Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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14.12.2019

Illegal
Flüchtlinge

Elke Neukirch

Ich bin auf der Sonnenseite geboren, zwar nicht mit goldenem Löffel im Mund, aber doch von Eltern, die mich ernähren konnten.

Als ich klein war, war gerade das tausendjährige Reich nach zwölf Jahren vorbei und ich erfuhr, was deutsche Menschen der Welt angetan hatten. Vertrieben, ausgegrenzt, gefoltert, ermordet.

Kaum eine Familie, die nicht daran irgendwie beteiligt war. Und doch haben meine Brüder und ich gegessen, unter anderem, weil es auch großzügige Sieger wie die USA gab, die es Kinder nicht entgelten ließen, was Eltern angerichtet hatten. Und meine Familie – im Westen beheimatet - musste nicht flüchten, nicht vor Verfolgung, nicht vor der Armut.

Andere dagegen aus den Ostgebieten flüchtend haben meist hautnah erfahren, was Flüchtlingselend heißt, was Hartherzigkeit oder Barmherzigkeit bedeutet.

Zur gleichen Zeit erfuhr ich von vielen Teilen der Welt, wo Kinder morgens nicht wissen, ob sie heute etwas zu essen finden. Ich versuchte mir das vorzustellen, mich schauderte und dann musste ich dieses Wissen verdrängen, denn was konnte ich tun?

Später habe ich über die Gründe der Armut und der Verfolgung erfahren und sie sind bis heute virulent. Wer das Pech hat, auf dem falschen Fleck geboren zu werden, muss nach wie vor um sein Essen bangen.

Die Bedrängtesten der Welt flüchten, im Kopf die Vorstellung eines gelobten Landes, das ihnen eine Zukunft zu versprechen scheint. Sie verlassen ihre Heimat, die sie lieben, um irgendwo zu überleben.

Die großen Auswanderungswellen von Europa nach Amerika waren dieser Hoffnung geschuldet.

Manchmal haben die Bedrängten Glück und werden sogar gerufen, die Hugenotten aus Frankreich nach Berlin, die holländischen Baumeister, die in Potsdam bauen sollten, die Gastarbeiter in Deutschland, erst als Arbeitskräfte gerufen und als Menschen geblieben.

Meist ist der Flüchtling aber ein unerwünschter Gast. Er will an unsere Steuergelder, er will mitessen und er bringt seine ganze Kultur mit. Wir beäugen den Fremden misstrauisch bis feindselig.

Dabei ist die ganze Geschichte, schon die biblische, geprägt von Flucht, Verfolgung, Sorge ums Überleben. Von Völkerwanderungen, die jeden Rassismus zu einer Wahnvorstellung machen.

In unserer Zeit sind wir auch alle nolens volens mit Schuld am Zustand der Welt. Es sind die Waffenverkäufe unserer bedeutenden Rüstungsindustrie, die vielfach den Völkern das Geld aus der Tasche zieht, und sich dabei auch skrupelloser Diktatoren bedient, es ist unsere Nahrungsmittelindustrie, die rücksichtslos etwa afrikanische Märkte erobert und die eigene Industrie arbeitslos macht. In den fischreichen Gründen vor Ghana fischen europäische Supertrawler das Meer ab. Die einheimischen Fischer mit einfachen Fischerbooten haben keine Chance.

Was können wir aber dagegen tun, sind wir nicht hilflos? Wir sind nicht böse, aber wir sind alle Nutznießer dieses Systems des „freien Marktes“. Dessen Gier und Rücksichtlosigkeit hat die Welt im Griff.

Dennoch begegnen wir den Flüchtlingen, die in Folge solcher Verwerfungen bei uns landen, in großen Teilen der Bevölkerung nicht mit Sympathie und Hilfsbereitschaft, sondern mit Abwehr.

Im Internet gibt es einen Bericht über eine Demonstration in Hamburg, an der sich 4000 Menschen beteiligt haben und Asyl für die Lampedusa–Flüchtlinge gefordert haben. An den Bericht schließt sich ein Shitstorm an. Grundtenor: Sind wir für die halbe Welt verantwortlich?

Denk nach, lieber Schreiber, denn ja, das sind wir als Gesellschaft. Wir haben ja auch von ihrer Ausbeutung profitiert,

Ein fritzfröhlich fordert die Abschaffung der Kirchensteuer, weil die sich die Kirche auch in Hamburg sehr für die Flüchtlinge einsetzt.

Immerhin gab es bei den 135 Beiträgen auch 19 Menschen, die für Flüchtlinge sprachen, unter anderem mit dem Satz: Keiner ist illegal.

Vor Gott ist niemand illegal.

Es liegt auf der Hand, dass die Politik Kriterien und ein Verfahren fürs Asyl anbieten muss. Sie hat aber anscheinend Angst vor dem berüchtigten und unheilvollen "gesundem Menschenverstand", den große Wählerschichten für sich beanspruchen.

Unlängst haben sich die Bundestagsabgeordneten ihr Gehalt um 10 Prozent erhöht. Milliarden werden in aufwändigen Bauvorhaben versenkt. Ob von unseren Steuern wirklich nicht hundert traumatisierte Menschen zumindest vorübergehend bis zu einer politischen Lösung versorgt werden können?

Mancher wird mir zustimmen. Und dann wieder seinem Tagesgeschäft nachgehen wie ich auch. Wir sind nicht böse. Wir sind nur gleichgültig, wir zucken die Schultern, wir verdrängen. Oder ist das vielleicht schon das Böse?

Im Moment fallen aber konkrete Entscheidungen schwer, weil keiner weiß, wie es weiter geht mit den Flüchtlingen. Spenden – auch Kleinvieh macht Mist – an Asyl in der Kirche e.V. Verwendungszweck: Lampedusa in Berlin Pax – Bank eG, Iban: De 64 3706 0193 6010 0690 15 BIC/Swift-Code: GENODED 1 Pax

Elke Neukirch
Aus dem Gemeindereport der
Ev. Kirchengemeinde Marienfelde, April 2014

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