aus und taste sein Gebein und Fleisch an: Wetten wir, dass er Dir dann ins Angesicht absagen wird?" So erhielt der Satan Macht über Hiobs Körper und Gesundheit, er überzog ihn mit bösartigen Geschwüren vom Scheitel bis zu den Fußsohlen.

So saß Hiob in der Asche und schabte sich mit einer Scherbe, als seine Frau zu ihm trat und ihn beschwor: "Was hältst du immer noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb!" Hiob antwortete: "Du redest dummes Zeug. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?" Wieder blieb Hiob standhaft und versündigte sich nicht.

In diese Rahmenerzählung vom schwer geprüften und unerschütterlich an seinem Gott festhaltenden Hiob haben die biblischen Schriftsteller nun lange Lehrgespräche eingefügt. Sie gehören zu den Juwelen der antiken Weisheitsliteratur. Drei Freunde Hiobs erfuhren von seinem schweren Schicksal. Sie besuchten ihn, um mit ihm stumm zu trauern und ergriffen seine Klage zu hören. Danach begannen sie selbst zu reden, jeder Freund ergriff dreimal das Wort. Hiob antwortete sofort auf jede Rede.

Im Grunde folgten seine Freunde derselben Denkrichtung: Irgendetwas an Hiobs Verhalten und Lebensführung musste zwangsläufig gegen Gott gerichtet sein, denn niemandem fügt Gott ungerecht und willkürlich Schaden zu. Also musste Hiob sein schweres Schicksal irgendwie durch eigenes Fehlverhalten verdient haben.

Hiob hörte seinen Freunden und Ratgebern aufmerksam zu, konnte ihren Schlussfolgerungen aber nicht zustimmen. Hiob wusste wohl, dass Gott allmächtig, gütig und gerecht ist. Aber er bestand darauf, dass er selbst sich keiner Schuld und keiner Verfehlung bewusst war. Ein solches Fehlverhalten hätten ihm die Freunde genau aufzeigen müssen, das gelang ihnen aber nicht. Hiob blieb unbeugsam in seiner Hinwendung zu Gott und ließ sich nicht abbringen von seiner eigenen Rechtmäßigkeit. Danach trat noch ein vierter Freund und Redner auf, aber auch seine Argumente konnten Hiob nicht überzeugen.

Schließlich antwortete Gott selber auf Hiobs Klage, er sprach zu ihm aus dem Wettersturm. Der HERR gab sich als der Weltenschöpfer zu erkennen, der allen irdischen Wesen mit unendlicher Machtfülle überlegen ist. Das erkannte Hiob unmittelbar: "Siehe, ich bin zu gering, was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf den Mund legen." Ein weiteres Mal erhielt Hiob Gottes Weisung aus dem Wettersturm, Gott zeigte ihm unbezwingbare Urtiere, die er als Schöpfer hervorgebracht hatte: Behemoth und Leviathan erschienen dem Hiob im Gotteswort als gewaltige und furchteinflößende Kreaturen, als urzeitliche Herrscher über gewöhnliche Tiere und einfache Menschen. Hiob beugte sich vor dieser Übermacht Gottes, der ihm direkt gegenüberstand: "Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche."

Allerdings berichten uns die biblischen Erzähler danach nicht von Kapitulation, Unterwerfung und Vernichtung Hiobs, sondern von einer großartigen Wendung zum Guten. Gott gab ihm Recht, stellte sich auf seine Seite gegenüber den Freunden. Sie lagen falsch mit ihren Anschuldigungen, Hiob war im Recht. Der gerechtfertigte Hiob sollte stellvertretend für sie opfern und für sie bitten, um die Freunde vor Gottes Zorn zu bewahren. Und Hiob wurde von Geschwistern und Bekannten getröstet und beschenkt. Er kam wieder zu Reichtum und Ansehen, größer als vorher. Hiob wurde erneut Vater von sieben Söhnen und drei Töchtern. Gott schenkte ihm noch viele Lebensjahre, er erlebte seine Nachkommen bis zu den Urenkeln. Hiob starb am Ende alt und lebenssatt. Damit endet das Buch Hiob.

Worum geht es in diesem gleichnishaften Buch der Bibel? Wir erkennen die brennende Frage nach der Gerechtigkeit des Menschen vor Gott, die Fromme in Israel offenbar Jahrhunderte vor den Erkenntnissen des Paulus und lange vor der Reformation in Europa beschäftigt hat. Wir finden auch die Frage: Muss sich Frömmigkeit lohnen? Lohnt es sich, treu und gehorsam an Gott und seinen Geboten festzuhalten, auch wenn es scheinbar keinen Vorteil und keine Gegenleistung dafür gibt? Hiob hat seine Antwort auf diese Schicksalsfrage gegeben. Ohne die Erfahrung von Leid und Prüfung wird der Glaube banal, er hat keine Tiefe. Viele denken: Religion soll einfach nur fit und froh machen. Als wäre die Kirche bloß eine geistliche Wellness-Oase.

Pfarrer Lutz Poetter

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