Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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24.9.2019

Kaiser Augustus
Zum 2000. Todestag von Kaiser Augustus

von E-Mail

Foto: Annette Pohlke

Am 19. August 14 n. Chr. empfing Kaiser Augustus zum letzten Mal seine Freunde. Der Sterbende hatte sich zuvor im Spiegel begutachtet, hatte sich die Haare und die Kinnlade, die ihm nicht mehr gehorchen wollte, richten lassen, und war so bereit für seinen letzten Auftritt. Die Freunde kamen. Wir wissen nicht alles, was in dieser Stunde besprochen wurde, aber eine Frage des sterbenden Kaisers an seine Freunde ist überliefert: Er fragte sie, ob sie denn meinten, dass er die Komödie gut gespielt habe. Und er schloss die Audienz, indem er mit der im Theater üblichen griechischen Abschlussformel seine Zuschauer um Beifall bat. Wenig später starb er in den Armen seiner Frau Livia, seine letzten privaten Worte galten ihr. Er starb in Nola, in demselben Haus und demselben Zimmer, in dem auch sein Vater Octavius gestorben war. So schloss sich im Sterben der Bogen eines ungewöhnlichen Lebens.

Kaiser Augustus kennt fast jeder, auch wenn inzwischen nicht mehr jeder Mensch in Deutschland die Weihnachtsgeschichte auswendig kann. Dort lesen wir: "Es begab sich aber zu der Zeit, als ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde." (Lukas 2,1) Kaiser Augustus gehört damit zu den historischen Persönlichkeiten, die in der Bibel genannt werden, und die Volkszählung des Augustus wird dann manchmal auch zur Datierung der Geburt Jesu herangezogen. Leider funktioniert das nicht. Wir wissen zwar aus dem erhaltenen Tatenbericht des Kaisers Augustus, dass er tatsächlich reichsweite Volkszählungen veranstaltete, aber natürlich nur für römische Bürger. Jesus kann aber das römische Bürgerrecht nicht gehabt haben, sonst hätte man ihn nicht einfach kreuzigen können. Also können die Volkszählungen, deren Kaiser Augustus sich rühmt, nichts mit Jesu Geburt zu tun haben.

Wenn Augustus für die Datierung nichts bringt, was bringt er uns sonst? Natürlich steht die welthistorische Bedeutung des Augustus außer Frage. Er schuf das römische Kaisertum, wie es für die folgenden Jahrhunderte Bestand haben sollte, und erreichte damit das, was seinem leiblichen Großonkel und Adoptivvater Julius Cäsar verwehrt blieb: Ein Zeitalter der Krisen und Bürgerkriege zu beenden und Stabilität und inneren Frieden zu bringen.

Dabei begann Augustus seine Karriere keineswegs als Friedensbringer. Nach der Ermordung Cäsars stürzte das römische Reich erneut in einen blutigen Bürgerkrieg. Augustus – damals noch ohne seinen ehrenden Beinamen "nur" Gaius Julius Cäsar Octavianus – ließ dabei die unschöne Sitte der Proskriptionen wieder aufleben. Dabei stellte man eine Liste seiner politischen Gegner auf, diese galten als vogelfrei und durften, ja sollten sogar von jederman erschlagen werden. Neben vielen Opfern, die heute niemand mehr kennt, wurde auch Cicero im Rahmen dieser Proskriptionen ermordet. Octavian soll dies nicht gewünscht haben, ließ es aber doch zu.

Um so mehr stellt sich die Frage, wie ein Mann, der so knietief durch Blut gewatet ist wie wenige andere, in der Geschichte zum "Friedenskaiser" werden konnte. Dies gelang ihm dadurch, dass er einen großen Neuanfang inszenierte, nachdem er jeden politischen Widerstand gnadenlos niedergeknüppelt hatte. Die Republik wurde in einem großen Staatsakt wieder hergestellt. Für Octavian, der an genau dieser Stelle den Ehrennamen "Augustus" erhielt, wurde eine Sonderposition geschaffen, indem aus Versatzstücken alter republikanischer Ämter etwas völlig Neues geschaffen wurde, was wir rückblickend als das römische Kaisertum kennen.

Die größte Leistung, für die Augustus als "Friedenskaiser" betrachtet wurde, war aber eine Beendigung der Bürgerkriege, von denen das 1. Jahrhundert v.Chr. weit mehr als genug hatte. Es wäre durchaus nicht unangebracht gewesen, hier von "Friedhofsruhe" zu reden, doch gelang es Augustus, seine Regierungszeit in ein weit positiveres Licht zu rücken. Dabei half ihm ganz sicher der Umstand, dass er ungewöhnlich lange regierte. Vom 43 v. Chr. bis 27 v. Chr. herrschte er als Triumvir, von 27 v. Chr. bis zu seinem Tode als "Princeps" – "als erster Mann im Staate", also insgesamt 55 Jahre. Wer konnte sich da bei seinem Tode eigentlich noch an die Schrecken der Anfangszeit erinnern? Es war ja kaum noch jemand am Leben, der es konnte.

Auch wenn die frühen Kaiser – angefangen mit Augustus – unter den Senatoren zum Teil grausig wüteten und der Beginn des neuen Zeitalters teilweise mit der physischen Vernichtung der alten Elite erkauft wurde, bedeutete der Beginn der Kaiserzeit für viele "Normalmenschen" in den Weiten des Imperium Romanum eine enorme Verbesserung. Die Verwaltung der Provinzen wurde endlich berechenbar. Statthalter konnten länger im Amt bleiben und mussten sich gegenüber einer stabilen Instanz verantworten, nämlich gegenüber dem Kaiser. Ihr politisches Fortkommen hing jetzt nicht mehr so stark von ihrer Fähigkeit ab, den Wähler mit großen Ausgaben zu beeindrucken, sondern davon, das Wohlwollen des Kaisers zu gewinnen und zu behalten. Dies mag zunächst so klingen, als wären dadurch fo rallem Speichellecker herangebildet worden. Tatsächlich bedeutete es aber, dass Statthalter für ihre gute Arbeit in einer Provinz vom Kaiser belohnt wurden, statt dass der stadt-römische Wähler sie dafür belohnte, möglichst viel Geld von der Provinz in die Hauptstadt umgeleitet zu haben. Wir lesen, dass einige Juden auf Pilatus Druck ausübten mit den Worten: "Wenn du den da freigibst, bis du kein Freund des Kaisers" (Joh 19,12). Das ist eine Drohung, sich beim Kaiser über Pilatus zu beschweren. Die Ablösung eines Statthalters nach Beschwerden von Provinzbewohnern wäre 100 Jahre vorher undenkbar gewesen.

Zu Augustus Leistungen gehörte aber auch eine sehr bewusste Propaganda, und zwar keine der plumpen Art. Große römische Dichter wie Vergil oder Horaz schufen ihre Werke zum Lob des Kaisers. Ihre Werke waren subtiler und hintergründiger als platte Schmeichelei – und gerade deshalb so wirkungsvoll. Dazu kamen ein Bauprogramm, das Rom von einer Stadt aus Ziegeln zu einer Stadt aus Marmor verwandelte, und ein gesellschaftlicher Wertekodex, der von der kaiserlichen Familie bewusst verkörpert werden sollte und der auch durch die Gesetzgebung flankiert wurde. Kaiserin Livia etwa gehört zu den mächtigsten Frauen in der Geschichte, sie inszenierte aber das altrömische Ideal der häuslichen Frau, wenn sie mit ihren Dienerinnen zusammen Handarbeiten machte – und auch dafür sorgte, dass dies jeder sah und wusste. Ein ähnlicher Lebensstil, der auf Tradition und Anstand ausgerichtet war, wurde den Senatoren per Gesetz verordnet.

Was vielleicht für uns wenig ansprechend klingt, wurde von den Menschen als Rückkehr zu Gesetz und Ordnung und zugleich als Anbruch eines neuen Zeitalters gefeiert. Dieses Gefühl der Zeitenwende, ja geradezu der gottgegebenen Heilszeit weht durch die augusteische Dichtung. Spätere christliche Autoren waren für Jahrhunderte davon fasziniert, dass gerade die Zeit, in der Christus geboren wurde, auch von den heidnischen Dichtern in wundervollsten Gedichten als Beginn eines neuen Heils gefeiert wurde. In der berühmten 4. Ekloge Vergils wird dies auch noch ausdrücklich mit der Geburt eines "vom Himmel herab gesandten Kindes" verbunden.

Vielleicht hat Augustus damit tatsächlich indirekt dem Christentum den Boden bereitet, weil der Gedanke der Zeitenwende zum Heil durch das Kommen eines gottgesandten Menschen unter ihm so stark verbreitet wurde. Auch rein praktisch hat er nicht unerheblich zur Verbreitung des Christentums beigetragen, weil unter Augustus Judäa nach langen vergeblichen Versuchen, ein stabiles Klientelkönigtum zu etablieren, dem römischen Reich eingegliedert wurde, so dass sich damit der große Raum des römischen Reiches den christlichen Missionsbestrebungen öffnete.

Allerdings hat sich dann das Christentum zum römischen Kaisertum eher distanziert bis kritisch verhalten, gerade weil es die an das Kaisertum geknüpften Heilserwartungen schroff ablehnte. Eben nicht durch ein menschliches Königtum soll das Heil kommen, sondern durch das Reich Gottes.

Die Frage des sterbenden Kaisers an sein Publikum greift selbstironisch das Problem des gewöhnlichen Menschen auf, der sich an der Rolle des Heilsbringers versucht. Auch die ewige Frage nach dem "echten" Augustus – grausamer Gewaltherrscher oder Friedenskaiser – haben nach seinem Tod unzählige Historiker erwogen, aber keiner hat sie so schön pointiert auf den Punkt gebracht wie er selber mit diesen letzten Worten.

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