Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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19.9.2019

Der Monatsspruch im März

von Pfarrer E-Mail

Lichterfelde im Winter 2015

Ich lese erneut im Römerbrief, vor allem im 8. Kapitel und folge den Gedanken des frühen christlichen Denkers Paulus. Und ich suche im Kommentar unseres Reformators Martin Luther Abschnitte zu diesem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom.

Korinth im Winter 57

Martin Luther als Mönch

Stürme fegten über das Ägäische Meer, kein Schiff verließ den Hafen. Paulus hatte Zeit in der griechischen Hafenstadt, er musste geduldig abwarten, bis er wieder reisen konnte. Drei große Reisen der letzten Jahre lagen hinter ihm, er war unterwegs gewesen in Kleinasien, auf dem griechischen Festland und auf den Inseln. Paulus hatte als christlicher Missionar zahllose Gemeinden besucht, etliche hatte er selbst gegründet und intensiven Kontakt gehalten durch Briefe und Besuche. Nun musste er den Frühling abwarten bei seinen Freunden in Korinth. Es zog ihn noch einmal zurück nach Jerusalem, um die gesammelten Geldspenden für die verarmte Urgemeinde abzugeben. Danach plante Paulus weitere Missionsreisen in den Westen, nach Italien und Spanien. Er wollte über Rom reisen und die Christen in der Hauptstadt des römischen Imperiums besuchen. Paulus kannte Rom noch nicht, nur einige Gemeindeglieder von dort, denen er auf seinen Reisen begegnet war. Er brauchte aber die Unterstützung der ganzen Gemeinde in Rom für seine spanischen Reisepläne. So weit von Jerusalem entfernt musste er neue Reisebegleiter und Weggefährten finden. Paulus wollte sich schriftlich vorstellen, bevor er nach Rom reiste. Die Christen dort sollten ihn kennenlernen und seine geplante Mission. Sie sollten also einen Brief von ihm erhalten. Es wurde der längste Brief, den der jüdische Gelehrte als Apostel Jesu Christi jemals verfasst hat. Er schrieb nicht selbst, sondern diktierte ihn in wohlformuliertem Griechisch seinem Begleiter und Schreiber Tertius. Der Brief an die Römer wurde kein persönlicher Brief, sondern eine lange Darstellung der christlichen Botschaft. Paulus hatte Zeit, er stellte sein theologisches Vermächtnis grundlegend und gründlich dar und schuf so die erste systematische Theologie der jungen Christenheit. Im Zentrum seiner Erkenntnis stand die christliche Existenz, das neue Sein in Christus. Der Geist Gottes führt Menschen durch den Glauben an Christus zu neuem Leben. Der natürliche Mensch steht in Opposition zu Gott, er lebt autonom nach seinem eigenen Willen. Die ursprüngliche Beziehung zu Gott als dem Schöpfer alles Seins ist gebrochen, der Mensch lebt in gottloser Freiheit, in feindlicher Abkehr und todbringender Sünde. Das ist sein Schicksal, er kann aus eigener Kraft die Entfremdung zu Gott nicht auflösen. Auch das Gesetz des Mose bietet keine Möglichkeit dazu, es festigt nur die Gottesferne des Menschen. Paulus hatte diese Form der Gottsuche als mustergültiger Pharisäer ausgelotet. Und er hatte die Christusbotschaft als Irrlehre bekämpft. Dann war er Christus begegnet und hatte seine Berufung als Apostel vom auferstandenen Herrn selbst empfangen. In Christus wendet sich Gott den Menschen zu und überwindet die tödliche Trennung des Menschen von seinem Schöpfer. Gott selbst stiftet Versöhnung mit den abtrünnigen Menschen, er schenkt Hoffnung und Zukunft in Herrlichkeit. Gottes Zuwendung zum Menschen geschieht aus reiner Liebe, sie ist unwandelbar und unzerstörbar. Nichts kann diese Liebe aufhalten, nichts kann uns trennen von Gottes Liebe. Gott ist auf unserer Seite, sein Sohn tritt für uns ein. Nichts kommt von uns Menschen, alles kommt von Gott. Ohne unser Verdienst, aus reiner Gnade.

Wittenberg im Winter 1515

Der Doktor der Theologie Martin Luther bereitete sich sorgfältig im Augustinerkloster auf seine Vorlesung über den Brief des Paulus an die Christen in Rom vor. Dr. Martin Luther und seine Studenten mussten früh aufstehen, gleich morgens begann die Vorlesung, zweimal in der Woche, jeweils zwei Stunden.

Zehn Jahre zuvor war der junge Student Martin ins Augustinerkloster in Erfurt eingetreten. Sein Vater, ein aufstrebender Bergbauunternehmer, hatte für seinen Sohn ein weiterführendes Jurastudium und eine bürgerliche Beamtenlaufbahn vorgesehen. Martins Lebensweg erfuhr eine unerwartete Wendung: In einem Gewitter, unter einem Baum vom Blitz fast getroffen, in höchster Todesangst legte er das Gelübde ab, Mönch zu werden. Martin nahm das Leben im Kloster Erfurt sehr ernst, er hielt sich eisern an die Ordensregel, las ausgiebig in der Bibel und beachtete peinlich die augustinische Bußordnung. Mit 23 Jahren erhielt Martin Luther die Priesterweihe. Aber er fand keine Geborgenheit im Glauben. Ihn plagten Gewissensnöte und Existenzängste. Von innerer Verzweiflung zerknirscht war Luther in seiner Seele der ewigen Verdammnis oft näher als dem ewigen Heil. Sein Abt erkannte, dass dieser außergewöhnliche Mönch mit seinen Zweifeln und Skrupeln nur in der Bibel Antworten auf seine bohrenden Fragen nach Gott finden würde. Staupitz schickte Luther zum Theologiestudium nach Wittenberg. Er blieb an der Universität, promovierte zum Doktor der Theologie und erhielt den Lehrstuhl für Bibel-auslegung.

Luthers Vorlesung über den Paulusbrief an die Römer war ein großer Erfolg. Allerdings blieb der spätere Reformator 1515 erstaunlich distanziert bei der Darstellung der paulinischen Gerechtigkeit. Irgendetwas lähmte seine Begeisterung, hemmte seine Erkenntnis, obwohl im Brief des Paulus alles offensichtlich zu sehen war vor seinen Augen. Zwei Jahre vor seinem reformatorischen Durchbruch war Martin Luther wie blind dafür.

Wittenberg im Winter 1545

Dreißig Jahre später würden die frühen Werke des geachteten Reformators gedruckt werden. Martin Luther sollte ein Vorwort schreiben und auf seine frühe Vorlesung von 1515 zurückblicken:

"Ich war von einer wundersamen Leidenschaft gepackt worden, Paulus in seinem Römerbrief kennenzulernen, aber bis dahin hatte mir nicht die Kälte meines Herzens, sondern ein einziges Wort im Wege gestanden, das im ersten Kapitel steht: 'Die Gerechtigkeit Gottes wird im Evangelium offenbart' [Römer 1,17]. Ich hatte nämlich dieses Wort 'Gerechtigkeit Gottes' zu hassen gelernt, mit der Gott gerecht ist, nach der er Sünder und Ungerechte straft. Ich aber, der ich trotz meines untadeligen Lebens als Mönch mich vor Gott als Sünder mit durch und durch unruhigem Gewissen fühlte und auch nicht darauf vertrauen konnte, ich sei durch meine Genugtuung mit Gott versöhnt: Ich liebte nicht, ja, ich hasste diesen gerechten Gott, der Sünder straft; … muss denn Gott durch das Evangelium den Schmerzen noch Schmerzen hinzufügen und uns durch das Evangelium zusätzlich seine Gerechtigkeit und seinen Zorn androhen? So raste ich in meinem wütenden, durch und durch verwirrten Gewissen. Endlich achtete ich in Tag und Nacht währendem Nachsinnen durch Gottes Erbarmen auf die Verbindung der Worte, nämlich -. 'Die Gerechtigkeit Gottes wird im Evangelium offenbart, wie geschrieben steht [Habakuk 1,4], Der Gerechte lebt aus dem Glauben.' Da habe ich angefangen, die Gerechtigkeit Gottes so zu begreifen, dass der Gerechte durch sie als durch Gottes Geschenk lebt, nämlich aus Glauben; ich begriff, dass dies der Sinn ist: Offenbart wird durch das Evangelium die Gerechtigkeit Gottes, nämlich die passive, durch die uns Gott, der Barmherzige, durch den Glauben rechtfertigt, wie geschrieben steht: 'Der Gerechte lebt aus dem Glauben'.

Nun fühlte ich mich ganz und gar neugeboren und durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten."

Lutz Poetter

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