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19.9.2018

Gedenkfeier an der Säule der Gefangenen

Rede von Pfarrer Lutz Poetter


Pfarrer Lutz Poetter


Yael Krück von der Luise-Schroeder-Schule


Peter Snep aus den Niederlanden war Häftling


Wladislaw Nowaczyk aus Polen war Zwangsarbeiter


Jozef Pilecki war Zwangsarbeiter in Polen


Boris Popov aus Belarus war Kriegsgefangener

Fotos: ©mediaray

Liebe Gäste,
Ihr seid wieder versammelt heute an der Säule, es ist ein vertrauter Brauch seit mehr als einem Jahrzehnt. Wir sehen uns, wir kennen uns, wir freuen uns auf einander.

Meine Gedanken wandern zurück an den Anfang.

Damals – vor dem ersten Treffen an der Säule: Geplant war eine ordentliche Eröffnungsfeier im Bezirk, mit allen und allem, was man selbst aufbieten konnte. Wir sollten unter uns bleiben, Bezirksöffentlichkeit eben. Lichterfelde weiht die Säule der Gefangenen ein. Punkt. So machen wir das.

Es gab ein paar Bürger mit anderen Vorstellungen: Wir sollten ehemalige Häftlinge einladen zur Feier! Wir sollten den Erinnerungsstein mit denen einweihen, die betroffen waren, die das Lager selbst erlebt und erlitten haben! Diese Bürger gründeten eine Initiative und fanden Unterstützung im Bezirk, auch in Lichterfelder Kirchengemeinden.

Ehemalige Häftlinge? Gab es die denn überhaupt noch? Wir rechnen mal nach: Das Lager bestand in den frühen 40er Jahren – das ist sehr lange her.

Die Säule als Erinnerungsmal im Zuge des Wohnungsneubaus in diesem Quartier am Teltowkanal kam wirklich spät. Ein echt beeindruckendes, aber eben spätes Denkmal.

Es war tatsächlich unwahrscheinlich, dass sich noch überlebende ehemalige Häftlinge finden lassen. Und wenn doch, wer von den Herren im hohen Alter würde denn freiwillig wiederkommen nach Lichterfelde, nach so vielen Jahren zurückkehren an den Ort dieser schrecklichen Erinnerungen? Und da war auch gar nichts mehr übrig vom damaligen Außenlager, ganz anders als in Sachsenhausen oder Ravensbrück gibt es nur diese Säule als Denkmal.

Man brauchte damals nicht viel Fantasie, um es sich vorzustellen: Es würde ein völliger Flop werden, ein glatter Misserfolg. Am Ende stehen dann alle blamiert da – war zwar "jut jemeint", aber von Vornherein zum Scheitern verurteilt. Lieber das weiterführen, was schon eingeführt ist, was sich bewährt hat. Wir haben doch die Spiegelwand auf dem Hermann-Ehlers-Platz zur Feier am Auschwitzgedenktag im Januar. Und muss es zur Einweihung unbedingt der 8. Mai sein, dieser für Deutsche höchst unbequeme Feiertag?

Wir hatten den ersten Abend der Begegnung in der Petruskirche. Klaus Leutner lud mich ein, die Rede zu halten als Lichterfelder Pfarrer beim ersten Treffen an der Säule der Gefangenen. Und ich war völlig überrascht, wie viele Menschen sich eingefunden hatten, um zu feiern und zu gedenken. Aus vielen Ländern waren ehemalige Lichterfelder Häftlinge angereist.

Liebe Versammelte hier am 8. Mai 2014 – das ist über ein Jahrzehnt her.

In jedem Jahr seitdem fand die Feierstunde hier statt, sie wuchs sogar, Beteiligung und Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit nahmen stetig zu. Unsere Gäste und Zeitzeugen kamen wieder, Jahr für Jahr, sooft und solange sie konnten. Sie brachten ihre Angehörigen mit. Etliche leben nicht mehr, aber einige sind heute wieder unter uns, die von Anfang an dabei waren.

Liebe Zuhörer, es geht hier nicht um Rechthaberei oder um Selbstbestätigung.

Es ist eine Überraschung und ein Wunder. Echte Freundschaften sind unter uns entstanden und herzliche Begegnungen, die ich nicht erwartet hätte 2001. Wir freuen uns, wenn wir uns hier wiedersehen. Und wir zeigen unseren Gästen gerne und voller Stolz, dass Lichterfelde heute anders aussieht als zur Zeit des KZ Außenlagers im Krieg. Alte und junge Deutsche versprechen Euch: Nie wieder Faschismus, Gewalt und Unterdrückung. Und Ihr glaubt uns, in Euren Gesichtern sehe ich Freude und Rührung.

So sieht für mich Versöhnung aus. Ihr habt Euch mit uns Deutschen versöhnt. Ihr habt Frieden gemacht mit uns im Blick auf die schrecklichen Erfahrungen vor 70 Jahren als Gefangene in diesem Lager. Ihr habt uns vergeben und einen neuen Anfang gemacht mit uns an diesem Ort, in Lichterfelde. Wir hätten das nie erfahren an dieser Säule – ohne Euch. Danke, dass Ihr da seid.

Kommt bitte wieder, solange Ihr könnt!

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