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16.1.2019

Die Kunst zu lesen: Reformation, Bild und Bibel
Zum Themenjahr der Lutherdekade

von Torsten Lüdtke

Im Jahr 2008 begann die Lutherdekade; seitdem erhält jedes Jahr bis zum 500. Reformationsjubiläum 2017 ein besonderes Thema als Schwerpunkt. Damit sollen bestimmte Aspekte der Reformationszeit auch in der Gegenwart thematisiert und vertieft werden.

2009 rückte anlässlich der 500. Wiederkehr des Geburtstages von Johannes Calvin und des 75. Jahrestages der Barmer Theologischen Erklärung das Thema "Reformation und Bekenntnis" in den Mittelpunkt. Ein Jahr später stand – passend zum 450. Todestag Philipp Melanchthons des "Praeceptor germaniae" ("Lehrer Deutschlands") – der Gesichtspunkt "Reformation und Bildung" im Vordergrund. Das Themenjahr 2012 widmete sich der besonderen Verbindung von Musik und Reformation. Dabei fanden sowohl die Person Martin Luthers, der auch wegen seiner Lieddichtungen "Wittenbergische Nachtigall" genannt wurde, als auch die herausragende Bedeutung der Musik im Gemeindegesang für Glaube und Gemüt als "singende Verkündigung" des Evangeliums gleichermaßen Beachtung.

Themenjahr 2015: Reformation – Bild und Bibel

Das Motto des seit dem 31. Oktober 2014 laufenden Themenjahres 2015 ist "Reformation – Bild und Bibel". Mit dem Begriffspaar stehen nun wiederum zwei zentrale Begriffe aus der Reformationszeit, die bis in die Gegenwart fortwirken, im Mittelpunkt der (evangelischen) Aufmerksamkeit. Doch für was standen "Bild" und "Bibel" eigentlich damals – und wofür stehen sie heute? Was bedeutet dies letztlich für uns im Jahr 2015?

Antworten zu diesen Fragen will die Seite www.luther2017.de/lutherdekade/themenjahr-2015 geben, doch sind dort keine Antworten, sondern lediglich weitere Fragen zu finden: "War die Reformation vor 500 Jahren schon crossmedial? Hat Luther wirklich als erster ein 'Machtwort' gesprochen? Sind Bilder heute noch so wirkungsvoll, wie im 16. Jahrhundert?"

Trotz des zuversichtlichen Tones und des Versprechens "Sie sind hier richtig!" erscheinen die Antworten des nachfolgenden, von Marketing-Experten verfassten Textes oberflächlich und nach Gesichtspunkten zu verfahren, die modernistisch wirken. Die mediale Revolution der Reformation – Buchdruck und Flugblatt, Holzschnitt und Kupferstich – wird mit aktuellen Phänomenen, wie der "360 Grad-Kommunikation" oder einer "Crossmedia-Strategie" gedeutet und gleichgesetzt. Dabei bleibt leider offen, was diese Schlagworte bedeuten und in welchem Zusammenhang sie für das Zeitalter der Reformation und die frühe Neuzeit gewählt wurden. Schlussendlich soll der Leser – das geneigte Publikum – im Themenjahr "Museen besuchen, bei Stadtfesten vorbeischauen, an Tagungen teilnehmen, Forscher treffen" und auch "Experten zuhören", kurz: Es soll seinen Wissenshunger stillen. Deshalb sollen hier – in einer Artikelserie im "Schlüssel" – auch verschiedene Gesichtspunkte des wichtigen Dreiklanges Reformation – Bild – Bibel behandelt werden.

Thesenanschlag und Reformation – die Welt im Umbruch

Als Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen zu Buße und Ablass öffentlich machte, war dies keineswegs der Beginn eines neuen Zeitalters. Der Beginn der Reformation liegt in einer Umbruchphase, die spätestens ein Menschenalter früher begann, und in der, mit der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, auch eine Grundlage für die Reformation gelegt wurde. Doch nicht nur die Erfindung des Buchdrucks spiegelt den Umbruch der Zeitläufe wider: Mit dem europäischen Humanismus, dem Aufblühen der Künste und den Entdeckungen der spanischen und portugiesischen Seefahrer ändert sich auch das Welt- und Menschenbild. Auch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, in dem der berühmte Thesenanschlag Luthers stattfindet, ist um 1500 in einer Umbruchsituation. Auf dem großen Reichstag zu Worms 1495 wurden die Grundlagen zu einer umfangreichen Reichsreform gelegt und die drängendsten Probleme gelöst. Mit dem Übereinkommen zwischen dem Kaiser und den Ständen wurde der Reichstag zur festen Institution der Reichsverfassung und zum politischen Instrument. Dadurch, wie auch durch den Erlass des Ewigen Landfriedens, der Einführung des Reichskammergerichts und des Gemeinen Pfennigs (als Kopf-, Einkommens- und Vermögenssteuer für jeden Untertanen) waren die Grundlagen für den frühmodernen Staat gelegt. Durch die Instrumente der Reichsreform wuchs der Einfluss der Kurfürsten sowie der hohen weltlichen und geistlichen Landesherren stetig und das Kaisertum verlor weiter an Macht. Ebenfalls als Zeichen eines politisch-geistig-moralischen Umbruches sind die sogenannten "Gravamina der deutschen Nation (lat. Gravamina nationis germanicae)" zu sehen, die durch die Reichstände (Fürsten, hohe Geistliche und freie Städte) auf den Reichstagen des 15. Jahrhunderts in regelmäßiger Folge als Beschwerden gegenüber dem Papst und der römischen Kurie hervorgebracht wurden. Diese "Gravamina" mit ihren (auch politischen) antipäpstlichen Zielen stützten später die Forderungen der Reformationspartei.

( Teil 2 im April-Schlüssel)

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