ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.5.2019

Monatsspruch für den Monat Juni

von Lutz Poetter

Für einen kurzen Moment war Jakob wirklich alleine. Seine gesamte Familie mit allen seinen Bediensteten hatte er vorausgeschickt. Sie waren durch den Fluss ans nördliche Ufer gezogen, mit den Reittieren, den Herden der Schafe und Ziegen, den Zelten und allem Besitz. Nur Jakob blieb zurück am diesseitigen Ufer des Jabbok. Er schien auf etwas zu warten. Etwas musste noch getan werden. Die Finsternis brach herein, es wurde Nacht.

Plötzlich war der andere Mann bei ihm. Er griff ihn an, ein Kampf begann, Mann gegen Mann. Jakob rang mit dem anderen, er schlug auf ihn ein. Der andere war wie er, sein alter ego, genauso groß und genauso stark. Es schien so, als kämpfte da ein zweiter Jakob gegen den ersten Jakob. Sie rangen die ganze Nacht, aber keiner der beiden Kämpfer konnte den anderen überwinden, keiner konnte den Kampf gewinnen. So kämpften sie die ganze Nacht hindurch bis zum Morgengrauen.

Die Genesis

Im 1. Buch Mose lesen wir die Urgeschichte von der Erschaffung der Welt bis zum Turmbau zu Babel. Danach kommen die Vätergeschichten, sie erzählen von den Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob, den frühen Stammvätern des späteren Volkes Israel. Die Geschichten handeln von Erwählung und Bund, von Segen und Verheißung. Die Patriarchen der Bibel tragen sicherlich auch die Züge der Stämme, aus denen Israel entstand, aber sie sind keine mythischen Luftgespinste: Zu sehr faszinieren sie uns mit ihrem menschlichen Schicksal, ihren Hoffnungen und Ängsten, ihren Erfolgen und Niederlagen.

Die Stammväter

Abraham stand am Anfang dieser fernen Zukunftsverheißungen: Er sollte der Stammvater eines großen Volkes werden, dem Gott das Land geben werde, in dem Abraham als wandernder Hirtennomade zu Gast war. Erst im hohen Alter erlebte er die Geburt des Sohnes Isaak von seiner Frau Sara, die die Hoffnung auf ein Kind längst aufgegeben hatte. Auch Isaak konnte anfangs keine Familie gründen mit seiner Frau Rebekka, aber dann wurden seine Bitten erfüllt: Rebekka brachte Zwillinge zur Welt, erst Esau, dann Jakob. Die Brüder waren unterschiedlich in Statur und Wesen. Esau, der Erstgeborene wurde ein rauer Bursche, er liebte es, als Jäger durch die Felder zu streifen und erlegtes Wild mitzubringen. Sein Vater Isaak mochte ihn sehr, er aß gerne von seinen Wildgerichten. Jakob war Mutters Lieblingssohn, zart und feinsinnig, er hielt sich gerne in der Nähe der Zelte bei den Frauen auf. Der Konflikt zwischen den unterschiedlichen Brüdern war vorgezeichnet: Schon im Mutterleib sollten sie sich geboxt haben. Jakob war listig und trickreich, Esau ungestüm und einfältig. Einmal hatte Jakob Linsen gekocht, als Esau müde und hungrig von der Jagd zurückkehrte. Sein Bruder sollte ihm etwas zu essen abgeben. Jakob aber wollte ihm sein Erstgeburtsrecht abluchsen und forderte dieses als Gegenleistung für den Teller Linsen. Unwirsch willigte Esau ein. Was wollte Jakob denn von ihm? Er war und blieb doch der erstgeborene Sohn seines Vaters Isaak, der würde schließlich ihn segnen vor seinem Tod. Aber der starke Esau unterschätzte seinen raffinierten Bruder. Jakob, der Trickser – mit List und Tücke würde er sich auch den väterlichen Segen ergaunern.

Der ergaunerte Segen

Vater Isaak war alt und blind, als er sein Ende nahen fühlte. Er rief Esau zu sich. Sein erstgeborener Sohn sollte ihm ein Wild erlegen, es ihm zubereiten und nach dem Essen den Segen erhalten. Doch das Gespräch wurde belauscht, Rebekka hatte mitgehört. Kaum war Esau zur Jagd aufgebrochen, inszenierte sie mit ihrem zweiten Sohn eine Intrige. Jakob sollte ihr zwei Ziegenböcke von der Herde bringen, Rebekka würde davon ein schmackhaftes Gericht zubereiten. Nun musste Jakob nur noch als Esau verkleidet werden. Dafür zog er eins seiner Jägerkleider an, Mutter befestigte ein Fell an Jakobs Unterarm, um so Esaus starke Behaarung vorzutäuschen. Die Täuschung funktionierte. Vater Isaak wunderte sich zwar, dass alles so schnell gegangen war, so früh hatte er mit der Rückkehr des Jägers nicht gerechnet. Er fragte Jakob, der vor dem blinden Vater stand nach seinem Namen. Und Jakob gab sich für Esau aus. Jakobs Stimme irritierte den Vater, aber er fühlte Esaus Gewand und seine Behaarung. Und Isaak aß das vermeintliche Wildbret seines Sohnes Esau und ließ sich den von seiner Frau zubereiteten Ziegenbraten schmecken. Danach segnete ihn sein Vater mit dem Segen, der für Esau bestimmt war. Als der richtige Sohn von der Jagd kam, hatte Isaak nichts mehr für ihn.

Feindschaft

Damit herrschte offene Feindschaft zwischen den Zwillingsbrüdern. Esau wollte Jakob töten für seinen Betrug, gleich nach der Beerdigung des Vaters. Jakob floh Hals über Kopf Richtung Osten ins nördliche Zweistromland, nach Haran, wo er Verwandte hatte. Jakob musste hart arbeiten, bevor er heiraten und seine Familie gründen konnte. Seine Frauen gebaren ihm zwölf Söhne Er kam zu Ansehen und Reichtum. Aber Jakob war nicht glücklich, er fand keinen inneren Frieden. Er wusste, dass er sich den Segen nur ergaunert und seinem Bruder das Leben zerstört hatte. Und Jakob lebte in Angst vor seinem Bruder. Der hatte es auch zu Reichtum gebracht und verfügte über 400 wehrhafte Männer. Und Esau kam ihm entgegen. Was würde geschehen? Esau hatte versprochen, Jakob zu töten wegen seines Betruges an ihm. Würde er nicht alle niedermetzeln, die zum Hause Jakob gehören? Jakob warf sich zu Boden, er betete zu Gott, ihn vor seinem Bruder zu retten. Außerdem hatte Jakob einen trickreichen Plan: Er wollte in mehreren Etappen großzügige Geschenke vorausschicken, Schafe und Kamele, die sollten seinen grimmigen Bruder besänftigen.

Nach dem Kampf

Im Morgengrauen endete der Kampf Jakobs am Ufer des Jabbok. Sein Gegner schlug Jakob auf die Hüfte und renkte ihm das Bein aus. Im Morgenlicht musste der andere Kämpfer verschwinden. Aber Jakob hielt ihn fest. Erst, wenn er ihn segnete, dann würde er ihn freigeben. Der Kampf Mann gegen Mann eröffnete eine neue Dimension. Jakob hatte in dieser Nacht nicht nur mit sich selbst gekämpft, sondern auch mit Gott um den Segen gerungen. Er erhielt ihn nun, zugleich auch einen neuen Namen. Nicht mehr Jakob, der Trickser, sondern Israel, Vater der zwölf Stämme des auserwählten Volkes.

Versöhnung

Die Begegnung der beiden alt gewordenen Brüder fiel anders aus, als Jakob es befürchtet hatte. Esau wollte längst keine Rache mehr nehmen, er brauchte keine Demut und auch keine Geschenke, um sich besänftigen zu lassen. Esau ging auf Jakob zu, er fiel ihm um den Hals und küsste ihn, beide weinten. Die Brüder hatten wieder zueinander gefunden und jeder konnte in Frieden seiner Wege ziehen.

Lutz Poetter