ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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19.5.2019

Gedanken zur Jahreslosung 2015
Der theologische Artikel

von E-Mail

Die Nachrichtensprecherin redet von Krieg, von Flucht, von Krankheit und Hunger. Eine Mischung aus Wut und Ohnmacht steigt in mir auf. Wenn Gott heute Mensch würde, dann wahrscheinlich an einem dieser Orte, die die Sprecherin da nennt. Und er würde genauso sterben wie damals. Nicht am Kreuz. Aber an der Unmenschlichkeit der Welt. Einige dieser Menschen, von denen da die Rede ist, werden in den nächsten Wochen bei uns in Lichterfelde ankommen. Freiwillig haben sie ihre Heimat nicht verlassen. Wenn sie hier durch die Straßen unserer Gemeinde gehen, werden Krieg und Vertreibung ein Gesicht bekommen und werden Namen haben. Wie werden wir sie aufnehmen? Werden sie hier freundlichen Menschen begegnen? Oder wird ihnen Ablehnung und Hass entgegenschlagen?

Wer die Osdorfer Straße Richtung Ostpreußendamm entlangfährt oder an der Kreuzung bei rotem Ampellicht stehen bleiben muss, der sieht das große Plakat am Gemeindehaus hängen. Seit vielen Jahren hängt es dort. Auf ihm ist ein Bibelspruch aus dem 3. Buch Mose, Kapitel 19, Vers 33 zu lesen: "Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken." Vor einiger Zeit erreichte mich mit einer E-Mail die Frage, ob es nicht langsam an der Zeit wäre, dieses Plakat abzunehmen. Meine Antwort damals war, dass es im Angesicht von Fremdenhass und täglichen rechtsextremen Ausschreitungen, die es schon lange nicht mehr auf die Titelseiten der Zeitungen schaffen, doch immer noch aktuell sei. Und auch heute am Anfang eines neuen Jahres hat sich daran im Grunde nichts geändert.

Vor diesem Hintergrund lese ich die Jahreslosung 2015. "Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob" (Römer, 15,7) Ein scheinbar einfaches und klares Wort. Leicht verständlich, einleuchtend. Klingt ein bisschen wie die christliche Variante von "seid nett zueinander". Und doch regt sich in mir etwas Unbehagen, denn Imperative bringen immer die Gefahr mit sich, gesetzlich verstanden zu werden. Das gilt besonders da, wo – wie bei Losungen – ihr Kontext nicht unmittelbar ersichtlich ist. Ein Blick in den Römerbrief ist demnach lohnend. Dabei wird ersichtlich, dass der Apostel Paulus mit seinem Brief an die Gemeinde in Rom an Menschen schreibt, die ganz unterschiedlicher Herkunft sind. Er schreibt an Menschen mit heidnischen und jüdischen Wurzeln, an fromme und weniger fromme, an die Intellektuellen und an die Emotionalen. Unterschiedliche Vorstellungen über "den christlichen Lebensstil" führen dazu, dass sie sich gegenseitig verunsichern, ja sogar einander verachten und verurteilen. In den Köpfen und Herzen entsteht eine Aufteilung in Starke und Schwache im Glauben. Der Streit darüber droht die Gemeinde zu entzweien. Jeder Wunsch nach Frieden und Eintracht im Zusammenleben in dieser frühen christlichen Gemeinde in Rom scheint sich als Seifenblase, als frommer Wunsch zu erweisen. Einem Flickenteppich gleich – schief, krumm, ausgefranst und wenig ansehnlich – erscheint die Gemeinde. So hat es auch die Künstlerin Stefanie Bahlinger dargestellt. Stücke aus unterschiedlichem Material sind zusammengenäht. Es gibt Teile mit ähnlichen Farben und Mustern -jedoch gleicht keines dem anderen. Manche Stoffe wirken zart, fast durchscheinend, andere eher grob und fest. Abstrakte und verspielte Muster wechseln sich ab. So bunt kann und soll die Gemeinschaft von Christen aussehen. Christliche Gemeinde ist keine Monokultur! Es gibt Felder mit aufgedruckten Worten in unterschiedlichen Sprachen und Schriften. Damit weitet die Künstlerin den Blick für die Gemeinschaft von Christinnen und Christen in aller Welt, die weltweite Ökumene. Längs-und Quernähte verbinden die einzelnen Elemente. Einige verlaufen schief und krumm. Trotzdem verbinden sie und erscheinen im Gesamtbild als Kreuze.

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. Das ist mehr als Toleranz um ihrer selbst willen. Mehr als ein alle Unterschiedlichkeiten einebnendes Einheitsgefühl. Weil eben nicht alles gut wird, so sehr wir Menschen auch darum bemüht sind. Was uns von Gott und einander trennt, fügt sich im Kreuz Jesu zusammen. Da spielt es keine Rolle, wer die Starken und wer die Schwachen sind. Welche Tradition wir im Gepäck oder welchen "christlichen Stammbaum" wir haben, wie lange wir schon im Glauben leben oder welche Sprache wir sprechen, welcher Kultur oder welchem Milieu wir angehören, wie alt wir sind, ob wir Mann oder Frau sind. Wir sind eine lebendige Gemeinschaft, die nicht statisch ist und nicht fertig. Deshalb hat die Künstlerin die Enden des Flickenteppichs lose und offen mit vielen Anknüpfungspunkten gestaltet. Kirche bleibt Stückwerk wie der Flickenteppich in der Grafik. Und trotzdem ist sie in den Augen Gottes wertvoll. Ihr Leben und Miteinander sollen nur einem dienen: dem Lob Gottes. Das verleiht ihnen eine Würde, an die nicht nur die Christen in Rom immer wieder erinnert werden müssen.

Ein letzter Blick auf den Flickenteppich fördert einen Kreis zutage. Der leuchtende Kreis erinnert an eine Lupe, die dazu einlädt, genauer hinzusehen. Unser Leben und Miteinander im Lichte Gottes zu betrachten, die Schönheit der einzelnen Stücke zu entdecken und rechtzeitig zu merken, wo eine Naht zu reißen droht. Der leuchtende Kreis lädt auch dazu ein, anzuknüpfen, sich einzubringen, seinen Platz zu entdecken. Und am Ende geht es darum, ob unser Leben und Miteinander über uns selbst hinausweisen auf den, der dem Flickenteppich den Glanz verleiht. Wir sind Teil von Gottes Herrlichkeit. Ihr Glanz liegt über dem Stückwerk unseres Lebens und Miteinanders. Wenn wir weitergeben, was wir empfangen haben, indem wir andere annehmen, wie wir angenommen worden sind, handelt Gott durch uns.

Es ist gut, dass die Jahreslosung 2015 uns an das Plakat am Giesensdorfer Gemeindehaus erinnert, das da schon so lange hängt. Aktuell ist es immer noch und es wäre ganz im Sinne dieses Bibelwortes, wenn die Menschen, die demnächst zu uns kommen werden, das auch so erfahren: zum Lob Gottes.

In diesem Sinne: Ein gutes und gesegnetes neues Jahr!

Pfarrer Michael Busch