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27.3.2019

Die Kunst zu lesen: Reformation, Bild und Bibel
Zum Themenjahr der Lutherdekade (vierter Teil)

von Torsten Lüdtke

Das Jahr 2015 als Themenjahr der Lutherdekade steht unter dem Motto "Reformation – Bild und Bibel". Mit diesem Begriffspaar stehen zwei zentrale Begriffe aus der Reformationszeit, die bis in die Gegenwart fortwirken, im Mittelpunkt der (evangelischen) Aufmerksamkeit. Doch für was standen "Bild" und "Bibel" eigentlich damals – und wofür stehen sie heute? Was bedeutet dies letztlich für uns im Jahr 2015? Diesen Fragen will die Artikelserie im "Schlüssel" nachgehen; dieser Teil widmet sich dem besonderen Verhältnis zwischen dem Bild und der Reformation in den mitteldeutschen Cranach-Altären der Reformationsära.

Nach den Ausschreitungen im Februar 1522, als radikalisierte, mit Hämmern und Äxten bewaffnete Bürger als Zeichen einer Reinigung von abergläubischem Götzendienst in den Kirchen und Klöstern der Stadt Altäre und Heiligenbilder zerstörten, konnte – durch das Einschreiten Luthers – die Ordnung in Wittenberg rasch wiederhergestellt werden. Die Ausstattung der Kirchen Wittenbergs war dadurch jedoch größtenteils verlorengegangen.

Obgleich Luther sich bereits 1525 – und mit ihm die gemäßigten Reformatoren – für eine Beibehaltung der Bilder und Bildwerke im Kirchenraum aus didaktischen Zwecken ("zum ansehen, zum zeugnis, zum gedechtnis, zum zeychen") aussprach, blieb die Stadtkirche St. Marien lange ohne schmückendes Altarbild. Erst 1547, nach der Überlieferung am 24. April 1547, dem Tag der Schlacht von Mühlberg, wurde das letzte, bedeutende Werk des Wittenberger Malers, Unternehmers und Bürgermeisters Lucas Cranach (d. Ä.) und seiner Werkstatt feierlich geweiht.

Auf den großen Tafeln des monumentale Triptychons wird bildlich sichtbar, was Luther meinte, als er davon sprach, dass Bilder "zum ansehen, zum zeugnis, zum gedechtnis, zum zeychen" erlaubt seien; so sind die Bildtafeln des Altars auch eine Verbildlichung der gesamten protestantischen Lehre im Angesicht der Reformatoren: Taufe, Abendmahl und Beichte als Sakramente des jungen, noch umkämpften evangelischen Bekenntnisses sind Themen der Altartafeln, die Predella, der Sockel des Altarretabels, zeigt dazu passend, – ganz im Sinne von Luthers reformatorischen Grundprinzipien "allein durch Christus", "allein durch die Gnade", "allein durch den Glauben" und "allein durch die Heilige Schrift" – die Verkündigung des Wortes im evangelischen Gottesdienst. Als handelnde Personen treten in den Altargemälden keine idealen Heiligen auf, sondern die Träger der Reformation spenden dieselben; Luther selbst ist zweimal an prominenter Stelle abgebildet: In der Predella ist er als Prediger rechts auf der Kanzel zu sehen, in der 242 × 255,5 cm messenden Mitteltafel, die das letzte Abendmahl Christi zeigt, trägt einer der Jünger seine Gesichtszüge (wie sie aus den Darstellungen des bärtigen Junker Jörg überliefert sind). Durch die doppelte Darstellung von Christus und Luther in der Mitteltafel und der Predella sowie den Sakramenten in den Seitenflügeln und der Mitteltafel wird die kreuzförmige Komposition des Triptychons durch Cranach (und Luther) deutlich. Wenn die Darstellung des Abendmahls in der Mitteltafel auch eher traditionell anmutet, denn Johannes ruht schlafend im Schoße des Herrn und Judas Ischarioth wird als Verräter Christi in gelber Kleidung mit einem Geldbeutel aus dem Münzen herausfallen, dargestellt; , doch ist die Komposition hier auch ungewöhnlich; sitzen sonst in der Regel die Jünger an einer eckigen Tafel, sind sie in Cranachs Altarbild um einen runden Tisch herum gruppiert. Dem unter den Aposteln sitzenden Luther/ Junker Jörg wird durch einen Mundschenk der Kelch gereicht. Der Mundschenk, der Luther Wein einschenkt, trägt die Züge Lucas Cranachs d. J. Eine weitere Besonderheit stellt die Panoramaansicht im Hintergrund des Bildes dar, der Blick geht in eine sächsisch anmutende Landschaft, wie sie etwa im Erzgebirge oder der Sächsischen Schweiz zu finden ist.

Predella und Seitenflügel zeigen den Blick in einen idealisierten, schlichten (Kirch-)Raum; auf der linken Tafel, die das Sakrament der Taufe zum Thema hat, ist der Ansatz des Gewölbes zu sehen, durch ein einfach verglastes Fenster fällt helles Tageslicht in den Raum, in dem ein mächtiges, aufwändig verziertes Taufbecken steht. Dahinter ist Philipp Melanchthon, in das Gewand eines Wittenberger Gelehrten gekleidet, zu erkennen, der die Taufe an einem neugeborenen Kind vollzieht. Der Maler Lucas Cranach d.Ä. unterstützt ihm dabei, indem er ein Tuch bereithält. Spiegelsymmetrisch zum architektonischen Rahmen des linken Flügels ist die Architektur des linken Seitenflügels. Gewölbeansatz und Butzenscheibenfenster finden sich ebenfalls, doch ist hier der Weggefährte und Kollege Luthers, der Prediger an der Stadtkirche, Johannes Bugenhagen zu sehen, der die Beichte, damals noch als Ohrenbeichte, abnimmt. Mit dem Attribut des Apostels Petrus, dem doppelten Schüssel dargestellt, übt Bugenhagen das Amt des Petrus mit seiner Binde- und Lösegewalt aus. Die Stellung der Schlüsselbärte wie auch die Haltung der Hände beider Männer spiegeln wider, wem die Sünde vergeben wird und wer sie behält.

Die Predella zeigt das Zentrum des idealisierten, schlichten (Kirch-)Raumes mit dem von der Kanzel auf den im Mittelpunkt stehenden Christus am Kreuz weisenden Luther. In der Gemeinde, die am linken Rand des Gemäldes steht und die Predigt verfolgt, sind verschiedene Freunde Luthers, sowie – im Vordergrund – sein Sohn Hans und seine Frau Katharina zu finden.

Programmatisch, wie auch künstlerisch eng verwandt sind verschiedene, aus der Werkstätte von Lucas Cranach d. Ä. – wie auch von Lucas Cranach d.J. – stammende Altäre: der Altar in der St.-Wolfgang-Kirche zu Schneeberg im Erzgebirge, der Altar in der Stadtkirche St. Peter und Paul (Herderkirche) in Weimar sowie der Altar der Schlosskirche zu Dessau.

Fortsetzung im Juli/August-Schlüssel.

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