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22.7.2019

Die Kunst zu lesen: Reformation, Bild und Bibel
Zum Themenjahr der Lutherdekade (Dritter Teil)

von Torsten Lüdtke

Das Jahr 2015 als Themenjahr der Lutherdekade steht unter dem Motto "Reformation – Bild und Bibel". Mit diesem Begriffspaar stehen zwei zentrale Begriffe aus der Reformationszeit, die bis in die Gegenwart fortwirken, im Mittelpunkt der (evangelischen) Aufmerksamkeit. Doch für was standen "Bild" und "Bibel" eigentlich damals – und wofür stehen sie heute? Was bedeutet dies letztlich für uns im Jahr 2015? Diesen Fragen will die Artikelserie im "Schlüssel" nachgehen; dieser Teil widmet sich nochmals der Thematik Flugschrift sowie dem gespannten Verhältnis von Reformation und Bild.

Bildersturm in Holland (Darstellung von 1882)

Die Flugschriften der Reformatoren waren, ebenso wie die Schriften der katholischen Partei, trotz einsetzender, erster Zensurmaßnahmen, überaus erfolgreich. Mit ihnen wurden jedoch nicht nur politische Streitfragen behandelt und polemisch um diese gestritten, sondern es wurden auch theologische Ansichten dargelegt. Stellte Luthers Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation" vor allem einen politisch-moralischen Appell dar, so boten die Schrift "De captivitate Babylonica ecclesiae, praeludium" (Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche) und die dritte Flugschrift des Jahres 1520, "Von der Freiheit eines Christenmenschen", die Grundlagen zum theologischen Programm der Reformation. Dabei richtete sich die, an eine gebildete Leserschaft gerichtete, lateinisch verfasste Schrift "Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche" gegen die Sakramentslehre der katholischen Kirche und die Siebenzahl der Sakramente, die Luther auf die in der Bibel überlieferten, durch Christus eingesetzten Sakramente Taufe, Abendmahl und Buße reduzierte. In diesem Sinne wandte sich Luther 1520 ("Von den guten Werken") auch gegen die gegen die im Hoch- und Spätmittelalter sowie der beginnenden Neuzeit beliebten frommen materiellen (Bilder-)Stiftungen, die sogenannten "guten Werke" und besonders gegen die Auffassung, durch diese guten Werke könne das Seelenheil erkauft werden; so erwarte Gott "nicht Fasten, Wallfahrten und reich ausgeschmückte Kirchen, sondern einzig den Glauben an Christus".

Einer der ersten Reformatoren, die das Wort der Bibel über die kirchliche Tradition stellten und Bilder und Skulpturen in der Kirche ablehnten, war Luthers Kollege an der Universität Wittenberg, der Professor Andreas Bodenstein, genannt von Karlstadt. Seine Flugschrift "Von Abtuung der Bilder" (1522) verbreitete sich in zwei Auflagen im ganzen deutschen Sprachraum und sah als Endzweck des Christentums auch die Forderung, Armut und Bettelei abzuschaffen. Das sei aber nur möglich, wenn das Kapital, anstatt in fromme Stiftungen zu fließen, direkt den Armen, den 'lebendigen Abbildern' Gottes zugutekomme. In der Rezeption wurde diese Argumentation vollkommen ignoriert, lediglich der bilderstürmerische Aspekt wurde aufgenommen.

Karlstadt, der Weihnachten 1521 gemeinsam mit Justus Jonas in Wittenberg die erste evangelische Messe auf Deutsch und das Abendmahl in beiderlei Gestalt gefeiert hatte, wurde während der Abwesenheit Luthers (Aufenthalt auf der Wartburg) zum Kopf der reformatorischen Bewegung in Wittenberg. Obgleich die gemäßigte Kräfte im Rat der Stadt Wittenberg an Einfluss gewannen, kam es im Februar 1522 zu Ausschreitungen und zum Bildersturm in den Kirchen Wittenbergs. Mit Äxten und Hämmern bewaffnet, zerstören die radikalisierten Einwohner in Kirchen und Klöstern Altäre und Heiligenbilder als Zeichen einer Reinigung von abergläubischem Götzendienst. Der Rat, in dem die gemäßigten Kräfte inzwischen obsiegt hatten, berief daraufhin Luther von der Wartburg. In einem berühmt gewordenen Brief wandte sich Luther schließlich an den Kurfürsten, der aber, weil er ihn schützen wollte, Luther riet, sich nicht einzumischen und auf der sicheren Wartburg zu verweilen. Luther, der erkannte, dass er der Einzige sei, der die Situation noch umkehren konnte, reiste aus eigenem Antrieb nach Wittenberg.

Am Beginn der Fastenzeit, dem Sonntag Invocavit (9. März 1522) predigte Luther in der Stadtkirche mit frisch geschnittener Tonsur täglich zu den kontroversen Themen, wie der Abschaffung der Messe, der Einführung der Priesterehe, der Aufhebung der Fastengebote, vom Abtun der Bilder und dem Abendmahl in beiderlei Gestalt. Durch die Kraft seiner Argumentation gelang es Luther, in den später als Invokavitpredigten berühmt gewordenen Kanzelreden die alte Ordnung in Wittenberg wiederherzustellen, ohne den Kurfürsten zum Einschreiten zu bewegen. Dabei kritisierte Luther zwar die Durchsetzung der Reformen, doch erkannte er sie als Frucht seiner eigenen Gedanken und als berechtigt an. Bei der Durchführung solcher Neuerungen müsse man auf die Schwachen, die noch am Hergebrachten hängen, Rücksicht nehmen, denn die Gläubigen seien auf einschneidende Reformen noch nicht vorbereitet. In der Argumentation werden die Verhältnisse in Wittenberg mit einem Säugling verglichen, der nicht gleich schwere Kost bekomme, sondern zuerst Milch und dann Brei. 1525 schrieb Luther, Bilder seien "zum ansehen, zum zeugnis, zum gedechtnis, zum zeychen" erlaubt, also als didaktisches Mittel. In der Folge gestatteten gemäßigte Reformatoren aus dem Umfeld Luthers die Beibehaltung von Bildern und Bildwerken im Kirchenraum zu didaktischen Zwecken; andere, wie etwa Ulrich Zwingli oder Johannes Calvin, traten dagegen für ein völliges Bilderverbot ein. In ihrem Einflussbereich bewirkten sie im Sinne einer Reinigung die Entfernung aller figürlichen Darstellungen aus dem Inneren der Kirchengebäude.

Fortsetzung im Juni.

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