ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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26.3.2019

"So nimm denn meine Hände und führe mich"
Ein Lied von Julie von Hausmann

von Pfarrerin Susanne Peters-Streu

Foto: Stephanie Hofschlaeger@pixelio.de

  1. So nimm denn meine Hände und führe mich
    bis an mein selig Ende und ewiglich.
    Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt:
    wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.
  2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz,
    und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz.
    Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind:
    es will die Augen schließen und glauben blind.
  3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht,
    du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht:
    So nimm denn meine Hände
    und führe mich
    bis an mein selig Ende und ewiglich!

Bei vielen Trauergottesdiensten erklingt dieses Lied. Manchmal nur die Melodie, manchmal gesungen. Wie viele Menschen haben zu diesem Lied in schweren Stunden Zuflucht genommen? An wie vielen Krankenbetten ist es gesungen worden? Für wie viele Sterbende war es das Abschiedsgebet? Wie viele Trauernde haben mit diesem Lied ihren Schmerz zum Ausdruck gebracht und dabei ein Stück Trost empfangen?

All die Menschen, die dieses Lied in ihrer Not gebetet oder gesungen, gestammelt oder geflüstert haben – sie haben mit ihren Tränen und Seufzern, mit ihrem Bitten und Hoffnungen diesem Lied einen eigenen Wert gegeben. In ihm sind die Zweifel und der Glauben derer gesammelt, die es gesungen haben. Vielen mag es aber auch ein Lied mit fremdem Text sein.

Um dieses Lied rankt sich eine Entstehungsgeschichte oder Legende, die die Kraft dieses Liedes auf eigene Weise erschließt.

Es ist gedichtet von Julie von Hausmann, die 1825 in Lettland geboren wurde. Sie soll eine kränkliche junge Frau gewesen sein, die einen Hang zu Poesie und Stille hatte. Jung lernt sie ihren Bräutigam kennen, verliebt sich. Zu der Zeit steht für ihn schon fest, dass er als Missionar nach Afrika gehen wird, seine Papiere sind schon fertig und der Abreisetermin steht fest. Die beiden verloben sich, sie wird nachreisen, wenn sie die Papiere beisammen hat.

Damals, vor ungefähr 170 Jahren, ist das eine lange Schiffsreise ins Ungewisse, Afrika war noch wenig erforscht. Nach mehrwöchiger Reise im Zielhafen angekommen, trifft sie nicht auf den erwarteten Bräutigam. Sie macht sich auf den Weg und unter Mühen gelangt sie an den Ort, wo ihr Verlobter arbeiten sollte. Endlich angekommen erfährt sie, dass er verstorben ist. Noch am gleichen Abend – so wird erzählt – setzt sie sich hin und dichtet dieses Lied.

"So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt, wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit."

Das ist Ihre Antwort auf den Tod, auf den Verlust des liebsten Menschen. Die nicht stattgefundene Hochzeit und der Tod verbinden sich in den Worten voller Glauben und Vertrauen.

Wie kann ein Mensch in solcher Situation solch ein Lied schreiben? Woher nimmt sie die Kraft und das Vertrauen, auch jetzt noch, in dieser persönlichen Katastrophe, Gott so zu vertrauen? Vielleicht nehmen uns die einzelnen Verse mit auf den Weg des Verstehens:

Sie weiß nicht, wie ihr Weg weitergehen soll. Ihre ganze Zukunft, alle Pläne waren verbunden mit ihrem zukünftigen Mann. Und jetzt? Sie steht vor einem Scherbenhaufen. Ihre Zukunft, die so verheißungsvoll und klar vor ihr lag, liegt auf einmal ganz im Dunkeln. "So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich, ich kann allein nicht gehen nicht einen Schritt, wo du wirst geh'n und stehen, da nimm mich mit."

Sie bittet Gott, nimm mich mit auf deinen Wegen. Sie findet ihren Weg im Vertrauen, dass Gott einen Weg für sie hat.

Manche und mancher kennt diese Erfahrung, der Weg wird jäh durchkreuzt und abgebrochen.

Lange Zeit verlief das Leben in ruhigen Bahnen und plötzlich ist es aus dem Gleis geraten. Eine Krankheit, der Tod eines Menschen und alles ist unklar. Wie geht es weiter? Was wird jetzt aus mir? Gibt es überhaupt einen Weg für mich, einen Ausweg?

Was bleibt in einer solchen Situation? Tastendes Suchen nach Begleitung, nach einem Weg, der sich gehen lässt: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" sagt Jesus Christus. Es bleibt tastendes Bitten: Sei du in meiner Ausweglosigkeit für mich der Weg. Nimm mich mit auf deinen Wegen – Schritt für Schritt.

"In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz, lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind es will die Augen schließen und glauben blind."

Die Worte lassen spüren, wie verletzlich Menschen in ihrem Inneren sind. Der Schmerz über einen Verlust macht dünnhäutig. Es ist, als ob eine Schutzschicht für die Seele fehlt. Ein unbedachtes Wort eines anderen, das ich früher locker wegsteckte – jetzt trifft es mich tief. So bittet Julie von Hausmann Gott möge sie in ihrer Schutzlosigkeit mit seiner Liebe umhüllen wie mit einem warmen Mantel. Man spürt aus dem zweiten Liedvers, wie ihr Lebensnerv getroffen ist. Sie hatte ja ungeheuren Mut und Stärke gezeigt, dass sie sich allein als Frau auf das Wagnis dieser Afrika-Reise begeben hatte. Doch jetzt, sie fühlt sich schwach wie ein hilfloses Kind, das sich nach der Mutter sehnt. "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet" so spricht Gott, berichtet der Prophet Jesaja.

"Und mach es endlich stille in Freud und Schmerz." Wer einen einschneidenden Verlust zu verkraften hat, der weiß wie schwer es ist, zur Stille, zum inneren Frieden zu finden. Fragen quälen.

Ich spüre, Stille und inneren Frieden kann ich mir nicht selber geben, ich erlebe mich angewiesen.

"... und glauben blind." In dieser Situation brauche ich Elementares, an das ich mich halten kann, nichts Kompliziertes. Ein Wort des Zuspruchs, das in mir leuchtet wie Sterne in dunkler Nacht, Worte, die mir Kraft geben, diesen Tag zu bestehen und den nächsten Schritt zu gehen. Für schwierige theologische Gedankengänge habe ich jetzt keine Kraft.

"Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht", manchmal scheint die Beziehung zu Gott gestorben. Wie die Hoffnung behalten in solcher Anfechtungen?

Gegen die eigenen Glaubenszweifel gegen die Verzweiflung ihres eigenen Herzens singt Julie von Hausmann an: "du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht."

Gottes Wege enden nicht im Dunkel, in der Ausweglosigkeit. Sie setzt darauf, dass es eine Zukunft für sie gibt, auch wenn sie diese jetzt noch gar nicht sieht.

Sie hält sich fest, sucht Halt trotz ihrer Dunkelheit. Sie geht ihren Weg durch die Nacht hindurch – mit der Hoffnung und dem Vertrauen, dass da einer ist, der sie hält und führt.

Ihre Erfahrungen sind sehr kostbar. "Wisst ihr", würde sie uns vielleicht sagen, "es war ein ganz schwerer Weg. Immer wieder drohte mich der Schmerz unter sich zu begraben, immer wieder musste ich mich entscheiden – für den Tod oder für das Leben. Doch Gott hat mir geholfen, mich für das Leben zu entscheiden. Das Gespräch mit ihm hat mich am Leben erhalten.

Gottes Wege mit uns haben ein Ziel. Sie führen ins Leben. "Ich lebe und ihr sollt auch leben" sagt Christus. So kann ich mich Gott anvertrauen: "So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich."

Pfarrerin Susanne Peters-Streu