Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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17.9.2019

Coco Schumann zum 90. Geburtstag

Lutz Poetter

Heinz Jakob Schumann wurde am 14. Mai 1924 im Berliner Scheunenviertel geboren. Seine Mutter entstammte einer großen jüdischen Familie, deren Mitglieder in Berlin Friseursalons besaßen. Der Vater kam aus einer jüdischen Handwerkerfamilie und trat als junger Mann zum Christentum über. Er wurde als Soldat im 1. Weltkrieg mehrfach verwundet. "Coco" Schumann galt also als Halbjude. Seine Familie war musikalisch. Einer seiner vielen Onkel spielte in einer Zigeunerband mit. Mit einer geschenkten Gitarre begann er 1936 die ersten Akkorde zu üben, nahm Unterricht, lernte vom Zuhören in den Bars, in denen er sich trotz seiner Jugend herumtrieb. Zur Arbeit als Klempner verpflichtet, verbrachte er die Nächte in Musikkneipen, in denen der verbotene Jazz und Swing gespielt wurde. Bald hatte er seine ersten eigenen Auftritte und lernte Helmut Zacharias und Bully Buhlan kennen. Eine junge Französin konnte seinen richtigen Namen Heinz nicht aussprechen, Jakob kürzte sie zu Coco ab. Der junge Gitarrist hatte seinen Spitznamen weg.

Die Verfolgung der Juden im Dritten Reich nahm zu, immer neue Erlasse schränkten ihr Leben ein. Coco lebte in und mit seiner Musik. Er spielte, wo er konnte: In Arndts Bierbar am Olivaer Platz, in der Rosendiele, in der Rosita-Bar. Durch die Spielpraxis steigerte der jugendliche Gitarrist sein Können stetig. Im März 1943 wurde er in die Sammelstelle am jüdischen Krankenhaus gebracht. Eigentlich war er für das Vernichtungslager Auschwitz vorgesehen, kam auf Intervention seines Vaters beim Lagerleiter Doeberke dann jedoch nach Theresienstadt. Hier traf er seine Großeltern wieder und dieses Treffen war gleichzeitig der Abschied für immer. Schon nach wenigen Tagen hatte er Kontakt zu anderen Musikern und wurde als Schlagzeuger Mitglied einer Gruppe, die sich Ghetto-Swingers nannte. Otto Sattler, Kurt Maier und Eric Vogel, legendäre Jazzmusiker aus Prag, spielten hier mit, um im Elend des Lagers ein wenig Ablenkung zu schaffen. "Wenn ich spielte, vergaß ich, wo ich stand. Die Welt war in Ordnung, das Leid der Menschen um mich herum verschwand – das Leben war schön. Nichts lag mir in jenen Momenten ferner als die Mauer, die uns umgab, als die abgemagerten Menschen, als die Transporte ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Wir waren eine 'normale' Band mit einem 'normalen' Publikum. Wir wussten alles und vergaßen alles im gleichen Moment für ein paar Takte Musik. Wir spielten für uns und unser Leben – wie alle in dieser Stadt, diesem grausamen verlogenen Bühnenbild für Theateraufführungen, Kinderopern, Kabaretts, wissenschaftliche Vorträge, Sportveranstaltungen, für ein absurdes soziales Leben und ein skurril selbstverwaltetes Überleben in der Warteschlange vor den Öfen des Dritten Reiches." Die Ghetto-Swingers erfüllten ihre Aufgabe und hatten ihre Auftritte in dem Propagandafilm "Aus dem jüdischen Siedlungsgebiet". Den Musikern hatte man das Leben versprochen, doch das war gelogen. Am 28. September 1944 bestieg der 20jährige Coco Schumann den Viehwaggon des Zuges nach Auschwitz. Auf der Rampe von Auschwitz wurde er nach Angabe eines falschen Alters und Berufes von Mengele den 'Lebenden' zugeteilt.

In Auschwitz-Birkenau spielte Coco Schumann zusammen mit anderen Häftlingen buchstäblich um sein Leben. Immer wieder entging er nur knapp dem Tod, überstand nur mit Glück die vielen Selektionen. Anfang 1945, als das Lager geräumt wurde, transportierte man ihn nach Kaufering, er überlebte auch dieses Lager und einen Todesmarsch in Richtung Innsbruck. Bei Wolfrathshausen wurden die Häftlinge von amerikanischen Truppen befreit.

Nach der Gesundung vom Flecktyphus fuhr Coco zurück in das zerstörte Berlin. Dort fand er seinen Onkel Max wieder, der als "U-Boot" überlebt hatte, seine wie durch ein Wunder lebenden Eltern, seinen jüngeren Bruder Jürgen. In einer Kellerkneipe traf er Helmut Zacharias und Bully Buhlan und schon bald spielte er wieder seine Musik. Und er hatte eine Idee: In Amerika spielten die Jazzgitarristen mit elektrisch verstärkten Gitarren. Coco besorgte sich einen Tonabnehmer aus Militärbeständen und rüstete seine akustische Jazzgitarre auf. So konnte er sie an einen Verstärker anschließen und einen neuen Sound erzeugen. Im August 1945 traf er Gertraud Goldschmidt, die Theresienstadt überlebt hatte. Sie blieben zusammen. Coco schrieb später ein Buch über seine Zeit im Ghetto und den Konzentrationslagern und war immer bereit, als Zeitzeuge über dieses dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte Auskunft zu geben. Aber er wollte als Person nicht auf diese Jahre als Häftling reduziert werden. Coco ging es darum, als Musiker ernst genommen zu werden, der im Konzentrationslager war. Er wollte nicht der ewige Ex-Häftling mit der Gitarre sein, der nur von seiner Vergangenheit lebt. "Ich bin ein Musiker, der Im KZ gesessen hat. Kein KZler, der Musik macht."

Schumann spielte in den Nachkriegsjahren in unterschiedlichen Bands, oft mit Helmut Zacharias, dann wieder mit anderen Partnern. Er tingelte durch Berliner Musikkneipen und ging auf Tournee durch ganz Deutschland. Er spielte in Bars, nahm Schallplatten auf, hatte Verträge mit dem Rundfunk, trat im Fernsehen und in Filmproduktionen auf. 1950 verließ er Deutschland, einige Jahre lang lebte und musizierte er in Australien. Aber dann packte ihn das Heimweh, er musste wieder in seine Heimatstadt Berlin zurück.

Viele Jahre fuhr er auf Passagierschiffen wie der "Hanseatic", spielte jede Nacht in der Bar von Kreuzfahrtschiffen Tanzmusik. Coco besaß kurzzeitig eine eigene Kneipe, aber bald ging er wieder auf Tour.

In den letzten beiden Jahrzehnten war Coco der Kopf des Coco Schumann Quartetts: Er selbst mit seiner Gitarre, Karl Heinz Böhm mit Saxophon und Querflöte, Thomas Koch oder HD Lorenz am Kontrabass und Sven Kalis am Schlagzeug spielten den klassischen Swing und heiße lateinamerikanische Rhythmen. Sie traten im Badenschen Hof auf, im Rickenbacker's " und regelmäßig jedes Jahr im Mai und im Herbst in der Petruskirche.

An seinem 80. Geburtstag habe ich mich mit Coco verabredet: "Das Festkonzert zu Deinem 90. machen wir am 14. Mai 2014 in der Petruskirche. Es wird ein großes Konzert und Du spielst ausnahmsweise mal im großen Kirchensaal, mit Deiner Band vor dem Altar. Und ich spiele bei einem Stück mit, das Mundharmonikasolo zu Deinem Stripperblues. "

Leider wird es nichts in diesem Mai. Der Jubilar ist erkrankt und kann nicht auftreten. Herzlichen Glückwunsch und baldige Genesung, Coco!

Lutz Poetter

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