ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > September 2015

22.7.2019

Die Schlumbergers – die Geschichte einer Lichterfelder Familie
Erinnerungskultur: Stolpersteine

von Susan Hamlyn, London

Am 25. Juni 2015 wurden in unserer Gemeinde in der Heimkehlenstraße drei Stolpersteine verlegt. Die maßvoll korrigierte Fassung der Informationen von Susan Hamlyn über ihre Familie, die sie beim Zusammensein in der Petruskirche in deutscher Sprache einer kleinen Runde Interessierter gab, drucken wir hier ab.

Beate, Käthe und Ernst Schlumberger auf der Insel Norderney (ca. 1933) – Bild: Familienarchiv

Neue Stolpersteine in der Heimkehlenstraße, Lichterfelde-Ost – Bild: Reiner Kolodziej

Das Haus Heimkehlenstraße (Blick vom Garten aus) (ca. 1935) – Bild: Familienarchiv

Beate Schlumberger (ca. 1933) – Bild: Familienarchiv

Erstens muss ich sagen, dass mein Deutsch nur Schuldeutsch ist und es sind jetzt ein paar Jahre seit ich ein Schulkind war! Deshalb muss ich, für mein Deutsch, um Ihre Geduld bitten. Ich habe, meine kleine Rede geschrieben – mit Hilfe von meiner Mutter! –, um besser verstanden zu sein!

Zweitens muss ich sagen, dass ich nur sehr wenig von dieser Familie Schlumberger weiß. Was ich doch weiß ist nur, an was meine Mutter sich erinnert. Und sie war noch jung, als diese Tragödie geschehen ist.

Käthe, die Mutter, ist in Stettin (jetzt Szczecin in Polen) geboren. Der Name der Familie war Zehden. Käthe war die jüngste einer großen Familie. In der Mitte der Familie kam meine Grossmutter Selma. Selma ist 1882 geboren. Sie, die bis 1975 gelebt hat und mit 93 Jahren starb, war von mir sehr geliebt.) Käthe ist 1895 geboren, also 13 Jahre jünger als meine Grossmutter. Ich habe immer gehört, dass meine Grossmutter Käthe besonders geliebt hat, und die Beiden mehr wie Mutter und Kind als Schwestern waren.

Ungefähr 1900, hat meine Grossmutter, die sehr selbstständig und klug war, ihre Familie verlassen. Sie hatte einen Hunger nach Leben, Erfahrung und die Welt kennenzulernen. Sie ist erst nach Paris gefahren. Sie war sehr arm. Sie hat mir erzählt, dass sie sechs Monate lang nur Bananen gegessen hat, die auf dem Markt übrig geblieben waren. Aber dort hat sie sich Kurzschrift und Tippen beigebracht und danach konnte sie sich ernähren. Später ist sie nach London gekommen und bis Anfang des ersten Krieges hat sie dort gewohnt. Sie war jetzt 32, einsam aber selbstständig. Sie war immer mit Käthe in Kontakt. 1914 war Käthe 19 Jahre alt. Die Familie war nach langer Zeit, wieder zusammen. Die Brüder der Familie haben natürlich in der Armee gekämpft, aber ich weiß nicht mehr, wie sie den Krieg überlebt haben. Ich weiß nur, dass 1921 meine Grossmutter, die jetzt fast 40 Jahre alt war, sich endlich verheiratet hat mit einem Rechtsanwalt der Willi Katzenstein hieß, in Bielefeld. Bald hatten sie zwei Töchter, meine Tante Marianne und meine Mutter Eva.

Käthe hat auch spät geheiratet, ich weiss nicht, wann, Ernst Schlumberger, und sie hatten auch eine Tochter hier in Lichterfelde. Beate, ihre Tochter, ist 1923 geboren, deshalb ist sie im Alter zwischen meiner Tante und meiner Mutter. Trotz des großen Altersunterschiedes zwischen meiner Großtante und meiner Großmutter, waren meine Mutter, meine Tante und Beate beinahe gleich alt.

Die beiden Familien waren immer gute Freunde. Sie haben manchmal Ferien zusammen gemacht.

Aber als die Nationalsozialisten zur Macht gekommen sind, hat sich natürlich alles verändert. Es ist sicherlich nicht nötig, dass ich heute irgend etwas davon sage. Ferien, die Schule, Freunde – alles wurde für Juden mehr und mehr schwierig. Meine kluge Großmutter hat gebettelt, dass die Familie Deutschland verlässt. Mein Großvater, der im ersten Krieg gekämpft hat und ein Rechtsanwalt aus einer wohlbekannten Familie war, hat nicht auf sie gehört.

Und die Schlumbergers? Ernst Schlumberger – wir glauben, dass er chemischer Ingenieur war – war kein Jude, sogenannter "Nichtjude". Er und Käthe glaubten deshalb, dass sie sicher waren. Sie glaubten, sie waren nicht in Gefahr und waren entschlossen, in Berlin zu bleiben.

Es gibt mehrere Geschichten von meiner Familie und wie sie es endlich geschafft haben, Deutschland zu verlassen. Sie sind alle entkommen und nach England ausgewandert, aber nicht ohne Gefahr.

Aber die Schlumbergers sind hier geblieben. Sie waren nur drei, eine innige, liebende kleine Familie. Anfang 1943 ist Beate, die jetzt 20 Jahre alt war, in die Schweiz gefahren, wir wissen nicht warum. Und während sie weg war, haben Ernst und Käthe gehört, dass die Gestapo kommen würde, um Käthe nach einem Konzenstrationslager zu schicken. Sie schrieben Beate, und sie ist bald zurückgekommen. Dann hat die Familie sich entschlossen, Selbstmord zu begehen. Ich weiß nicht wie, aber wir glauben. dass sie alle Gift genommen haben. Wir wissen nur, dass sie am 15. Mai 1943 alle zusammen gestorben sind.

Meine Mutter hat mir immer erzählt, wie meine tapfere, kluge Grossmutter, als die Nachricht sie erreichte, wie niemals vorher oder nachher geweint hat.

Meine Mutter, die jetzt 90 Jahre alt ist und natürlich viele gute Erinnerungen von dieser Familie hat, und unsere ganze Familie sind Ihnen allen dankbar, dass durch ihre Bemühungen und Gutherzigkeit diese neuen Stolpersteine ein würdiges Denkmal an die Schlumbergers bleiben.

Susan Hamlyn, London, Juni 2015


Die Stolpersteinverlegung am 25. Juni 2015 in der Heimkehlenstraße mit Gunther Demnig, Susan Hamlyn und ihrer Tochter, (zweite und vierte von rechts) und mit Vertretern aus unserer Gemeinde und der Stolperstein-Initiative – Bild: Reiner Kolodziej

Informationen über die Familie Schlumberger hat Pfarrerin Katrin Rudolph im Juni-Schlüssel veröffentlicht.

Die Redaktion

zum Seitenanfang

Lesen Sie zu diesem Thema auch: