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24.3.2019

Die Kunst zu lesen: Reformation, Bild und Bibel
Zum Themenjahr der Lutherdekade (Zweiter Teil)

von Torsten Lüdtke

Das Jahr 2015 als Themenjahr der Lutherdekade steht unter dem Motto "Reformation – Bild und Bibel". Mit diesem Begriffspaar stehen zwei zentrale Begriffe aus der Reformationszeit, die bis in die Gegenwart fortwirken, im Mittelpunkt der (evangelischen) Aufmerksamkeit. Doch für was standen "Bild" und "Bibel" eigentlich damals – und wofür stehen sie heute? Was bedeutet dies letztlich für uns im Jahr 2015? Diesen Fragen will die Artikelserie im "Schlüssel" nachgehen; dieser Teil widmet sich dem Verhältnis von Reformation, Flugschrift und Bild.

Reformation, Flugschrift und Bild

Am Vorabend des Allerheiligentages, am 31. Oktober 1517, machte Martin Luther seine 95 Thesen zu Buße und Ablass öffentlich. Ob Luther diese – wie an Universitäten der frühen Neuzeit durchaus üblich – gut sichtbar anschlug oder an Freunde wie Gegner (als Einladung zur gelehrten Disputatio) sandte, sei dahingestellt. Erwiesen scheint jedoch zu sein, dass Luther seine Thesen an diesem Tag einem Brief an den Erzbischof von Mainz und Magdeburg, Albrecht von Brandenburg, beilegte, und er diesen zur Stellungnahme aufforderte. Wenn Luther auch keine Antwort von Albrecht erhielt, so fanden die Thesen Luthers – dank der Erfindung Gutenbergs – eine rasche Verbreitung; unzählige Drucker stellten sich mit ihren Druckereien auf die Seite Luthers und machten das Anliegen und die Ideen des Reformators durch ihre Druckerzeugnisse rasch einem breiten Publikum bekannt. Aber nicht nur für die Sache Luthers, sondern auch für die Ansichten und Meinungen der päpstlichen Seite wurde bald in den im Lande umlaufenden Schriften, den sogenannten Flugschriften, gestritten. Dabei dienten diese kurzen, meist nur eine oder wenige Seiten umfassenden Drucke zur aktuellen Information, zur politischen Propaganda sowie zur religiösen Ermahnung. Eine besondere Gruppe stellen die polemischen Flugschriften dar, die auf spöttische und geharnischte Weise die Argumente der Gegenseite zu widerlegen bzw. herabzuwürdigen suchten. Eines war aber den meisten Flugschriften und Flugblättern der Reformationszeit gemein: Sie besaßen Holzschnittillustrationen, die verschiedene, mitunter auch drastische oder erschreckende Szenen zeigten. An den Druck- und Verlagsorten, den großen Städten und Handelszentren des Heiligen Römischen Reiches, wie Nürnberg, Straßburg, Frankfurt und Augsburg, lebten neben den namhaften Gelehrten auch berühmte Künstler, die wie im Fall des "Passional Christi und Antichristi" gemeinsam an einer Flugschrift arbeiteten. Den Text verfassten Philipp Melanchthon und Johannes Schwertfeger gemeinsam, die Abbildungen dazu stammten von Lucas Cranach d. Ä.

Die drei reformatorischen Sendschreiben Luthers aus dem Jahr 1520 waren dabei überaus erfolgreich: Die erste Auflage seiner Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung" war trotz einer – für die damaligen Verhältnisse – außergewöhnlich hohen Auflage von 4000 Exemplaren bereits nach wenigen Tagen im August 1520 vergriffen. Doch darf die hohe Auflagenzahl nicht über den Umstand hinwegtäuschen, dass Luthers Adelsschrift nicht für die breite, ungebildete Bevölkerung bestimmt war auch wenn sich Luther für seine Schriften eine möglichst weite Verbreitung – auch in einfachen (oft leseunkundigen) Volksschichten – wünschte. So konnten die Holzschnitte auch der Vermittlung der Inhalte der Flugschrift für ein leseunkundiges Publikum dienen.

Zwischen den Jahren 1501 und 1530 erschienen rund 10.000 Flugschriften, die vor allem religiöse, politische oder auch sittlich-moralische Inhalte transportierten. Durch die besondere Popularität des "neuen" Mediums Flugschrift, wie auch durch die Tatsache, dass bissige Kritik sowie die satirische Darstellung der Zeitverhältnisse in Wort und Bild zu den bevorzugten Stilmitteln des auch durch namhafte Künstler wie Hans Sachs oder Albrecht Dürer beeinflussten Genres gehörten, wurde im Heiligen Römischen Reich ab 1529 eine staatliche Zensur eingeführt.

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