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23.5.2019

"B.B." King
Blues Legenden

von Lutz Poetter

Riley B. King kam am 16. September 1925 in Itta Bena mitten im amerikanischen Bundesstaat Mississippi zur Welt. Die Hütte seiner Eltern Albert und Nora Ella stand auf einer Plantage am Rande des kleinen Provinznests. Als Sohn schwarzer Eltern sollte Riley wie sie später auch Baumwollpflücker werden. Riley war vier Jahre alt, als sich seine Eltern trennten. Nora verließ die Plantage und nahm ihn mit. Sie kehrte zurück zu ihren Eltern nach Kilmichael, 80 Kilometer weiter östlich. Dort verbrachte Riley die nächsten Jahre mit Mutter und Großeltern.

Die Musik lernte er in der Kirche kennen, er sang bald mit im Gospelchor. Mit sieben Jahren hatte Riley seine erste Begegnung mit einer Gitarre. Der Pfarrer gehörte zur Familie und brachte sie mit bei seinen häufigen Besuchen. "Dann legte er seine Gitarre auf das Bett", erinnert sich King später, "und ich hab mich hin geschlichen und darauf gespielt. Einmal hat er mich dabei erwischt und mir ein paar Akkorde beigebracht – C, F und G." Gitarre spielen und Gospelmusik singen wie sein Pfarrer – das wollte Riley auch können. Aber schon vorher hatte ihn seine Großtante auf den Blues gebracht mit ihrem Plattenspieler. Sie hörte gerne Blind Lemon Jefferson, Robert und Lonnie Johnson, und der sechsjährige Großneffe lauschte gebannt, wenn sie ihre Schellackplatten auflegte.

Everyday I have the Blues

Der Junge war neun Jahre alt, als seine Mutter starb, im selben Jahr folgte ihr seine Großmutter. Er blieb übrig in Kilmichael, niemand war mehr richtig für ihn da. Es gibt Hinweise, dass Riley danach für eine Weile bei seinem Vater in Lexington gelebt hat. Albert King hatte wieder geheiratet und eine neue Familie gegründet. Sein Sohn Riley aus erster Ehe war dort nicht willkommen oder es hielt ihn nicht beim Vater. Auch zu seinem Großvater in Kilmichael konnte er wohl nicht zurück. So entschied sich Riley für seine frühere Heimat, er lebte als Jugendlicher allein auf sich gestellt in Indianola. Er arbeitete als Baumwollpflücker für zehn Dollar die Woche und gründete mit drei andern Jungen ein Gospelquartett. Sie traten gemeinsam auf und er spielte Gitarre, akustisch natürlich, denn es gab keinen Strom. Oft saß er in der Stadt an einer Straßenecke und spielte als Straßenmusiker. Sein Hut stand vor ihm, Passanten sollten Münzen hineinwarfen. Dabei lernte er einen wichtigen Unterschied zwischen den Musikstilen von seinen Zuhörern kennen. Wenn er einen Gospelsong anstimmte, dann blieben die Passanten ergriffen stehen, priesen Gott und klopften ihm anerkennend auf die Schulter. Sein Hut aber blieb leer. Spielte er jedoch einen Blues, dann klimperten etliche Münzen in seinem Hut. Sonny Boy Williamson und Robert Junior Lockwood waren in dieser Zeit seine großen musikalischen Vorbilder. Es gab eine Stunde Mittagspause für die Landarbeiter auf der Plantage, und immer mittags lief der einzige Radiosender mit schwarzer Musik für schwarze Hörer. Sonny Boy und Robert spielten eine Viertelstunde lang eigene Stücke und warben für ihren abendlichen Konzertauftritt irgendwo in der Umgebung.

Sweet little Angel

1942 traten die USA gegen Hitler und Mussolini in den Zweiten Weltkrieg ein. Im folgenden Jahr wurde Riley B. King 18 Jahre alt. Er wurde als Soldat eingezogen, bis zum Kriegsende blieb er in der US Army. Mit knapp 20 Jahren war Riley wieder Zivilist und Landarbeiter, inzwischen zum Traktorfahrer aufgestiegen. Er verliebte sich und heiratete seine erste Frau Martha Lee, Kinder sollten kommen. Aber die Musik ließ ihn nicht los, er wollte ganz für den Blues leben und damit auch vom Blues – eben als echter Profimusiker. Dafür war Indianola zu klein, Riley musste es in einer großen Stadt versuchen. Zum ersten Mal in seinem Leben verließ er im Mai 1946 seine Heimatregion in Richtung Memphis/Tennessee. Dort lebte sein Cousin Bukka White, ein anerkannter Bluessänger und -gitarrist. Riley kam bei ihm unter und lernte von ihm mehr über die hohe Kunst der Bluesgitarre. Vor allem musste er an seiner Koordination arbeiten: Es fiel ihm schwer, gleichzeitig zu singen und Gitarre zu spielen.

Memphis

Wieder zuhause in Indianola kündigte er seine Stelle als Traktorfahrer und zog endgültig um nach Memphis. Sonny Boy Williamson besorgte ihm eine kleine Anstellung bei einem Radiosender, anfangs spielte Riley täglich zehn Minuten Livemusik für die Hörer. Dann bekam er eine Vollzeitstelle als Discjockey und damit Zugang zu sämtlichen angesagten Musikstücken. Wer Platten auflegte in einem Tanzclub oder beim Radiosender, der brauchte einen einprägsamen Spitznamen. Riley benannte sich nach der Flaniermeile der Musiker und Künstler in Memphis: "Beale Street Blues Boy". Das war zu lang und wurde zu B.B. abgekürzt. Unter dem Künstlernamen B. B. King trat Riley nun auch in Kneipen und Clubs als Livemusiker auf.

Lucille

Bei einem dieser frühen Auftritte bekam auch seine Gitarre ihren Eigennamen. B. B. King spielte mit einer Band bei einer Tanzveranstaltung in Twist im Bundesstaat Arkansas. Als Wärmequelle stand in der Mitte der Tanzfläche ein großes Blechfass, in dem Kerosin brannte. Dann brach ein Streit aus, zwei Männer kämpften erbittert um eine Frau. Das Fass stürzte dabei um, brennender Kraftstoff setzte den Saal in Brand. Alle flüchteten, auch King ließ alles stehen und rannte ins Freie. Aber er kehrte noch einmal um und rettete seine geliebte Gitarre von der Bühne aus dem brennenden Gebäude, das um ihn herum schon einstürzte. Zwei Männer starben dabei, King entging dem Tod um Haaresbreite. Später erfuhr er den Namen der Frau, um die der Kampf entbrannt war: Lucille. So benannte B. B. King seine Gibson ES 355 Blueshawk, und jede weitere Nachfolgerin erhielt denselben Namen. Lucille sollte ihn daran erinnern, nie wieder eine so hirnrissige Aktion zu unternehmen, weder in ein brennendes Gebäude zu rennen noch sich um eine Frau zu prügeln. Diese Einsicht hielt der Musiker auch in einem Lied fest. Titel: Lucille.

Der junge Nachwuchsmusiker bewunderte den eleganten Bluesakrobaten an der E-Gitarre T-Bone Walker, er schätzte aber auch die begnadeten Jazzgitarristen Charlie Christian und Django Reinhardt. Er hörte alle ihre Platten, sah Filme und Auftritte und versuchte sich an ihrem variablen Gitarrenspiel.

Sein eigener Start mit Musikaufnahmen beim kleinen Plattenlabel Bullett war ernüchternd: Kaum jemand wollte seine ersten Singles hören. Immerhin wurden zwei große Produzenten des renommierten Blueslabels Modern Records auf Riley aufmerksam. King erhielt 1949 einen Zehnjahresvertrag von den Bihary Brothers. Nun konnte er sein Talent vor einem breiten Publikum zeigen.

Three O'Clock Blues

Es war die siebente Single, mit der B. B. King den Durchbruch schaffte, sein "Three O'Clock Blues" kletterte 1952 an die Spitze der amerikanischen Rhythm and Blues Charts und blieb 15 Wochen auf Platz eins. Schallplatten erreichen Käufer, Radiostationen versorgen Hörer. Damals wie heute galt: Wer ein bekannter und geliebter Musiker werden wollte, der brauchte direkten Kontakt zu seinen Fans. Das hieß: Viele Livekonzerte spielen, auf Tour gehen durch das ganze Land und auftreten, wo immer es ging. Dazu braucht jeder Musiker eine Begleitband.

B. B. King hatte eine genaue Vorstellung von Klang seiner Konzerte. Er wusste, wie seine Band klingen, wie sein Publikum ihn erleben sollte.

Die meisten Bluesmusiker aus seiner Heimat Mississippi waren vom Delta-Blues beeinflusst, den Männer wie Charley Patton und der früh vollendete Robert Johnson geprägt hatten. Erdiger, rauer Gesang mit akustischen Gitarren und oft auch Mundharmonika. Musiker wie Big Bill Bronzey, Muddy Waters, Howlin' Wolf und John Lee Hooker hatten diesen rauen Delta-Blues bis in die Industriemetropole Chicago gebracht, wo er elektrisch verstärkt und an die städtischen Clubs angepasst wurde. B. B. King wollte es anders machen. Ihn faszinierten die tänzerische Eleganz und die technische Brillianz eines Aaron T-Bone Walker, der praktisch in jeder Lage und Körperhaltung seine E-Gitarre spielen konnte. Dazu kam Kings Verehrung für die großen Jazzkomponisten und Big-Band-Leader Benny Goodman, Duke Ellington und Count Basie und den Chorgesang des Golden Gate Quartet. Seine eigene Band sollte voluminös und melodisch klingen und auch optisch die Bühne füllen – kunstvoll arrangiert, mit mehrstimmigem Chor und einer großen Bläsergruppe zur Unterstützung der Kernband von Gitarre, Klavier, Bass und Schlagzeug. King machte den Blues melodischer, akzeptabel auch für ein weißes Publikum. Er wagte es, musikalische Grenzen zu überschreiten hin zum Jazz, Rock oder Pop.

Ständig auf Tour

1952 startete B. B. King seine erste große Tournee durch den Süden und Osten der USA. In den nächsten 60 Jahren sollte er ständig unterwegs bleiben. 1956 waren 342 Konzerte gebucht, seine Konzerttour führte kreuz und quer durch das Land zu allen großen Musiktheatern. Später würden andere Länder und Kontinente dazukommen.

Rock'n' Roll

Mitte der 1950er Jahre kam der Rock'n'Roll auf, weiße Musiker wie Elvis Presley, Bill Haley, Buddy Holly und Jerry Lee Louis wurden die Superstars dieser Bewegung. Der Blues verlor seine Popularität bei der afroamerkanischen Bevölkerung. King probierte sich ohne Erfolg in der Popmusik aus, es wurde ruhiger um ihm. Er blieb beim Blues. 1960er stieg er mit Big Joe Turners Klassiker "Sweet sixteen" an die Spitze der Rhythm and Blues Charts. Andere Bluesmusiker wie Muddy Waters und John Lee Hooker fanden im Boom der Folk-Musik ein neues Publikum weißer Jugendlicher, B. B. King aber blieb seiner Zuhörerschaft treu. Er trat weiter mit seiner 13köpfigen Band in den großen Konzerthallen der amerikanischen Großstädte auf. Im Herbst 1964 hatte King eine miteißendes Konzert im Chicagoer Regal, das live aufgenommen als Album erschien.

Dann änderte sich das Publikum: Die jungen Schwarzen gingen zum Soul, dafür interessierten sich immer mehr weiße Jugendliche für Blues und besuchten B.B. Kings Konzerte. King fand einen neuen Manager für diese Herausforderung, dann trat er bei Rockfestivals und in den Zentren der Hippiekultur auf. Legendär wurde sein Auftritt in Filmore West.

The thrill is gone

1969 erregte der Bluesmusiker B. B. King landesweit Aufmerksamkeit: Zuerst mit "The Thrill is Gone", danach auf Konzerttour: Die Rolling Stones tourten durch die USA, begleitet von Ike and Tina Turner und B. B. King mit seiner Band. So wurde auch das Fernsehen mit seinen landesweiten Shows auf ihn aufmerksam. Im Studio nahm der schwarze Bluesmusiker ein Album mit weißen Rockmusikern auf, Carole King und Leon Russell begleiteten ihn bei "Indianola Mississippi Seeds".

Europa

1971 trat King in Hamburg auf, in London machte er Aufnahmen mit britischen Musikern und spielte an der Seite von Alexis Korner, Peter Green, Steve Winwood, Ringo Starr: "Live in London" erschien als Album für. John Lennon wäre auch gerne dabei gewesen, er wünschte sich, so Gitarre spielen zu können wie B. B. King.

Legendär wurden die Auftritte im New Yorker Gefängnis Sing Sing und beim Boxkampf um den Weltmeistertitel zwischen Muhammad Ali und George Foreman im Stadion von Kinshasa, Zaire.

Trotz seines internationalen Erfolges blieb der älter werdende Blues Boy neugierig, beweglich, veränderungsbereit. Er gründete Bluesclubs in den USA, um den Kontakt zwischen Fans und Musikern zu verstärken. In seiner Heimatsstadt Indianola stiftete er ein Museum für den Blues. Er ging jedes Jahr auf ausgedehnte Konzerttouren, die ihn um die ganze Welt führten. Und er spielte mit fast allen Musikern, die im Blues, Jazz und Rock einen Namen hatten, im Studio und auf der Bühne. Ich sah ihn in Berlin mehrmals, auch beim Konzert im Tempodrom im Tiergarten: B. B. King stand da in beeindruckender Leibesfülle mit seiner Gibson Lucille, neben ihm saß der schmale Jeff Healey, der seine Fender liegend auf den Oberschenkeln spielte. Nach dem Duett mit dem jungen blinden Bluesgitarristen präsentierte King ihn als seinen legitimen Nachfolger.

Ehrungen und Sessions

Aber King dachte keineswegs daran, selbst von der Bühne des Blues abzutreten. Mit dem Alter kamen die Ehrungen: Er wurde in die Blues Hall of Fame aufgenommen, später auch in die Rock and Roll Hall of Fame. Präsident Busch hängte ihm die Verdienstmedaille um den Hals. Bei einem Auftritt B. B. Kings mit zahlreichen Musikerkollegen im Weißen Haus saß Präsident Obama in der ersten Reihe. Plötzlich reichte Mick Jagger ihm das Mikrofon, Barack stimmte an – die Blueshymne "Sweet home Chicago".

"The Life of Riley" – so heißt der Dokumentarfilm von 2012. Im vergangenen Jahr stürzte der große alte Bluesmusiker bei einem Konzert auf der Bühne, er sagte die weiteren Auftritte ab.

Im Spätsommer wird der King of Blues 90 Jahre alt. Sicherlich wird den runden Geburtstag mit seiner Gitarre im Rampenlicht feiern, selbst wenn man ihn auf die Bühne tragen müsste.

Lutz Poetter

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