ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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21.5.2019

Jesus Menschensohn
Der theologische Artikel

von Pfarrer E-Mail

"Er ist mitten unter uns" – oft habe ich diesen Satz gehört, ihn selber gesagt in der Gemeinde, im Gottesdienst. Im Gebet sagt sich das so leicht im Advent: "Komm zu uns, Herr Jesus, komm mitten hinein in unser Leben."

Ich stand vor der Spiegelwand. Heiligabend 2012, später Vormittag. Am Vortag war 4. Advent, letzter verkaufsoffener Sonntag. Aber auch jetzt strömten Scharen von Menschen über den Hermann-Ehlers-Platz, quollen aus der U-Bahnstation Rathaus Steglitz. Ein unablässiger Menschenstrom vor dem Einkaufszentrum "Schloss", die Schlossstraße rauf und runter. Höchste Anspannung. Nur noch wenige Stunden bis zum Fest.

Ich stand allein vor der Spiegelwand, abseits vom Trubel. Ich suchte irgendetwas, eine Idee, einen Funken für Weihnachten. Meine Augen wanderten ruhelos über die Namen. Wolfsohn, Abrahamson, Jakobson. Menschen aus Lichterfelde, vor 70 Jahren aus unserer Stadt abtransportiert nach Osten, in den Tod. Ihre Namen waren geblieben, das war wichtig. Ich las diese Namen. Ich sah mich dabei selbst als Lebenden im Spiegel. Aber ich fand nichts für Weihnachten.

Krippenfiguren in der Petruskirche aus Ton – Foto: Lutz Poetter

"Ich bin Josephsohn." Er stand direkt neben mir, seine Stimme riss mich aus meinen Gedanken. "Kräftige Stimme", dachte ich, "der Mann ist es gewöhnt, vor Vielen zu sprechen." Er hob den Blick zu mir, dann sprach er mich an. "Ich bin Jeschua Ben Joseph." Ich wollte mich auch vorstellen – Lutz Poetter, Pfarrer in Lichterfelde – brachte aber keinen einzigen Ton heraus. Ich blickte ihn nur stumm an. Er war nicht groß, aber kräftig. Starke Arme, Hände zum Zupacken. Tiefbraune Haare auf dem Kopf, dunkler Bart, gebräunte Haut, leuchtende braune Augen.

Ich hatte ihn mir größer und heller vorgestellt, weiß, blond, asketisch. Und irgendwie leichter, schwebender, als schmalen, sanften Mann in weißem Gewand. Aber das Leinen, das er trug, war grob gewebt und kräftig eingefärbt – feste Kleidung für einen Handwerker oder einen Wanderer.

"Solche Bäume wachsen bei uns nicht." Sein Blick fiel auf den großen Weihnachtsbaum in der Mitte des Platzes. "Wir haben Zypressen. Und es ist auch nicht so kalt bei uns."

Dann merkte ich, dass er die vielen Menschen aufmerksam beobachtete. Sie sahen so abgehetzt und erschöpft aus. Ich erklärte ihm: "Wir feiern unser größtes Fest, drei Tage lang. Das erfordert viel Vorbereitung." "Alle tragen so viel", sagte er. "Ihr braucht eine Menge Sachen für euer Fest, ihr esst und trinkt auch sehr viel?"

"Dein Geburtstag ist das Fest der Liebe. Da schenken wir uns was, wir gehen aufeinander zu." Seine Augen verdunkelten sich, so als fühlte er einen Schmerz. "Ich bin einmal einem jungen Mann begegnet. Er war reich, er besaß wirklich alles und fühlte sich dabei leer. Reich zu sein kann dich arm machen." Ich widersprach: "Die meisten von uns sind ja nicht wirklich reich wie dein junger Mann, sie kommen gerade so über die Runden. Aber Weihnachten ist ein Geschenk, die menschliche Geburt des Gottessohnes. Natürlich wissen wir: Liebe kann man nicht als Geschenk einpacken. Aber wir wollen Freude machen."

Er lächelte wieder. "Zuhause haben wir das nie gefeiert. Aber ich weiß, dass ich im Sommer geboren bin. Meine Mutter erzählte mir, dass es sehr heiß war, als sie mich zur Welt brachte. Sie hat es nie vergessen, ich bin ihr erster Sohn. Aber warum feiert ihr im Winter?"

"Der echte Termin ist gar nicht überliefert. Im vierten Jahrhundert hat ein Papst deine Geburt auf den Geburtstag des römischen Sonnengottes Sol gelegt. Wintersonnenwende – das war damals in der Nacht vom 24. zum 25. Dezember. Das hat eher symbolische Bedeutung: Du bist die wahre Sonne der Christenheit."

Er sah mich an: "Du weißt eine Menge. Wer bist du?" Ich wollte ausholen und ihm berichten: Pfarrer, Theologiestudium bis zum Examen an der Kirchlichen Hochschule und an der Freien Universität Berlin… Er unterbrach mich heftig: "Bist du dann ein Schriftgelehrter?" Seine Stimme klang scharf, sein Blick wurde für einen Moment hart. Ich merkte, wie mir das Blut in den Kopf stieg und ich unwillkürlich rot wurde. "Schriftgelehrte wissen vieles sehr genau, sie sind klug und regeln alles. Aber oft verlieren sie die Menschen aus den Augen, werden hartherzig und schotten sich ab."

Ich sagte ihm, dass ich mich nicht abschotte, sondern für eine große Gemeinde in Lichterfelde sorge. "Wo ist deine Synagoge? Zeig sie mir!" Wir gingen über die Straße, warteten an der Bushaltestelle. Der Bus war voll, wir mussten stehen, eingekeilt zwischen Menschen und Geschenkpaketen. Am Oberhofer Platz stiegen wir aus, gingen zur Petruskirche.

Er blieb unter dem Petrusmosaik stehen, das den Felsenapostel mit dem Schlüssel zeigt. "Simon", sagte Jeschua leise. "Ich habe zu ihm gesagt, dass er große Fähigkeiten hat und viel Verantwortung tragen kann. Aber was ist das da für ein Ding in seiner Hand?" Ich zeigte meinem Besucher auch das moderne Mosaik in der Winterkirche, Simon als Fischer, mit einem Fisch. Jeschua nickte. "Und was erzählst du von mir?"

Im Altarraum war alles aufgebaut für das Krippenspiel. Wir gingen zum Altar. Die Bibel lag aufgeschlagen auf der Steinplatte. Seine Augen wanderten über den Anfang des Matthäusevangeliums. "Joseph aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen". Jeschua hielt inne. "Mein Vater wollte Miriam überhaupt nicht verlassen, er freute sich auf mich, seinen ersten Sohn." Er las weiter. "Von diesen Sterndeutern und dem Königstern haben sie mir nichts erzählt. Und Herodes war schon längst tot, als ich zur Welt kam. Da kann er keinen Mord mehr befohlen haben. Erst Bethlehem und dann Flucht nach Ägypten? Wir waren weder hier noch da."

"Ich bin in Nazareth geboren, wie meine Eltern und alle meine Geschwister." Ich erklärte ihm, dass Bethlehem eben zum König David gehört. "Und als Sohn Gottes und Messias bist du der Davidsohn, du stammst also aus seiner Stadt." Ich schlug die Geburtsgeschichte im Lukasevangelium auf. "Lukas hat sich große Mühe gegeben, damit Maria dich doch in Bethlehem zur Welt bringen konnte." Er las. "Ich war sechs oder sieben Jahre alt, als diese Volkszählung stattfand. Da musste niemand irgendwo hinreisen, wir haben uns damals alle in Nazareth in Listen eingetragen."

Langsam gingen wir zur Krippe unter dem Weihnachtsbaum. "Weißt Du, alle Kinder lieben diese Geschichte von deiner Geburt. Du liegst da nachts in der Futterkrippe bei den Tieren, der Engel sagt den Hirten Bescheid und die kommen, um dich zu sehen. Für die Kinder ist das richtig, dass du, der neugeborene König, so einfach in Bethlehem geboren wurdest. Du bist kein Kind aus einem Palast. Du bist einer von uns."

"Die Kinder – sie haben mich immer besser verstanden als ihr Erwachsenen. Sie sind offener und haben mir gleich vertraut. Und sie können sich noch wirklich freuen." Ich berichtete ihm, dass wir gleich mit dem ersten Gottesdienst für die Kleinsten beginnen würden, später mit den Erwachsenen bis in die Nacht hinein.

Wir standen vor dem Tisch mit den Tonfiguren. Jeschua blickte auf die Hirten vor der Krippe. "Sie nennen dich Pastor? Dann sei das auch – ein Hirte. Wie die da."

Er wandte sich zum Gehen. Ich sah sein Lächeln. Kein Wort zur Krippe, die es nicht gab. Er ging rasch durch das Kirchenschiff und schloss die Tür hinter sich.

Lutz Poetter