ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > September 2014

20.7.2019

"Was hätten wir 1914 getan?"
Fragen an den Berliner Kirchenhistoriker Christoph Markschie

Wie konnte sich die Kirche 1914 so irren?

Die evangelische Kirche verfügte ja nicht über bessere politische Diagnosemöglichkeiten als jeder andere Zeitgenosse auch. Und sie war so blind, wie es die gesamte Bevölkerung war. Das ist für Nachgeborene schmerzlich nachzuvollziehen. Aber Protestanten wie dem Hofprediger Dryander und vielen anderen war die himmlische Weisheit nicht in einer Direktoffenbarung eingefüttert worden. Sie haben sich so schrecklich geirrt wie ihre Mitbürger auch.

Auf dem Koppelschloss der deutschen Soldaten standen die Worte "Gott mit uns". War er nicht bei den Gegnern?

Der Satz auf den Koppelschlössern ist ein kleines Zeichen der betonten "Christlichkeit" eines Staates, für die es spätestens seit der Weimarer Reichsverfassung auch aus theologischer Sicht keine Rechtfertigung mehr geben kann. Was damals mehrheitsfähig und selbstverständlich war, empfinden viele heute als schlimme Gotteslästerung und als eine sehr bittere Funktionalisierung von Religion für gesellschaftliche Zwecke. Wir haben die Erfahrung von zwei Weltkriegen in den Knochen und können mit dieser Frage anders umgehen als die Menschen damals. Wir müssen aber gerade deswegen selbstkritisch die Frage stellen: Hätten wir damals 1914 auch vor dem Berliner Schloss "Hurra" geschrien, oder hätten wir gesagt: Hier geschieht Ungeheuerliches?

Die evangelische Kirche hat heute zu Militär und Krieg ein kritisches Verhältnis. Wann setzte dieser Wandel ein?

Der Wandel hat ganz vorsichtig schon nach dem Ersten Weltkrieg begonnen, in einer ganz kleinen Minderheit. Er hat sich etwas stärker durchgesetzt in der evangelischen Kirche, als unmittelbar nach 1945 das Entsetzen und die Ablehnung von Militärdienst sehr stark war. Aber auch die Kirchentage der 50er Jahre waren noch geprägt von bekenntnisorientierten Generalstabsoffizieren oder erweckten preußischen Adligen wie Reinhold von Thadden. Der große Kulturbruch kam erst Ende der 60er Jahre, als die Studentenbewegung Männlichkeitskultur und Heldentum infrage stellte. Von diesem Kulturbruch wurde die evangelische Kirche in massiver Gestalt erfasst.

zum Seitenanfang

Lesen Sie zu diesem Thema auch: