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13.12.2018

Der Mohrenkönig
Die Weihnachtsgeschichte

von Torsten Lüdtke

Johannes trödelte auf dem Heimweg. Heute, am frühen Nachmittag des dritten Dezember, brauchte er nicht die übliche Viertelstunde, sondern entschieden länger für den Weg, den er schon hundertmal gegangen war. Wütend, aber auch tief traurig, stapfte Johannes durch die Stadt. Immer wieder blieb er stehen, doch gab es nichts Besonderes oder Neues auf den Straßen oder der breiten Allee, über die sein Schulweg führte, zu entdecken. Johannes ärgerte sich über seine Schule, das ehrwürdige Hohenzollern-Gymnasium, seine Musiklehrerin, Fräulein Wackernagel und seine Mitschüler aus der Quinta. Er ärgerte sich darüber, dass ihn hier alle, seine Lehrer und seine Klassenkameraden, "Hannes" nannten, obwohl er eigentlich – wie sein Großvater – auf die klangvollen Namen Johannes und Georg getauft worden war. Besonders wütend war er aber darüber, dass ihm "die olle Wackernagel" heute im Dreikönigsspiel, der Aufführung, die am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien stattfinden sollte, die Rolle des Mohrenkönigs Caspar gegeben hatte. Diese Rolle wollte sonst niemand spielen, denn der Darsteller musste sich das Gesicht schwarz schminken lassen und das prächtige Kostüm des Mohrenkönigs mitbringen. Außerdem war im Rheinland zu dieser Zeit alles Fremdartige – darunter fielen auch Schwarze und Protestanten – wenig beliebt.

Johannes fühlte sich auch als Fremder, und so stand er länger vor der Ruine des einstigen Grand Hotel und blickte still auf die ausgebrannten Reste der prachtvollen Fassade, die sich düster-grau vom trüben Dezemberhimmel abhoben. Gern wäre er, wie die Hotelgäste früher, einfach abgereist. Die Ruine erinnerte ihn aber auch an den prächtigen barocken Krippenstall der Familienkrippe – und auch wieder an das Dreikönigsspiel. Bekümmert schlenderte er weiter, am umgestürzten Wrack der Straßenbahn vorbei und stand bald vor den leeren Schaufenstern des großen Warenhauses am Corneliusplatz. Etwas weiter, doch nicht weit entfernt vom leeren Warenhaus, sah Johannes die spärlichen Auslagen in einem kleinen Geschäft: Etwas Seife, eine Flasche Kölnisch Wasser, eine schlichte Bluse sowie ein Paar Damenstrümpfe. Er las das große, mit schwungvollen Buchstaben geschriebene Schild am Eingang "Wir wünschen allen Kunden ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein friedvolles Jahr 1946. "

Weihnachten – Johannes stockte der Atem. Er hatte einen dicken Kloß im Hals. Er kämpfte mit den Tränen. Er musste an das letzte, herrliche Weihnachtsfest denken, das sie alle noch gemeinsam in der altehrwürdigen ostdeutschen Hansestadt, in dem vertrauten und geräumigen Patrizierhaus gefeiert hatten, in dem er groß geworden war. Bald nach dem Fest waren sie alle aufgebrochen und das Stammhaus der Familie, oder vielmehr das, was der Krieg davon übriggelassen hatte, lag nun weit entfernt und lag hinter einer schwer bewachten Grenze. Johannes dachte an seinen Vater, von dem sie seit Mai keine Nachricht hatten. Er dachte an seinen großen Bruder Hermann, der im Frühjahr, kaum zwanzigjährig, als Kriegsfreiwilliger an der Oder gefallen war. Und er dachte an seine Schwester Isabella, die nach einer anstrengenden mehrtägigen Reise bei Verwandten in Württemberg auf dem Land untergekommen war. Johannes erschien dies alles, – wie auch sein gesamtes Leben – als unwirklich. Fast eine ganze Stunde war seit dem Schulschluss vergangen. Johannes spürte die frostige Kälte nicht. Er bemerkte auch nicht, Er bemerkte nicht, dass es frostig und kalt war und es auch leicht zu schneien begonnen hatte. Er dachte nur an sein Unglück – und das Unglück seiner Familie. Dabei kam es ihm gar nicht in den Sinn, dass auch der Vater seines Klassenkameraden Toni und der ältere Bruder von Gerd vermisst wurden und der Vater seines besten Freundes Fritz als Arzt bei Stalingrad gefallen war. Johannes war furchtbar elend zumute. Er fühlte sich verlassen und allein. Weinend setzte er sich auf eine Bank und vergaß die Zeit. Als Johannes aus seiner Erstarrung erwachte, begann es schon zu dämmern. Rasch nahm er seinen Ranzen und machte sich auf den Heimweg.

Zur gleichen Zeit wartete Johannes' Mutter Victoria in der winzigen Giebelstube des alten Eckhauses an der Kreuzung von Mertensgasse und Andreasstraße unruhig auf ihn. Auf dem einfachen Kohleofen, der zugleich Herd und einzige Wärmequelle der kleinen Wohnung war, dampfte ein kleiner Topf mit Pellkartoffeln. Auf dem einfachen, abgeschabten Tisch standen zwei einfache Porzellanteller, daneben lag einfachstes Aluminiumbesteck. Den einzigen Luxus des karg eingerichteten Raumes bildeten zwei prächtig mit goldener Leiste gerahmte Ahnenbilder und darunter der barocke Spieltisch mit der kostbaren Kaminuhr aus Marmor.

Die jugendlich wirkende Frau machte sich große Sorgen, denn so spät war Johannes noch nie nach Hause gekommen. Über das schöne, bleiche Gesicht liefen dicke Tränen, denn nach allem, was sie in den letzten Wochen und Monaten ausgestanden hatte, wollte sie nicht noch ein weiteres Familienmitglied, einen weiteren Sohn, verlieren. Allerlei Geräusche – das große, alte Haus war voll davon – irritierten Victoria. Sie vernahm ein leises Knarren und Rascheln im Gebälk; Victoria glaubte, dass ihr Sohn nun endlich nach Hause käme – doch sie hatte sich getäuscht. Es war nicht ihr Hänschen.

Bald darauf, es mochte keine Viertelstunde vergangen sein, klapperte endlich ein großer alter Schlüssel am Schloss und quietschend öffnete sich die Tür. Mit einem lauten Klatschen flog eine lederne Schulmappe in die Ecke. Hänschen war da! Victoria war glücklich. Hastig wischte sie sich die Tränen mit dem Ärmel ab und umarmte freudig ihren Sohn.

"Wo warst du so lange?" fragte Victoria mit zitternder Stimme. "Ich habe mir große Sorgen gemacht." Johannes wusste keine Antwort. Er schwieg; was sollte er auch erzählen?

Leise tickend bewegte sich das vergoldete Pendel und der verschnörkelte Zeiger der Uhr rückte langsam vorwärts.

"Ich habe dich etwas gefragt." Die Stimme seiner Mutter klang vorwurfsvoll und ärgerlich zugleich. Ein lautes Schluchzen verschlang die Antwort. Johannes begann wieder zu weinen. "…alles ist doof…" und "…ich mag nicht …" waren die einzigen Worte, die Victoria verstand. Sie nahm ihren Jungen in den Arm und zog ein vornehmes Seidentaschentuch aus dem schlichten Kleid.

"Was gefällt dir denn nicht?" fragte die Mutter Johannes, der sich mit dem Taschentuch der Mutter die Nase schneuzte.

"Alles!" war die erste, trotzig hervorgebrachte Antwort. "Alles ist doof! Die Schule, Fräulein Wackernagel, Toni und Fritz – einfach alle! Ich will nicht mehr auf das blöde Gymnasium!"

Victoria schluckte. Was hatte es sie für Mühen gekostet, den Jungen an dieser Schule anzumelden, dazu kamen noch die beträchtlichen Kosten für die Bücher und das Schulgeld. Sie wusste, dass das alles ohne die Unterstützung von entfernten Verwandten, die hier lebten und kinderlos waren, nicht möglich wäre. Sie dachte ebenfalls daran, dass sie beide nur durch die Vermittlung der Verwandten die Zuzugsgenehmigung und die notwendigen Lebensmittelkarten erhalten hatten, und diese ihnen außerdem die kleine Wohnung vermittelt hatten. Victoria war dankbar, sie spürte auch, dass sie selbst noch Glück im Unglück hatten, denn sie bewohnten allein, und mussten nicht mit einer anderen Familie – Flüchtlinge oder Ausgebombte gab es genug – noch teilen. Als ehemalige Directrice eines Damenmodengeschäfts hatte sie eine Stelle in der Kostümabteilung des Stadttheaters gefunden, die es ihr erlaubte, stundenweise zu Hause zu arbeiten und für Johannes da zu sein.

Sie sah ihr Hänschen traurig an. Sie wollte ihm keine Vorwürfe machen und ihn auch nicht ausschimpfen, obwohl sie beide fühlten, dass es richtig gewesen wäre. Johannes, fühlte sich hilflos, denn der hatte wohl so etwas wie eine strenge Zurechtweisung, ein tadelndes Wort oder eine Rüge erwartet; letztlich wusste er nur zu gut, dass seine Mutter Victoria große Anstrengungen auf sich nahm und nur deshalb die Arbeit angenommen hatte, um ihm den Schulbesuch zu ermöglichen…

Stockend und stotternd brachte er schließlich eine Entschuldigung hervor, und endlich lagen sich Mutter und Sohn freudestrahlend in den Armen. "Mutti, ich muss dir noch etwas sagen". Johannes' Stimme zitterte: "Am letzten Schultag wird für alle ein Dreikönigsspiel aufgeführt, und Fräulein Wackernagel sagt, ich soll den Mohrenkönig Caspar spielen. Dabei habe ich gar kein Kostüm – und wir haben doch kein Geld, eines zu kaufen."

Victoria lächelte. Ihr Sohn sollte seine erste kleine Rolle spielen, und er machte sich nur Sorgen um das fehlende Kostüm. "Weißt du", sagte die Mutter lächelnd, "dass es auch für die anderen Kinder in deiner Klasse nicht leicht sein wird, ein passendes Kostüm aufzutreiben?"

"Sicher", gab Johannes kleinlaut zu, "und auch Fritz, der nur einen Hirten spielen soll, sagte, dass er nicht weiß, woher er das Kostüm bekommen soll."

Victoria drückte ihren Sohn ganz fest an Ihre Brust und sagte lachend: "Mein großer Junge ist doch ein kleines Dummerchen. Ich werde schon einen Weg finden, dir – und auch Fritz – zu helfen. Ich werde euch die schönsten Kostüme nähen". Eigentlich war es nicht viel, was sie für die beiden Kostüme benötigte. Mehr als ein paar Stoffreste brauchte sie ja nicht, doch woher sollte sie den Stoff nehmen?

An diesem Abend konnte Victoria nicht einschlafen. Fortwährend dachte sie an die Schulaufführung, das Hirtenkostüm und das Kostüm des Mohrenkönigs, Müde wälzte sich in ihrem Bett, bis sie aufstand und an das Bett ihres Sohnes trat. Sie sah ihren Hans friedlich lächelnd schlafen; ein sanftes Lächeln glitt auch über ihre Züge. : Silbernes Mondlicht fiel durch das Giebelfenster auf den altertümlichen Schrank, den ihr der Vermieter überlassen hatte. Auf dem Schrank erblickte Victoria ihren hellbraunen Lederkoffer. Im Koffer lagen die Reste der ehedem reichen Garderobe Victorias: Das schwarzseidene Verlobungskleid, die lange, reich gestickte rote Ballrobe und schließlich auch ihr Brautkleid. Auf dem Boden des Koffers entdeckte Victoria zudem ein Erinnerungsstück an die von ihr innig geliebte Großmutter, ein altes, dunkelgrünes Samtkleid. – Das war die Lösung! Victoria hatte eine Möglichkeit gefunden, wie sie, indem sie geringe Änderungen an ihren Kleidern vornahm, ein prächtiges Kostüm für den Mohrenkönig nähen konnte, ohne irgendwo neuen Stoff auftreiben zu müssen. Vielleicht konnte sie auch den Direktor des Stadttheaters überzeugen, ihr ein altes Kostüm oder auch Stoffreste zu überlassen. Beruhigt legte sich Victoria in ihr Bett und schlief auch bald ein.

Am nächsten Tag, gleich nach der Arbeit, begann Victoria damit, das bodenlange Ballkleid zu kürzen. Aus dem roten Seidenstoff sollte der Mantel des Mohrenkönigs werden. Die Ärmel des Brautkleides nähte Victoria an das Mieder alten Samtkleides, das so zum Wams des Mohrenkönigs wurde. Für die Hose und das Hirtenkostüm hatte sie aus dem Fundus des Stadttheaters zwei alte, beschädigte Kostüme erhalten. Als Gegengabe hatte der Direktor jedoch um Eintrittskarten zur Schulaufführung gebeten, denn er wollte gerne sehen, was der "Nachwuchs" – so nannte er spaßhaft die jungen Laiendarsteller – tat.

Rasch rückte der letzte Schultag näher, und von Fräulein Wackernagel waren die Proben für das Dreikönigsspiel verstärkt worden. Johannes spielte seine Rolle gut, und es machte ihm nun auch Spaß, den Mohrenkönig zu spielen. Letztlich übertraf er mit seinem brillanten Spiel und dem prachtvollen Königskostüm alle anderen Kinder – auch Fritz.

Schließlich war der große Tag, der letzte Schultag da: In der Aula des Hohenzollern-Gymnasiums stand ein richtiger Tannenbaum mit Wachskerzen. Fast alle Sitzplätze der Aula waren mit den Eltern und den Angehörigen der Schüler besetzt. Auch Isabella, Johannes' ältere Schwester war dafür extra aus Württemberg angereist. Sie wollte die Schulaufführung sehen und in wenigen Tagen zusammen mit der Mutter und dem Bruder in der kleinen Giebelstube Weihnachten feiern. Gespannt saß sie neben der Mutter und wartete wie der berühmte Direktor des Stadttheaters, der in der ersten Reihe einen Ehrenplatz bekommen hatte, auf den Beginn des Dreikönigsspiels. Die große Flügeltür zur Aula hatte der Pedell der Schule gerade geschlossen, als Dr. Mainfelder am Flügel Platz nahm, und der Direktor des Gymnasiums die Bühne betreten wollte, um eine kurze Ansprache an das Kollegium, die Schüler und die Eltern zu halten. In diesem Moment wurde die Flügeltür zur Aula heftig wieder aufgestoßen. In der Tür stand ein ausgemergelter Mann in verschlissener Uniform mit Mantel, deren verblichene Farbe und Schnitt den ehemaligen Stabsoffizier der Luftwaffe verrieten, obgleich die Rangabzeichen und die Kragenspiegel fehlten. Alle Besucher blickten empört auf den verspäteten Besucher, nur Victoria nicht. Erst unterbrach ein gellender Aufschrei die Stille, dann fielen einige leere Stühle polternd zu Boden; Victoria war nicht zu halten – sie lief zur Tür und umarmte ihren Mann. Das Räuspern des Direktors und verhaltener Beifall erinnerten beide daran, dass nun die Schulaufführung beginnen sollte – hinter der Bühne wartete Johannes auf seinen großen Auftritt…

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