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16.1.2019

Projektbericht aus der Ukraine
ASF – Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste

Emma Koll aus Kiel, entsandt im September 2014 für ASF in der Petruskirche, berichtet aus ihrem Projekt in Odessa/Ukraine. Sie arbeitet mit einem zweiten Freiwilligen, David, zusammen. Wir drucken Auszüge aus ihrem sehr umfangreichen Bericht, der am Jahresende 2014 entstanden ist. Nach der Beschreibung von Stadt und Wohnung kommt Emma zu ihrer Arbeit im Projekt.

Projektbeschreibung

Die NGO (Non Government Organisation), für die wir arbeiten, heißt "The Way Home", zu Deutsch "Der Weg nach Hause". "The Way Home" setzt sich für obdachlose und sozial benachteiligte, sowie für HIV-positive Kinder und Jugendliche ein und hilft diesen mit vielen Projekten und Einrichtungen.

Zunächst gibt es die "Social Patrol". Sie besteht aus einer Gruppe von Sozialarbeitern und Freiwilligen, die durch Odessa fahren und Orte aufsuchen, von denen sie bereits wissen oder vermuten, dass sich dort obdachlose Kinder eingerichtet haben. Sie werden dann von ihnen mit Essen, Medikamenten und Beratung versorgt. Je nachdem, ob die Kinder überhaupt wollen und ob genügend Kapazitäten zur Verfügung stehen, werden sie in den entsprechenden Zentren von "The Way Home" untergebracht.

Jugendliche können im zentralen Gebäude, in dem sich auch das Büro befindet, wohnen. Sie gehen gemeinsam auf eine Schule, die sich nur eine Straße entfernt befindet. Nach dem Mittagessen gibt es diverse Angebote von Workshops, wie Töpfern oder Tanzen.

Unter anderem unterhält die Organisation zwei Kindergärten. Die Kinder kommen aus Familien, die sehr arm sind und daher kein Geld für die staatlichen Kindergärten aufbringen können. Es ist eine große Entlastung für die Eltern, da sie in der Zeit eine Arbeit suchen oder einer nachgehen können. Für die älteren Kinder und Jugendlichen organisiert "The Way Home" einen Schulplatz und stellt ihnen Räume und Mitarbeiter zum Spielen und Hausaufgaben machen zur Verfügung. Aber auch die Eltern bleiben nicht außer Acht. Für sie gibt es spezielle Beratungsangebote, sowie Psychologen und Ärzte.

Eine weitere Einrichtung ist "Open Doors". Hier können obdachlose Kinder und auch Erwachsene herkommen, um sich und ihre Kleidung zu waschen, so wie um einen Arzt, Anwalt oder eine Psychologin aufzusuchen oder im Computerraum Hausaufgaben zu machen.

Ebenso gibt es ein extra Drogen und Aids Zentrum. Dort können Jugendliche einen kostenlosen und anonymen HIV-Test machen, Beratung bekommen, an verschiedenen Workshops teilnehmen und Ähnliches. Dort arbeiten ebenfalls Sozialarbeiter und Psychologen. Dreimal in der Woche fahren sie mit einem grünen Bus durch Odessa und helfen Jugendlichen vor Ort.

Die Ukraine ist das Land mit der größten HIV-Infektionsrate in Europa.

Außerdem gibt es noch ein Krankenhaus, das von "The Way Home" ins Leben gerufen wurde. Kinder, die aus sehr armen Familien kommen oder auf der Straße leben, werden dort kostenlos behandelt. Die Behandlung beinhaltet nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch eine psychologische Betreuung. Diese soll den Kindern die Angst vor der medizinischen Behandlung nehmen und sie ermutigen, bis zur Genesung im Krankenhaus zu bleiben.

Momentan beherbergt und unterstützt "The Way Home" außerdem Flüchtlinge aus den Krisengebieten im Osten. So wurde ein dritter Kindergarten für Flüchtlingsfamilien aus Mariupol eingerichtet und der Gymnastikraum im zentralen Gebäude wurde zum Schlafsaal umfunktioniert. Eigentlich hat die Organisation Platz für etwa 25 Jugendliche. Mittlerweile leben aber bereits 48 Menschen hier, 23 von ihnen sind Flüchtlinge. Die Unterbringung der Flüchtlinge ist überall ein großes Problem. Es fehlt vor allem an Geld. Ich habe am Anfang die "Social Patrol" beschrieben, doch um ehrlich zu sein, wurde sie bereits im Sommer ausgesetzt, da es einfach an den notwendigen Mitteln fehlt.

Aber nun zu meinen Aufgaben. Bis 14 Uhr arbeite ich in einem der Kindergärten, er heißt Morgendämmerung. Mir gefällt die Arbeit im Kindergarten sehr gut, was wohl daran liegt, dass ich mich an Kindern immer wieder erfreuen kann. Jedes Kind hat seine sehr eigene Art. Ein Mädchen, das meistens da ist, trägt zum Beispiel immer einen kleinen Rucksack auf dem Rücken, in dem sie ganz viele mini kleine Spielsachen aufbewahrt. Einmal hatte ich die Ehre, ihre Schätze zu bewundern und es war wirklich alles da: kleine Figürchen, Plastikdinosaurier, Einzelteile einer alten Armbanduhr, glänzendes Bonbonpapier, Muscheln und was man sonst noch so zum alltäglichen Überleben braucht. Sie ist sehr gewitzt und schlau, aber auch sehr frech und spielt am liebsten alleine. Die Kehrseite der Medaille ist, dass sie sich verlässlich jeden Tag in die Hose macht und wir schon alles versucht haben, aber es nichts nützt. Dann haben wir noch unseren Sultan, wie Ir, die Kindergärtnerin, ihn nennt, weil er oft der einzige Junge unter den ganzen Mädchen ist. Es gibt allerdings auch zwei Kinder, um die ich mir manchmal ein bisschen Sorgen mache. Das eine ist ein Mädchen, sie ist, glaube ich, schon fünf oder sechs Jahre alt, aber sehr schüchtern und auch sehr passiv auf eine Art. Meist steht sie einfach im Gruppenraum, schaut auf den Fernseher, auf dem oft Zeichentrickfilme laufen und schaukelt ihren Körper leicht von rechts nach links. Zum Spielen mit den anderen Kindern konnte ich sie bisher noch nicht ermutigen, aber zumindest wenn man Bücher mit ihr anguckt, taut sie etwas auf und erzählt ganz genau, was man auf den Bildern sieht. Zum anderen haben wir noch einen Jungen, der zwar auf der einen Seite sehr anhänglich ist, auf der anderen aber sich auf nichts konzentrieren kann und einen weder anschaut, noch zuhört, wenn ich mit ihm rede. Auch die anderen Kinder lassen ihn nicht mitspielen, weil er ihnen entweder einfach die Spielsachen wegnimmt oder nicht auf das eingehen kann, was die anderen Kinder spielen. Ich finde es manchmal sehr schwer, damit umzugehen.


Der Hinterhof, auf dem sich das zentrale Gebäude, die Küche, die Töpferwerkstatt und einer der Kindergärten befinden.

Der Tag im Kindergarten sieht meist so aus, dass die Kinder erst im Gruppenraum mit den Spielsachen spielen, dann wird oft gemeinsam etwas gebastelt, dann gibt es Mittagessen, welches von der Küche in großen Militärkanistern zu uns gefahren wird und dann gehen die Kinder schlafen. Außerdem kommt regelmäßig eine Frau, die den Kindern musikalisch Englisch beibringt. Das heißt sie singen englische Lieder, die manchmal nicht so viel Sinn machen (eins geht so: Peter has a pencil, Peter has a pen! He’d rather use a pencil, he’d rather use a pen!), aber den Kinder viel Spaß machen und ich habe den Eindruck, dass sie auch wirklich etwas dabei lernen.

Ich muss sagen, dass ich mich manchmal ein bisschen überflüssig fühle im Kindergarten, vor allem, wenn nur wenige Kinder da sind. Aber auch sonst würde es natürlich ohne mich funktionieren. Dennoch ist die Zeit im Kindergarten für mich sehr wertvoll, weil ich für den Anfang zumindest ganz gut Russisch dort lerne. Vor allem natürlich so etwas wie Tiernamen, Obst und Gemüse, die Wochentage und Farben habe ich so sehr schnell gelernt, da die meisten Kinder diese Sachen erst selbst lernen müssen. Auch kann ich bereits ein reiches Repertoire an Kosenamen vorweisen, zum Beispiel kann man im Russischen, wie bei uns, Kleine(r) oder Häschen sagen, aber es gibt auch andere Möglichkeiten, wie zum Beispiel mein Fischchen, mein Pfötchen oder sehr beliebt ist auch meine Sonne bzw. mein Sonnenschein.

Wenn die Kinder schlafen, fahre ich mit der Marschrutka (Sammeltaxi) oder mit der Straßenbahn rüber zum zentralen Gebäude, um dort im Büro zu arbeiten. Unsere Aufgabe ist hier Fundraising für die Organisation zu betreiben, wobei wir uns auf deutschsprachige Firmen, Stiftungen und Leute konzentrieren sollen. Ich war mit dieser Aufgabe ein bisschen überfordert, weil man uns nur gesagt hatte, "Macht mal"und sonst nichts. Der Anfang ging eigentlich noch. Zunächst haben David und ich gemeinsam eine Beschreibung der Organisation verfasst, so wie sie uns gezeigt wurde und wie wir sie wahrnehmen. Dann haben wir beide auf dieser Basis verschiedene Institutionen angeschrieben. Ich habe mit Stiftungen angefangen, die sich entweder für Osteuropa oder die Rechte von Kindern beziehungsweise für Armutsbekämpfung oder Aids Toleranz einsetzen. Ungefähr 30 Stiftungen habe ich so angeschrieben, doch leider habe ich, wenn überhaupt, nur eine Absage bekommen (wenn auch immer natürlich wunderschön verpackt: Ach, wir würden ja so gerne und das ist ja so toll, was ihr da macht, aber wir haben schon unsere Projekte, aber wir haben auch kein Geld, aber, aber, aber).

Einen kleinen Hoffnungsschimmer gab uns "Brot für die Welt", welche uns sagten, dass sie zwar im Moment keine Kapazitäten freihaben, aber sich vorstellen könnten, in Zukunft mit uns zusammenzuarbeiten und im Frühling eine Sachverständige bei uns vorbeizuschicken. Auch habe ich viele Ärzte und Politiker, sowie Friedensgemeinden in Deutschland angeschrieben, von denen ich kaum Antworten bekam. Zurzeit stehe ich in Kontakt mit Hans Thönnes, ein SPD-Politiker aus Schleswig-Holstein und Stellvertretender Vorsitzender im Auswärtigen Ausschuss, der gewillt ist, uns zu helfen. Mittlerweile habe ich gelernt, dass die meisten Geldgeber eher ein kleines Projekt unterstützen, welches man ihnen genau erläutern muss, der Zeitraum sollte genau festgelegt sein und die Ziele klar dargestellt. Nach unserem ersten Zwischenseminar im November, wo mir die anderen Freiwilligen viele gute Ideen gesagt hatten, was ich noch probieren könnte, habe ich mir ein Projekt überlegt, welches ich gerne mit den Kindern durchgeführt hätte. Ich wollte mit ihnen einen Kalender machen, den ich dann für das Fundraising als Anreiz zum Spenden hätte verwenden können. Jedes Kind hätte dabei eine eigene Seite gehabt, auf der ein Foto des Kindes zu sehen gewesen wäre und zusätzlich ein Zitat zum Thema Stolz. Beispielsweise eine Antwort auf die Frage: "Warum bist du stolz auf dich?" Das war zu Teilen Thema unseres Seminars und ich denke, dass es eine gute Frage zum Nachdenken ist, weil man sich seiner selbst mehr bewusst wird und es eventuell auch zu mehr Zufriedenheit mit sich selbst führen kann. Leider ist dieses Projekt, genauso wie den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, an meinen Sprachkenntnissen gescheitert. Außerdem meinte unsere Chefin, dass es mit den Fotos rechtliche Probleme geben könnte. Daher habe ich mir jetzt vorgenommen, erstmal die Sprache richtig zu lernen.

Insgesamt kann ich zu diesem Projekt sagen, dass ich mich hier wirklich wohl fühle und dass ich ebenso den Eindruck habe, dass es den Kindern und Jugendlichen sehr gut geht. Mittlerweile durch die vielen Erwachsenen, die jetzt hier wohnen, ist es ein bisschen anonymer geworden, aber bei den Kindern hat man immer noch das Gefühl, sie sind eine richtige große Familie. Ich denke, dass "The Way Home" sehr wertvolle Arbeit hier in Odessa leistet und ich hoffe sehr, dass es diese Krise, die dem Land nichts bringt, sondern es nur zerstört, übersteht.

Emma äußert sich recht ausführlich zur Politik in der Ukraine und zu den Problemen mit rechten Gruppen und Antisemitismus. Es geht weiter:

... möchte ich noch kurz vom Straßenbahnfahren in Odessa berichten, das immer sehr lustig ist. Die Straßenbahnen darf man sich jetzt nicht so wie in Deutschland vorstellen, sie sind wesentlich kürzer und können sich auch nicht biegen. Außerdem sind sie auch nicht so schnell wie ihre jüngeren Kolleginnen. Die Straßenbahnfahrer/innen sind meistens Frauen mittleren Alters, die man oft extrem gelangweilt, auf das Schaltbrett gestützt und rauchend in ihrem kleinen Kabinett sieht. Manchmal müssen sie eine Weiche umstellen, dann hüpfen sie aus ihrer Straßenbahn, eine Metallstange in der Hand und hebeln schnell die Schiene in die gewünschte Form. Am Anfang habe ich mich noch über die aufgetakelten Frauen mit den hohen Schuhen gewundert, die vor der Bahn auf dem Gleis herumwerkelten, doch man gewöhnt sich daran.

Die Schaffnerinnen, die es ganz nach dem Zufallsprinzip mal gibt und mal nicht, sind hingegen meistens ältere Frauen. Sie sind die einzigen die sich sicher in der ruckeligen Bahn bewegen können und nicht umfallen, auch wenn sie sich nirgendwo festhalten. Sie fordern die Fahrgäste auf ihre 1,50 hryvna (weniger als 10 Cent) zu bezahlen und händigen ihnen daraufhin einen kleinen Fetzen Papier aus, den sie zusätzlich noch einreißen. Man kann allerdings auch sagen, dass man keinen Fahrschein möchte, das ist auch ok. Man könnte meinen, dass es eine große Leistung der Schaffnerinnen sei, alle Fahrgäste im Blick zu haben und genau zu wissen wer schon bezahlt hat und wer nicht. Doch wenn man die Rentner/innen abzieht, die umsonst fahren dürfen, bleiben meist gar nicht mehr so viele Fahrgäste übrig. Wenn es keine Schaffnerin gibt, muss man bei der Fahrerin am Ausgang bezahlen. Die Haltestellen sagt sie übrigens manchmal an und manchmal nicht, wahrscheinlich um ihrer Langeweile vorzubeugen. Ich bin mir nicht sicher, ob das immer so ist, aber heute habe ich sie zum ersten Mal dabei gesehen und sie hat die Haltestelle durch ein Megafon angesagt. Das würde zumindest erklären, warum ich die Ansage nur verstehe, wenn ich schon weiß, welche Haltestelle als nächstes kommt. Ob das die gängige Methode ist, werde ich in Zukunft beobachten und Euch dann im nächsten Projektbericht mitteilen.

Danksagung

Ich möchte mich nun, endlich zum Ende kommend, noch ganz herzlich bei allen bedanken, die mir dieses Jahr ermöglicht haben. Sehr viele Menschen haben dazu beigetragen, dass dieses Jahr überhaupt zu Stande kommt. Dazu gehören alle, die mir bei der Bewerbung geholfen habe, sei es eine Referenz zu schreiben, oder einfach mich aufzumuntern, die ganzen Fragen zu beantworten. Natürlich möchte ich mich vor allem ganz herzlich bei allen bedanken, die eine Patenschaft übernommen haben. 180 Euro sind viel Geld und ich bin Euch sehr dankbar! Ebenso danke ich allen, die direkt für das Projekt "The Way Home" gespendet haben. Es ist das erste Jahr, dass dieses Projekt zustande kommt und zusätzlich war eigentlich nur ein Freiwilliger für dieses Projekt vorgesehen. Eure Hilfe war essentiell dafür, dass ich überhaupt hier sein kann. Schlussendlich möchte ich mich noch bei ASF im Allgemeinen bedanken, besonders aber bei Sina, Anzhela und Lena.

überarbeitet von Stephanie Habedank-Kolodziej

Der nächste Entsendungsgottesdienst in der Petruskirche findet am Sonntag, den 6. September um 11.00 in der Petruskirche statt.

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