Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.9.2019

Die Kunst zu lesen: Reformation, Bild und Bibel
Zum Themenjahr der Lutherdekade (sechster Teil)

von Torsten Lüdtke

Das Jahr 2015 als Themenjahr der Lutherdekade steht unter dem Motto "Reformation – Bild und Bibel". Mit diesem Begriffspaar stehen zwei zentrale Begriffe aus der Reformationszeit, die bis in die Gegenwart fortwirken, im Mittelpunkt der (evangelischen) Aufmerksamkeit. Doch für was standen "Bild" und "Bibel" eigentlich damals – und wofür stehen sie heute? Was bedeutet dies letztlich für uns im Jahr 2015? Diesen Fragen will die Artikelserie im "Schlüssel" nachgehen; dieser Teil widmet sich dem besonderen Verhältnis zwischen Bibel, Bild und Reformation.

Im September des Jahres 1522 erschien in Wittenberg Luthers Übersetzung des Neuen Testamentes, nach dem Erscheinungsmonat auch "Septembertestament" genannt. Nach kurzer Zeit war die erste Auflage (errechnete Höhe von ca. 500-1000 Stück) verkauft, so dass noch im Dezember desselben Jahres – trotz des hohen Preises von 1½ Gulden (dem Wert einer Kuh oder eines Pferdes) – eine zweite Auflage nötig wurde.

Das Dezembertestament unterschied sich vom Septembertestament nur durch die nun beigegebenen Holzschnitte Cranachs. Zu den Forderungen Luthers und der Reformatoren gehörte das unbedingte Bekenntnis zu den biblischen Texten, die allen Gläubigen zugänglich und verständlich sein sollten. So zeichnet sich das 1534 gemeinsam mit der Hilfe Melanchthons, Bugenhagens, Crucigers sowie anderer Gelehrter der Wittenberger Universität fertiggestellte Werk gegenüber anderen, auch vorher erschienen deutschen Übersetzungen durch ihre klare, verständliche, am Alltagsleben orientierte Sprache aus, die für alle Christen verständliche sein sollte.

Welch unglaublicher Fleiß und wieviel Eifer dafür nötig waren, das passende Wort für die Übersetzung zu finden, zeigt sich in Luthers "Sendbrief vom Dolmetschen", wo er zur Übersetzung des Grußes des Engels an Maria "Ave Maria, gratia plena" (Lk. I,28) bemerkt: "Item da der Engel Mariam grüßt: Maria voll Gnaden! wo redt der deutsche Mann so? Er denkt an ein Fass voll Bier oder Beutel voll Geldes, darum hab ich's verdeutscht: Du holdselige. Und hätte ich das beste Deutsch hie sollen nehmen, so müsste ich verdeutschen: Gott grüße dich, du liebe Maria.[...] Wer deutsch kann, der weiß wohl, welch ein herzlich fein Wort das ist: du liebe Maria, der lieb Gott[...]. Und ich weiß nicht, ob man das Wort 'liebe' auch so herzlich und genugsam in lateinischer oder anderen Sprachen reden mög, das also dringe und klinge ins Herz, durch alle Sinnen, wie es tut in unserer Sprache."

Nicht immer gelang es im ersten Versuch, ganze Passagen des Textes genau zu übersetzen, so dass oft mehrere Versuche nötig waren: Luther fertigte erst eine wortwörtliche Übersetzung in der ursprünglichen Wortfolge an, die er schließlich, unter Verwendung einer Fülle sinn- und sachverwandter Wörter, Wort für Wort dem landläufigen Sprachgebrauch annäherte. Durch die besondere Bedeutung für die Reformation und Luthers Übersetzung angeregt, entstanden bald weitere Bibelübersetzungen, wie die niederdeutsche Bibel Bugenhagens, einer Bibel in preussisch-masurischer Sprache oder Übersetzungen in englischer oder französischer Sprache. Bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges und das Zeitalter der Gegenreformation hinein blieb die Verbreitung der Bibel in der Volkssprache, der "Bibel für Jedermann", ein wichtiges Anliegen. Doch blieb die Bibel dabei, durch ihren großen Umfang – aber auch durch die künstlerische Ausstattung (die 1534 bei Lufft erschienene Bibel besaß zahlreiche Initialen sowie 128 Holzschnitte aus der Werkstatt von Lucas Cranach!) ein relativ teures Buch. Dies änderte sich erst an der Wende zum 18. Jahrhundert, als die Forderung, in einem jeden Hause solle eine Bibel sein, durch August Hermann Francke und den Freiherrn Carl Hildebrand von Canstein in Halle an der Saale – einem Zentrum des deutschen Pietismus verwirklicht wurde. 1713 gründeten der Freiherr von Canstein und August Herrmann Francke, Professor für orientalische Sprachen und Gründer des Pädagogiums Glaucha (heute: Franckesche Stiftungen) die Cansteinsche Bibelgesellschaft. Noch im Gründungsjahr erschien die erste preiswerte Vollbibel, deren kleines Format und kleine Schrifttype sowie das einfachere Papier letztlich den geringen Preis der Bibel möglich machten.

Die Cansteinsche Bibelgesellschaft, die nach Cansteins Tod den Franckeschen Stiftungen angegliedert wird, bildet das Vorbild aller weiteren, im 19. Jahrhundert – nicht nur in Deutschland – entstehenden Bibelgesellschaften, von denen einige der Gesellschaften, wie die Privilegierte Württembergische Bibelgesellschaft oder die 1804 gegründete, weltweit tätige Britische Bibelgesellschaft (British and Foreign Bible Society) noch heute bestehen. (Die Britische Bibelgesellschaft nimmt dabei eine besondere Stellung ein, gibt sie doch die Bibel oder Teile davon in rund 800 verschiedenen Sprachen heraus !)

Neben den einfachen, für den täglichen Gebrauch bestimmten Bibeln gibt es bis heute auch Bibelausgaben, die sich durch eine besondere künstlerische Ausstattung auszeichnen; doch sind diese nicht mit den Luxusausgaben des ausgehenden 17., des 18. und 19. Jahrhunderts vergleichbar, von denen hier nur die mit Kupferstichen von Matthäus Merian d. Ä. geschmückte Merian-Bibel, die Kurfürsten-Bibel der Gebrüder Endter oder die zweibändige Bibel mit Bildern von Gustave Doré (1832-1883)beispielhaft erwähnt werden sollen. Dienten in den älteren Bibelausgaben die Bilder noch der Verbildlichung und Erklärung des Bibeltextes für ein nicht immer lesekundiges Publikum, so nahm im 19. Jahrhundert die Anzahl teurer illustrierter Leseausgaben zu. Bücher waren nun nicht mehr Luxus, doch konnten sie es durch Illustrationen berühmter Künstler oder aufwendig gestalteter Einbände werden: So wurden bebilderte Bibeln Kunstwerken gleichgesetzt, die oft auch aufwendig gebunden wurden und teuer blieben.

Letzter Teil im Oktober-Schlüssel

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