Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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12.11.2019

Beschäftigung als Prävention
Aus der Holzkirche

von Dipl. Soz. Päd. Constantin T. Huth

Foto: M.E.@pixelio.de

Für Jugendliche und auch Kinder galt bis vor kurzer Zeit die Schulzeit, auch als Schulpflicht bekannt, als die klassische unausweichliche Beschäftigungszeit.

Die Schule als "Arbeitsplatz" für Kinder und Jugendliche. Erst nach der Schule begann die Freizeit, die frei gestaltbare Zeit.

Innerhalb dieses Grundmusters wird Sozialisation in unterschiedlichen Momenten erfahren, Schule als Lehr- und Lernfeld und Freizeit als Praxisfeld. So haben wir auch jahrzehntelang Jugendarbeit verstanden und umgesetzt.

Im Rahmen von steigenden Zahlen nicht beschulbarer, vorzeitig von den Schulen abgegangenen und nicht ausbildungsreifen Jugendlichen wird der Begriff Beschäftigungszeit außerhalb der Schulzeit wichtiger denn je.

Eine Erweiterung der Tagesschulzeit durch die Ganztagsschule nimmt die Problematiken der außerschulischen Defizite in den Schulalltag auf. Zuerst einmal ein guter Grundgedanke, unkontrollierte Freizeit wird in einen pädagogisch überprüfbaren und beeinflussbaren Rahmen eingebunden.

Die gleichzeitige Verkürzung der Regelschulzeit von früher einmal 13 auf 12 Jahre ist jedoch paradoxerweise die Umkehr und wieder die Verschiebung auf den nichtschulischen Alltag, wenn auch erst nach den geforderten Pflichtschuljahren.

Da die zur Verfügung stehende begleitete Lernzeit, wie Schule, Ausbildung oder auch Studium für ein eigenbestimmtes, verantwortungsbewusstes Leben eher erweitert, statt verkürzt werden sollte, bleibt für das Auffangen von vorhandenen sozialen Defiziten manchmal nur die Hoffnung auf Erziehungsmaßregeln per Justiz, wenn Schule und Eltern längst ihren Einfluss verloren haben.

Erst wer besonders negativ auffällt, wird mit Hilfe versorgt und neu eingebunden.

Früher gab es auch noch den großen Hort der Nachreife namens Bundeswehr, heute ist der Dienst in Uniform jedoch durch Freiwilligkeit und Aufnahmehürden für die auffälligen Jugendlichen keine Option mehr, auch wenn viele gerne dort hingehen würden. Aber allein körperliche Fitness ist nicht ausreichend, um dort angenommen zu werden.

Der Sinn und Zweck der Dienstzeit bei der Bundeswehr erhält eine (nicht ganz neue) Argumentationshilfe, da die Abschaffung des Wehrdienstes so gesehen die Chance auf die nachschulische Einflussnahme auf prekäre Lebensmuster verschenkt.

Plätze Frei…

2015 sind wieder Plätze frei bei unseren Musikangeboten.
Die Angebote sind für fast jedes Alter und sowohl für Anfänger und Wiedereinsteiger als auch für Fortgeschrittene gedacht.

Schlagzeugunterricht jeden DIENSTAG im Bandraum (zwei Schlagzeuge sind vorhanden) Kontakt: über uns in der Holzkirche oder direkt bei Roland unter 0176 48850023

Gitarrenunterricht z.Zt. geplant FREITAGS, aber auch andere Termine sind möglich. Einzel oder Klein-Gruppe, Akustik und E-Gitarre (ist vorhanden), hier ist alles drin. Kontakt: über uns 7725019 oder direkt bei Tobias unter 0176 96778827

Dancemasters Danceschool mit Danny: Hier gibt es unterschiedliche Choreographien in Hip Hop, Streetdance oder Zumba für verschiedene Altersgruppen zu verschiedenen Zeiten und Tagen; ontags und freitags von 15.00-21.00 Uhr (Kosten 15 € im Monat) Kontakt: Dennis 0176 68433666.

Es gilt immer: zuerst probieren und dann erst festlegen, denn es soll Spaß machen, dann kommen die Vereinbarungen. Die Kosten sind teilweise variabel, je nach eigenen Möglichkeiten, einfach fragen. Also bis bald im Kinder-, Jugend- und Projekthaus Holzkirche. Und es gibt natürlich auch weiterhin die Fahrradwerkstatt und den Bücherbasar.

Wer als Jugendlicher nicht zur Schule, zur Ausbildung, zur Arbeit oder in eine, wie auch immer benannte Maßnahme geht, hat Zeit, viel Zeit.

Freizeit, also freie Zeit, ist dann nicht mehr Erholung, da nur noch eine Erholung von dieser freien Zeit zur Auswahl steht. Nur eine wie auch immer geartete Beschäftigung kann dann Erholung von der Freizeit bedeuten.

Diese Sinnverdrehung der Worte zeigt deutlich die veränderte Sachlage.

Die Definitionen müssen in einem neuen Rahmen erfasst werden.

Selbstverständlich ist auch Lohnarbeit eine der großen Beschäftigungsarten, jedoch sind viele Jugendliche aus bildungsfernen Familien, eben nicht nur die Jugendlichen mit Migrationshintergrund, am ersten und zweiten Arbeitsmarkt nicht oder nur sehr schwer zu vermitteln.

10 % der Jugendlichen sind bereits abgeschrieben.

Ohne Schulabschluss, geschweige denn mit MSA (Mittlerer Schulabschluss), ohne Minimalbildung, ohne Ausbildung und dann noch mit einem geminderten Sprachschatz und nur wenigen erlernten Umgangsformen beginnt ein jahrelanger kostenintensiver Marathonlauf durch Qualifizierungs- und Zertifizierungsmaßnahmen.

MAE, ÖBS, und ähnliche Worthülsen sind die Versuche, die Problematik im Rahmen zu halten.

In diesem Kontext muss Beschäftigung einen neuen Stellenwert erhalten.

Hier geht es nicht um die Freizeitbeschäftigung in Jugendfreizeitheimen und Rummelplätzen, sondern um die Einflussnahme auf die gesamte Lebenszeit außerhalb von Arbeit und Schule.

Das ist nicht mehr nur der Ansatz von Gesellschaftsspielen, Singegruppen, Lagerfeuerromantik und kleinen Gesprächskreisen, mal eben mit links aus dem Ärmel geschüttelt.

Wir reden von sozialer Freizeitarbeit, von sozialer Gruppenarbeit, sozialen Trainingskursen oder ähnlichen Maßnahmen, reden von jahrelanger Beratung, Begleitung und Betreuung, von Heranführung an das Leben. Wir reden von Prävention im Ganzen.

Eine Jugendarbeit, wie wir sie noch vor zehn oder zwanzig Jahren angeboten und auch erfolgreich umgesetzt haben, wäre damit vollkommen überfordert und ist nicht mehr vergleichbar.

Wenn als einzige erreichbare Ziele Schwangerschaft, Familiengründung, Harz IV oder tiefe Hinwendung zu den verschiedenen Religionen und ihren Derivaten im Angebot stehen, dann sind nicht nur weitere Parallelgesellschaften vorprogrammiert, sondern auch eine höhere dissoziale Haltung und weitere delinquente Handlungen. Die schon bekannten Folgen lesen wir täglich in der Presse und können wir in den Medien verfolgen.

Das sichert natürlich weiterhin Arbeitsplätze im sozialen Bereich, dient jedoch nicht der Lösung, sondern zementiert weiterhin das Gefälle innerhalb unserer Gesellschaft.

Wer nicht beschäftigt wird, der sucht sich Beschäftigung, eben immer entsprechend seiner eigenen (manchmal geringen) Fähigkeiten und Vorstellungen oder versinkt in Lethargie, Drogenkonsum und anderen Rauschzuständen. Psycho-soziale Krankheiten nehmen zu, Aggression und Frustration richten sich oft nach außen, aber auch nach innen.

Ins Museum gehen scheidet bei Vielen schon vorzeitig aus, obwohl der Eintritt bis 18 Jahre kostenlos ist. Der Gang zum Arzt gehört seit der Abschaffung der 10,-€-Zwangsgebühr wieder zum Beschäftigungsalltag. Geheilt werden dabei die Wenigsten.

Eine Beschäftigung in unserem Sinne setzt längerfristige, verlässliche pädagogische Präsenz voraus, setzt das Schaffen von "Betreuten Arbeitsplätzen" voraus, setzt eine eigene hohe Motivation und Toleranz der Träger und Betreuer voraus. Diese Betreuung kostet Geld. Die zahlenden Institutionen, auch der Staat und die Kirche, müssen sich grundsätzlich überlegen, ob sie gewillt sind diese Aufgabe anzunehmen, wenn dann aber auch verlässlich bis in die noch ferne Zukunft.

Kurzfristige Maßnahmen und Projekte dienen der Lösung des Problems nicht, das muss klar sein.

Die mittel- und langfristig angebotene Beschäftigungszeit kann und darf nicht unentgeltlich sein. Die Betreuung kostet mehr Geld, als die Produktivität der "Kunden", "Klienten" bzw. "Beschäftigungsbeziehern" erbringt.

Eine Idee wäre es, die wie auch immer geartete Beschäftigungszeit als Nachweis erbringen zu können, um seine Grundsicherung zu begründen und in vollem Umfang zu erhalten. Das Geben und Nehmen muss wieder eine Art Währung darstellen. Nur wer seine individuelle, noch so kleine oder große Leistung einbringt, kann auch etwas erhalten.

Sozialpädagogik zeichnet sich nicht nur durch weichgespülte, verständnisvolle Gesprächsrunden aus, sondern ist besonders einflussreich, wenn auch Grenzen erklärt und mit Vehemenz eingehalten werden.

Dieses dient der jugendlichen Entwicklung manchmal mehr als tausend gut gemeinte Worte.

Wer in "betreuter Beschäftigung ist", hat weder Zeit sich ungezügeltem unbeachtetem Drogenkonsum hinzugeben, noch delinquentes Handeln in seinem Leben zu seinem Kerninhalt zu machen. Wer beschäftigt wird, lernt sich in Regelwerke einzufügen und sein Leben als sinnvoller anzusehen. Auch einer religiösen Radikalisierung kann so begegnet werden. Wer beschäftigt ist, hat schon allein einen Wert und Sinn im Leben. Wer allerdings seine immer freie Zeit mit zwanghafter Sinnsuche füllt, ist leichter Verirrungen ausgesetzt, als dass er einer realistischen Lösung nahe kommt.

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