Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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14.12.2019

Die Kunst zu lesen: Reformation, Bild und Bibel
Zum Themenjahr der Lutherdekade (fünfter Teil)

von Torsten Lüdtke

Das Jahr 2015 als Themenjahr der Lutherdekade steht unter dem Motto "Reformation – Bild und Bibel". Mit diesem Begriffspaar stehen zwei zentrale Begriffe aus der Reformationszeit, die bis in die Gegenwart fortwirken, im Mittelpunkt der (evangelischen) Aufmerksamkeit. Doch für was standen "Bild" und "Bibel" eigentlich damals – und wofür stehen sie heute? Was bedeutet dies letztlich für uns im Jahr 2015? Diesen Fragen will die Artikelserie im "Schlüssel" nachgehen; dieser Teil widmet sich dem besonderen Verhältnis zwischen dem Bild und der Reformation in den mitteldeutschen Cranach-Altären der Reformationsära.

So wie um 1540 die "Reformationsaltäre" in mitteldeutschen Kirchen auf den Bildersturm der frühen Reformationszeit folgten, folgte 1534 auf das "Septembertestament" die gesamte Bibel unter dem Titel "Biblia, das ist die gantze Heilige Schrift Deudsch". 1522 wurden in Wittenberg Bilder verschmäht und zerstört, und auch im Septembertestament fanden sich keine Bilder. Später jedoch, als sich im Spannungsfeld von Reichspolitik und gesellschaftlichen Veränderungen nach 1530 die Reformation konsolidierte, wandelte sich auch die Einstellung zur Bildlichkeit.

So wie die Reformationsaltäre die gesamte protestantische Lehre verbildlichten, dienten die Bilder der 1534 erschienen Luther-Bibel nicht nur der Illustration, sondern auch der Veranschaulichung der biblischen Geschichten. Doch bis zum Erscheinen der "Biblia Deudsch" in der Wittenberger Druckerei von Hanns Lufft (1495–1584) war es ein langer Weg, der in der Lutherstube der Wartburg begann. Luther, nach seinem Auftritt vor Kaiser und Reich in Worms geächtet und gebannt, hatte durch die Gunst Friedrichs des Weisen (1463–1525) Zuflucht auf der Wartburg erhalten. In diesem Asyl, seinem "Patmos", das er bis zum Frühjahr 1522 als Junker Jörg bewohnte, vertauschte Luther seine Mönchskutte mit dem Rittergewand und ließ sich Haar und Bart wachsen. So war der verketzerte und vogelfreie Wittenberger Professor nicht als Doctor Martinus zu erkennen, sondern wurde – letztlich auch von der Burgbesatzung – als Ritter angesehen. So konnte der aus unzähligen Flugschriften und Bildern bekannte Reformator zwar nicht als der vogelfreie Geächtete erkannt werden, doch konnte sich der fromme Mann nicht an die ihm fremde Lebensweise des Adels gewöhnen: Bald waren ihm die Jagd und das Reiten verleidet und er vermisste seine Wittenberger Studierstube und seine Bücher, wie verschiedene Quellen glaubhaft berichten. – Aus Langeweile, und um nicht untätig zu sein, beginnt er das Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen. Rasch, in nur drei Monaten, entsteht eine Übersetzung des Neuen Testaments, die im September 1522 in Wittenberg gedruckt erscheint und daher auch "Septembertestament" genannt wird. Mit dem Septembertestament erfüllte Luther eine der Forderungen der Reformation: eine für alle Christen verständliche Ausgabe des Neuen Testaments zu schaffen. Dabei legte er besonderen Wert auf eine klare, verständliche und am Alltagsleben orientierte Sprache, wofür Luther die ihm geläufigste Mundart – das Obersächsische – wählte. Die Kanzleisprache des Kurfürstentums Sachsen (wie auch der reichen mitteldeutschen Städte und Residenzen) wurde innerhalb des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation allerorts verstanden und auch in einigen anderen Territorien – wie der Reichsstadt Nürnberg – gebraucht .

Mit unglaublichem Fleiß und Eifer suchte Luther passende Worte für seine Übersetzung; doch gelang es ihm nicht immer, ganze Passagen des Textes beim ersten Versuch treffend zu übersetzen. Meist waren mehrere Versuche nötig, um eine gängige Formulierung zu finden: Luther fertigte erst eine wörtliche Übersetzung in der ursprünglichen Wortfolge an, die er darauf, unter Verwendung einer Fülle sinn- und sachverwandter Wörter, Wort für Wort dem landläufigen Sprachgebrauch annäherte.

Luthers Wunsch nach einer korrekten Übersetzung und den richtigen Worten wird im "Sendbrief vom Dolmetschen" deutlich, wo er zur Übersetzung des englischen Grußes "Ave Maria, gratia plena" (Lukas I,28) bemerkt: "Item da der Engel Mariam grüßt: Maria voll Gnaden! wo redt der deutsche Mann so? Er denkt an ein Fass voll Bier oder Beutel voll Geldes, darum hab ich's verdeutscht: Du holdselige. Und hätte ich das beste Deutsch hie sollen nehmen, so müsste ich verdeutschen: Gott grüße dich, du liebe Maria.[...] Wer deutsch kann, der weiß wohl, welch ein herzlich fein Wort das ist: du liebe Maria, der lieb Gott[...]. Und ich weiß nicht, ob man das Wort 'liebe' auch so herzlich und genugsam in lateinischer oder anderen Sprachen reden mög, das also dringe und klinge ins Herz, durch alle Sinnen, wie es tut in unserer Sprache."

Holzschnitt aus dem Septembertestament: Die Hure Babylon, Lucas Cranach d. Ältere

Doch nicht nur in der Sprache ging das Septembertestament einen neuen Weg, auch beim Format und dem Satzspiegel waren Neuerungen zu erkennen.

Waren die Bücher bisher meist groß, schwer und unhandlich, so gleicht das "Neue Testament Deutsch" in seinem Format unseren heutigen Lexikonbänden. Die errechnete, hohe Auflage von 5000 Stück ist, trotz des hohen Preises von 1½ Gulden – dem Wert einer Kuh oder eines Pferdes – innerhalb von zwei Monaten verkauft, so dass schon im Dezember 1522 eine zweite Auflage nötig wird.

Nach Wittenberg zurückgekehrt, begann Luther mit der Übersetzung der gesamten Bibel, bei der ihn auch Melanchthon, Bugenhagen und Cruciger sowie andere Gelehrte der Universität Wittenberg – vor allem bei der Übertragung des Alten Testaments – unterstützten, denn oftmals waren noch andere Kenntnisse notwendig; so besuchte Luther beispielsweise für die Beschreibung der Edelsteine im Kapitel 24 der Offenbarung die Schatzkammer des Kurfürsten, um sich anhand der kurfürstlichen Insignien die Namen der Juwelen einzuprägen.

Als 1534 das fertige Werk bei Hanns Lufft in Wittenberg herauskam, zierten die vollständig übersetzte Bibel zahlreiche Initialen sowie 128 Holzschnitte aus der Werkstatt von Lucas Cranach, an deren Gestaltung Luther wohl selbst maßgeblich beteiligt war. Bei einigen Exemplaren, die von wohlhabenden Käufern erworben wurden, waren die Holzschnitte und Initialen damals aufwändig von Hand koloriert, so dass sie ganz wie kostbare Miniaturen wirkten.

Fortsetzung im September-Schlüssel

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