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17.7.2019

Ohne uns
Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg

von Paul Oestreicher

Am 1. August vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Tief beschämt erklärte der Rat der EKD, die Kirchen hätten 1914 versagt, statt Anwälte des Friedens zu sein. Für den Jahrestag am 1. August riefen die Protestanten europaweit um 12 Uhr zu einer Schweigeminute für die Opfer des Krieges auf. Der anglikanische Theologe und langjährige Vorsitzende des Versöhnungswerkes der Kathedrale von Coventry, Paul Oestreicher, geht der Frage nach, was die Menschen daraus gelernt haben.

"Mutter, sag mir, was ist denn Krieg?" "Mein Kind, das war einmal." Ein schöner Traum! Der Erste Weltkrieg sollte der Krieg, der alle Kriege beendet, sein. Im sinnlosen Abschlachten einer ganzen Generation lag schon die Wurzel des Zweiten. Was haben wir daraus gelernt? Nicht etwa den Krieg abzuschaffen, sondern die Kriegsschauplätze so weit weg wie möglich von Europa zu verlagern. NATO – einst gegründet, um Europa zu beschützen – nun zum globalen Einsatz berechtigt, um weltweite Interessen durchzusetzen. Auch damals ging es darum, Kolonialreiche auszubauen.

Mein Vater, im Jahre 1914 neunzehn Jahre alt, meldete sich mit patriotischer Begeisterung zur Artillerie. Seine großbürgerliche jüdische Familie war bis tief in die Knochen deutsch-patriotisch und sich der jüdischen Herkunft kaum noch bewusst. Das Vaterland war ihnen alles. Mein Vater brachte es in den vier schrecklichen Jahren bis zum Leutnant und bis zum Eisernen Kreuz 1. Klasse. "Im Jahr 1918", so sagte er mir viele Jahre später im neuseeländischen Exil, "bin ich vor den Franzosen geflohen, im Jahr 1938 nun als vermeintlicher Jude vor den Deutschen." Die bittere Kriegserfahrung machte ihn allmählich zum gläubigen Christen, zum Quäker und schließlich zum Pazifisten.


Vormarsch österreichisch-ungarischer Truppen in Galizien, Mai, 1915, © Österreichische Nationalbibliothek

Nicht nur in Deutschland hatten sich die Gymnasiasten stolz freiwillig zu den Fahnen gemeldet. In den Lehrsälen Oxfords und Londons war es nicht anders. "For God, King and Empire", war ihre Parole. Die Deutschen gravierten es auf ihr Koppelschloss, um die Krone herum, mit den Worten: Gott mit uns. Dieses Koppelschloss besitze ich heute noch. Die Briten wussten sowieso, dass Gott auf ihrer Seite war. Der gleiche Gott! Die gleiche Inanspruchnahme Gottes für die eigene Sache. Man brauchte das zur Selbstrechtfertigung.


Evakuierte Flüchtlinge aus Kowel, Ukraine 1916, © Österreichische Nationalbibliothek

Auch Hitlers brutaler Angriffskrieg lief planmäßig mit dem Wohlwollen der evangelischen und der katholischen Kirche, auch derer, die keine Nazis waren. Immer noch: "Gott mit uns" auf dem Koppelschloss, nur mit dem Hakenkreuz in der Mitte. Das Vaterland war Heiligtum. Für das Vaterland zu sterben, garantierte dem Helden angeblich einen Platz im Himmel, vergleichbar mit dem Opfertod Jesu. Die Kriegsgräber sind die stummen Zeugen dafür. Krieg fordert die Sanierung der Sprache. Die Wahrheit zuzugeben, dass der Soldat nicht zum Sterben ausgebildet wird, sondern zum Töten und möglichst zum Überleben, ist zu unbequem. Inzwischen beschützt das hochtechnisierte Töten aus weiter Ferne das eigene Leben. Sogar bei dem Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima wurde die Mannschaft der Anola Gay mit Gebet verabschiedet.

Dass dieser fast selbstverständliche Griff zu den Waffen den Deutschen – und damit auch den deutschen Kirchen – heute nach zwei verlorenen Weltkriegen viel schwerer fällt als anderen Nationen, ist eigentlich eine gute Nachricht. Angela Merkel kann stolz darauf sein, dass sie angesichts der öffentlichen Meinung eher bereit ist, die Bremse zu ziehen. Das ist eher Vorbild für andere NATO-Mitglieder als Schande.


Kriegsgefangene englische Soldaten an der Westfront, 1917/1918, © Stiftung Deutsches Historisches Museum

Und wir Christen? Müssten wir nicht endlich weltweit sagen: "Ohne uns"? Ist es nicht längst an der Zeit, auf die Worte Jesu zu hören: "... aber ich sage Euch, liebet Eure Feinde ... tut Gutes denen, die Euch hassen." Ist es nicht höchste Zeit, den Waffenverkauf zu ächten und unsere Streitkräfte als übernationale Polizeitruppe umzubilden, die Kriege unter der UNO-Flagge beendet oder verhindert? Ist es nicht an der Zeit, auf Albert Einstein zu hören, der schon nach dem Ersten Weltkrieg erkannte: "Wenn wir nicht bereit sind, den Krieg zu verbannen, werden wir uns selbst vernichten"? Er war damit seiner Zeit voraus.

Und wer hat uns gewarnt vor der Übermacht des militär-industriellen Komplexes? Kein anderer als der Ex-Oberkommandierende General und Ex-Präsident der USA Dwight Eisenhower. Die immensen Kosten der Waffenproduktion nehmen das Brot und das reine Wasser von den sterbenden Kindern der Erde. Kriege – wie die Sklaverei – könnten verbannt werden. Aber nur wenn wir es wollen.

Paul Oestreicher (aus der Evangelischen Zeitung "Die Kirche" 31/2014)

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