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20.5.2019

Hartmut Walsdorff: Späte Einsichten und heitere Aussichten
Ein Berliner Pfarrer über die Launen des Lebens

Buchbesprechung von Lutz Poetter

Walsdorff, Hartmut: Späte Einsichten und heitere Aussichten – Ein Berliner Pfarrer über die Launen des Lebens
128 S. 12 x 19,7 cm Pbck. 14,90 €, ISBN: 978-3-532-62457-9

Lesung von Hartmut Walsdorff:
Do 26. März, 19.00 Uhr Hotel Morgenland, Finckensteinallee 23

Zum Glück hat Hartmut Walsdorff doch noch Zeit gefunden, sein neues Buch zu schreiben. Erst hatte er keine, als die Anfrage vom Claudius-Verlag kam. So steht es im Vorwort. Aber dann besann er sich als Pfarrer im Ruhestand, ließ bei sich Muße einkehren und schrieb mit Lust und Laune. Dabei sind 28 Kapitel entstanden, nachdenkliche Reflexionen aus 70 Jahren Lebenserfahrung.

Bei seinen gesammelten Versprechern blieb Hartmut Walsdorff als Autor selbst noch im Hintergrund. In seinen folgenden Büchern über seine Begegnungen mit Prominenten und bei seinen Anekdoten aus seinem Pfarrerleben wurde er als Verfasser bereits deutlicher sichtbar.

Sein neues Buch ist ein Lebensrückblick in einzelnen Essays. Biografisch und anekdotisch führt Hartmut uns Leser in konkrete Lebenssituationen, die ihn geprägt haben in seinem Wertekanon und seiner Lebenseinstellung. Seine Erkenntnisse und Einsichten werden auf den Ursprungsort ihrer Entstehung bezogen.

Hartmut Walsdorff nimmt seine Leser mit bei seiner Gedankenreise durch sein Leben. Wir sehen den zweijährigen Hartmut als jüngsten von fünf Brüdern mit seiner Mutter im Treck von Ostpreußen auf der Flucht nach Westen in das bombardierte Berlin. Wir lernen seine resolute Mutter kennen, die als Kriegswitwe ihr Leben meistern musste und ihre fünf Söhne alleine großzog. Wir folgen Hartmut zu den verborgenen Schätzen seiner Kindheit auf den Dachboden, er nimmt uns mit in die Unterwelt des Kohlenkellers, wo der Kleinste einmal unsanft von den älteren Brüdern gezüchtigt wurde. Hartmut macht den Freischwimmer und besteht damit seine erste Prüfung, die spätere zum Führerschein allerdings erst im zweiten Anlauf. Wir begleiten den Schüler Hartmut zum Gymnasium, wir sehen ihn als Kinofan und Hauptdarsteller in einem Jugendfilm. Wir erfahren von seiner Liebe zur Musik, seinem Talent als Sänger und auf etlichen Instrumenten – alles ohne Noten.

Walsdorffs Erinnerungen lassen typische Sehnsuchtsorte des alten West-Berlin wieder aufleben: Sportpalast und Deutschlandhalle, Flughafen Tempelhof, Zoopalast und Waldbühne. Und natürlich lesen wir auch Anekdoten und Erkenntnisse von Hartmut Walsdorff als Pfarrer in Gemeinde und Landeskirche – aus seinem Konfirmandenunterricht, von einer Beerdigung auf dem Friedhof, vom Kirchentag, aus dem Konsistorium, im Ruhestand.

Zukunftsängste und Trinkgelder, dauernde Erreichbarkeit und technischer Fortschritt, Fernsehen und Telefonieren, Advents- und Weihnachtszeit, Familienangehörige jeden Alters nah und fern, Tschernobyl und Wiedervereinigung, Streit und Versöhnung: Fragen der Zeitgeschichte und der Lebensführung reizen Hartmut Walsdorff humorvoll und leidenschaftlich Auskunft zu geben.

Großvater Walsdorff – Anfang siebzig – hat das neue Buch seinen Enkeln gewidmet. Hoffentlich kriegen seine Urenkel auch noch ein Buch ab. Hartmut sollte weiter Zeit finden – für noch spätere Einsichten.

Lutz Poetter