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14.12.2019

Kirche und Politik
Gedanken zum diesjährigen Thema der Lutherdekade

von E-Mail

"Reformation und Politik" ist das Thema im Rahmen der Lutherdekade, das die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) für das Jahr 2014 ausgewählt hat. Von Anfang an hat die Reformation auch politisch gewirkt. Martin Luther und die anderen Reformatoren bestimmten den Charakter und die Aufgaben von politischer Herrschaft und Kirche neu und konnten auf diesem Weg ihr Verhältnis verändern und erneuern.

Foto: Basti Arlt, ekd.de

Bereits seit Jesu Zeiten hat es zwischen den christlichen Gemeinden und den Inhabern politischer Macht immer wieder Reibungen gegeben.

Jesus selbst hat den Menschen zu Beginn seines öffentlichen Auftretens seinen (gesellschaftlichen) Auftrag mitgeteilt. Er zitierte dabei den Propheten Jesaja: "Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn." (Lukas 4,18-19)

Das sicher bekannteste Wort Jesu, welches das Verhältnis zur Obrigkeit beschreibt, ist seine Antwort auf die Frage, ob man dem Kaiser Steuern zahlen soll. Dahinter verbirgt sich aber auch die Frage wie die Menschen in Galiläa und Judäa sich zu dem römischen Kaiser als Vertreter einer Welt - und Besatzungsmacht verhalten sollen. Die Antwort, die Jesus gibt: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist". Die Münze mit Bild und Aufschrift des Kaisers, die Jesus sich vom Fragesteller geben lässt, wird zum Zeichen. Die Münze ist für den Kaiser. Aber entscheidender ist, Gott zu geben, was Gottes ist. Der Kaiser ist nicht Gott! Er ist nur ein Mensch. Wenn er für sich den Anspruch erhebt Gott zu sein und damit den Anschein erweckt, den Menschen das Leben zu schenken und sie zum Heil zu führen, muss ihm mit demselben Wort widersprochen werden, das daran hindert, sich vor dem Steuerzahlen zu drücken. Jesu Auffassung scheint zu sein, dass weltliche Macht und Ordnung notwendig ist. Sie ist erforderlich, um Macht in den Dienst der Gerechtigkeit zu stellen. Sie braucht Geld, und deshalb müssen Steuern gezahlt werden. Wenn sie sich aber an Gottes Stelle erhebt, ist ihr zu widersprechen.

Dieser Blick auf das biblische Zeugnis macht deutlich, dass die Christen_innen in der Nachfolge Jesu Verantwortung für die Lebensbedingungen ihrer Mitmenschen und damit auch eine politische Verantwortung tragen. In dieser Verantwortung sind die Aufgaben der Kirche aber nicht identisch mit den Aufgaben des Staates.

Dass hier eine notwendige Trennung vorliegt, war eines der Anliegen Martin Luthers – auch wenn es ihm praktisch nur in Ansätzen gelang. Luther wollte die weltliche Gewalt von der Bevormundung durch die geistliche befreien und umgekehrt. Doch die Reformatoren übertrugen den evangelisch gewordenen Fürsten nicht nur den Schutz nach außen, sondern auch die Kirchenaufsicht, die Verantwortung für Bildung und evangelische Lebensführung. Umgekehrt versuchte die Obrigkeit, die Kirche für ihre Ziele nützlich zu machen.

Das Spannungsverhältnis zwischen Staat und (protestantischen) Kirchen blieb bis in die neuere Zeit erhalten. Zwar führten der Zusammenbruch des Kaiserreiches 1918 und die Weimarer Verfassung von 1919 formal zu einer Trennung von Staat und Kirche. Zu den dunkelsten Kapiteln der dann folgenden Geschichte gehörte aber sicherlich die Verführbarkeit der Kirche in der NS-Zeit.

Als 1934 die Synode der Bekennenden Kirche in Wuppertal-Barmen zusammenkam, setzte sie ein Zeichen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, der sich anmaßte, "totale Ordnung menschlichen Lebens" sein zu wollen.

Die Delegierten sprachen sich in ihrer Theologischen Erklärung gegen eine Kirche als "Organ des Staates", als Dienerin einer Ideologie aus. Zwar vertrat die Bekenntnissynode nur eine Minderheit der deutschen Protestanten, aber sie bewahrte die evangelische Kirche vor der Selbstaufgabe und verlieh ihr damit auch nach 1945 Aussagekraft und Glaubwürdigkeit.

So vielfältig die Beweggründe der Delegierten für ihre Teilnahme an der ersten Bekenntnissynode auch waren, so einte sie doch ihr christlicher Glaube, der sie in Barmen zur Abfassung einmütiger Botschaften führte. "Fürchtet Gott, ehret den König" – mit diesem Bibelzitat zogen sie in ihrer Erklärung eine klare Grenze im Verhältnis von Kirche und Staat. Gott allein ist die Instanz, die Orientierung und Halt bietet.

In der Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischem Regime klärte die Barmer Theologische Erklärung die Zuordnung von Staat und Kirche in einer für reformatorische Kirchen bis heute verbindlichen Weise: Der Staat hat die Aufgabe, "in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen". Aufgabe der Kirche gegenüber dem Staat ist es, "an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten" zu erinnern.

Immer wieder wird darüber gestritten, wo und wie sich die Kirche heutzutage in gesellschaftliche Debatten einmischen soll. Aber von ihrem biblischen Zeugnis ausgehend, weiß sie sich von Jesus Christus, dem Herrn der Kirche an die Seite der Armen und Notleidenden gestellt. Deshalb ist es ihre Aufgabe, denen eine Stimme zu verleihen, die stumm sind oder gemacht werden. Wenn Menschenwürde mit Füßen getreten wird oder Fremde und Flüchtlinge zu Sündenböcken gemacht werden, darf sie nicht schweigen. Sie tut dies nicht, um politische Macht zu erlangen. Sie erinnert damit vielmehr an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und an unsere gesellschaftliche Verantwortung als Christenmenschen.

Pfarrer Michael Busch

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