ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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19.1.2019

Gedanken zum Osterfest: Es ist anders als wir dachten
Der theologische Artikel

von E-Mail

Lächerlich, einfach nur zum Totlachen. Wer soll das glauben?

Sie hatten ihn an das Kreuz geschlagen. Er war am Ende, es war aus und vorbei. Unter seinen besten Freunden waren Leugner, Verräter und Scheinheilige. Eben noch umjubelt – doch ganz schnell folgte das "Kreuziget ihn!" Am Ende steht das Kreuz, an dem alle Hoffnungen zerschellen. Am Ende die Entfremdung, die "Weltfremdheit", am Ende der traurig einsame Ruf: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Hier zerbrechen Vorstellungen und Wünsche, selbst die Enttäuschung verwelkt dort am Kreuz. Was bleibt ist Scheitern – auf der ganzen Linie. Tot ist tot. Wie lässt sich dort vom Leben reden?

In Traurigkeit gehüllt, gehen die Frauen zum Grab. Sie wollen tun, was zu tun die Pietät gebietet, wollen ihn salben. Ein letzter Beweis der Nähe und der Liebe an dem Verstorbenen. Und dann kam es anders als sie dachten.

Es ist anders als wir dachten. Es ist so, wie wir kaum zu hoffen wagten. Wir dachten: Tot ist tot. Es ist nicht so! Wir dachten: Ende. Aus. Aber es ist anders!

Viele Geschichten von diesem Mann aus Nazareth erzählen uns bereits davon. Die Leute dachten: Besessen. Er aber sagt: Erlösungsbedürftig. Die Leute sagten: Verachtenswert. Er aber sagt: Wertvoll. Wir denken: Überflüssig. Er sagt: Kostbar! Wir denken: Gescheitert. Er lehrt uns: Himmelreichsbesitzer!

Es ist anders, als wir dachten. Es ist so, wie wir kaum zu hoffen wagten. Erschreckend.

"Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten?" "Er ist auferstanden. Er ist nicht hier." so sagt es ihnen eine merkwürdige Gestalt dort am Grab.

Auferstanden? Wer soll das glauben, das ist lächerlich. Wie sollen sie das erzählen?

Wie soll man auch davon sprechen, wenn Gottes Wirklichkeit einen anfällt? Wie können wir so tiefgreifende Erfahrungen in Worte fassen? "Ihn zu fassen, ist fast unsere Freude zu klein", schreibt Friedrich Hölderlin. Um wie viel mehr dann unsere Sprache!

Ostern

Vier freie Tage. Was reden sie von Karfreitag und Kreuzigung und dass einer auferstanden ist.
Auf den Autobahnen staut der Verkehr.
Übliche Unfälle, was reden sie von Karfreitag und Kreuzigung?
Für die Ostertoten steht die Versicherung ein.
Was soll's, normale Opfer.
Und da sagt einer, wir verstehen ihn nicht, er ist für die Menschen gestorben,
wie ein Verbrecher ans Kreuz geschlagen.
Richtig, sagen alle, wir verstehen das nicht.
Es geht uns nichts an, sagen sie, sagst du, wahrscheinlich ein Spinner,
aber wir haben vier freie Tage vor uns.
Die Radio- und Fernsehprogramme spielen noch Ostern.

Ingeborg Drewitz

"Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich." Mit dieser Wahnsinns-Wahrheit von der Auferstehung kann man sich eigentlich nur lächerlich machen. So erzählt es auch der nachgetragene Schluss des Markusevangeliums und vor allem das Lukasevangelium. Man glaubte den Frauen nicht. Man nahm sie nicht ernst; zunächst nicht einmal unter den Jüngern Jesu.

Und die Frauen "gingen hinaus und flohen von dem Grab, denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen."

Entsetzen – das griechische Wort heißt "ekstasis". Die Frauen waren in Ekstase. Das Lexikon klärt auf: "Ekstase ist das Entzücken, die Begeisterung, der Schrecken". Und weiter: "jede Verrückung oder Entfernung von einer Stelle".

Eigentlich muss man sagen: Die Frauen sind verrückt im schönsten Sinne des Wortes. Denn ihre traurigen Seelen sind verrückt worden ins Entzücken. Vom Tod ins Leben. Auferweckt. Nicht weniger!

Zittern, Furcht und Schweigen der Frauen haben nicht im Unglauben ihre Wurzeln, wie einige meinen. Vielmehr zeigt sich darin ihre bis ins Mark gehende Verwirrung, Erschütterung und Seligkeit.

Die Frauen, die so etwas erlebt haben, bleiben nicht stumm. Undenkbar! Auf dem Weg zum Grab haben sie die Trauer geteilt und die Sorge "Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?". Auf dem Weg vom Grab teilen sie nun die Ekstase, die Begeisterung, die österliche Verrücktheit. Sie werden Worte suchen. Gebrechliche, stammelnde Worte werden es zunächst sein; mehr Fetzen als Vortrag. Aber diese Worte treffen auf die Sehnsucht der Anderen. Und sie werden auf Menschen treffen, die es ähnlich erlebt haben. Dieses erschreckende Auferstehen.

Die Botschaft, die die Frauen in Ekstase versetzt hat, greift auch nach unseren Sehnsüchten. Auf dass wir österlich verrückt werden. Was für ein Schrecken, wenn uns die Wirklichkeit Gottes anfällt. Wenn sie unerwartet hereinbricht in unser Leben, in unsere Rituale, in unsere vertrauten Gefühle vom Verlieren, sich Ergeben in Verhältnisse, in unsere Ohnmacht und Traurigkeit. Ostern ist erschreckend.

Es ist erschreckend, dass Gott im Scheitern nicht aufhört Gott zu sein, sondern sein wahres Wesen mitteilt: die Liebe als das Entscheidende. Aber erst durch dieses Scheitern hindurch tritt der Auferstandene in die Mitte.

Seit Ostern ist er nun nicht mehr nur der Gekreuzigte, aber Wundmale bleiben. Die Freude über die Auferstehung übergeht die Verwundung nicht. Wenn wir der Geschichte Jesu weiter folgen, erkennen ihn die Jünger erst an diesen Malen. Scheitern gehört also zum Leben, es macht empfindsam und aufmerksam für meine Beschädigungen und die anderer. Auch das ist Ostern.

In vielen Gottesdiensten drückt sich die Osterfreude laut aus, mit Jubel, Orgel- und Posaunenklängen. Das ist erhebend und das Gotteslob wird so unüberhörbar.

Aber es sollte nicht so laut werden, dass das Beschädigte, das Feine, das Zerbrechliche überhört wird, als würde es nicht dazugehören.

Ich wünsche uns allen mutiges Scheitern, damit wir mit unseren Wundmalen leben können. Denn Ostern ist nicht das Fest der Davongekommenen, sondern der Hindurchgegangenen. Und ich wünsche uns fröhliches Erschrecken und dann verrückende Osterfreude.

Pfarrer Michael Busch