ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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24.5.2019

Der Monatsspruch im Mai

von Pfarrer E-Mail

Paulus hat diesen Brief wirklich geschrieben, sogar mit eigener Hand, wie er anmerkt. Und es gab diese Galater tatsächlich, für die sein Schreiben bestimmt war. Paulus hatte sie persönlich auf einer Missionsreise kennen gelernt, durch seine Initiative waren sie zum Glauben an Jesus Christus gekommen und hatten begonnen, christliche Gemeinden zu bilden. Der Galaterbrief ist also ein echter Brief, kein literarisches Kunstwerk in Briefform. Paulus schickte ihn wohl aus Ephesos ab, während seiner dritten großen Reise durch Kleinasien und Griechenland Richtung Italien. Paulus war schwer verärgert beim Schreiben, sein Gruß klingt frostig, seine einleitenden Worte sind zu knapp, um noch höflich zu wirken. Statt seine Galater erst einmal richtig zu loben und Gott für ihre gute Entwicklung zu danken, weist Paulus schroff auf seine eigene Autorität als Apostel hin. Das musste reichen – und Paulus reichte es anscheinend auch.

Der Keltenfürst vom Glauberg – Foto: wikipedia

Wilde Kelten

Die Galater zur Zeit des Paulus – was für Leute waren das eigentlich? Dreihundert Jahre früher waren keltische Stämme aus dem Norden in Kleinasien eingewandert, sie eroberten und beherrschten eine große Region im anatolischen Hochland. Ihre Hauptstadt Ankyra heißt in der heutigen Türkei Ankara. Die Galater in Klein-asien bildeten den südwestlichsten Ableger einer großen keltischen Stammesgemeinschaft, die sich über weite Teile Europas ausbreitete: Von den Inseln im Nordmeer über Gallien bis nach Spanien im Süden, von der gallischen Atlantik- küste über Germanien, Norditalien, die Alpenregion und den nördlichen Balkan bis zum Schwarzen Meer. Die Kelten hatten ihre eigene Religion und Kultur, ihre Sprache gehörte wie die gallischen und germanischen Dialekte zum indogermanischen Sprachraum. "Barbaren" nannten sie Griechen und Römer wegen ihrer unverständlichen Sprache. Auch ihre Lebensweise, ihre Sitten und Bräuche fanden sie nur Grauen erregend, eben echt barbarisch.

Die Kelten verehrten den Krieg und den Kampf, am liebsten zogen ihre Krieger nackt in die Schlacht. Sie eroberten sich ihre neue Heimat, indem sie ihre Nachbarn überfielen und töteten. Was sie zum Lebensunterhalt nicht selbst anbauen, züchten oder erwerben konnten, das besorgten sie sich durch Plünderungen. Keltische Krieger verdingten sich als Söldner in fremden Heeren, oft kämpften sie auf beiden Seiten der Schlachtfront gegeneinander. Regelmäßig gab es blutige Fehden und verlustreiche Gefechte zwischen keltischen Stammesfürsten um die Oberherrschaft. Diese Betonung des Kampfes fand sich auch bei den keltischen Göttern und ihrer rituellen Verehrung. Die Kelten brachten ihnen blutige Opfer, Tiere und Menschen wurden geopfert, damit die Götter den Sieg verliehen in der nächsten Schlacht.

Erste Christen in Galatien

Als Paulus seine Galater im ersten Jahrhundert kennenlernte, da waren sie nicht mehr so wild und unzivilisiert wie ihre Vorfahren. Die Kelten in Kleinasien hatten sich erst gegenseitig dezimiert, dann waren sie von den Römern unterworfen und gebändigt worden. Die Zeit der Raubzüge und Plünderungen war vorbei. Aber auch die Nachfahren der wilden Kelten bewahrten ihre eigene Sprache und ihre eigenen kulturellen und religiösen Traditionen. Paulus muss den Mut eines Löwen gehabt haben, um bei seinen Missionsreisen auch durch Galatien zu ziehen. Ob es ihn überrascht hat, dass er auch bei den Galatern aufmerksame Zuhörer fand, wenn er von Jesus Christus redete?

Menschen, die keine Ahnung vom Judentum und der hebräischen Bibel hatten, glaubten an Gottes befreiende Liebe in Jesus von Nazareth. Heidnische Kelten wollten Christen werden, sie ließen sich taufen, gründeten christliche Gemeinschaften. Für Paulus war diese Erfahrung ein klarer Beweis für die Sprengkraft des göttlichen Geistes und seinen eigenen Auftrag als Apostel der Heiden: Das Evangelium erreichte Menschen aus allen Völkern, aus allen Gesellschaftsschichten, es gab keine grundsätzlichen Unterschiede mehr im Zugang zur Frohen Botschaft. Menschliche Barrieren wurden gesprengt, alte religiöse und kulturelle Abgrenzungen galten nicht mehr.

Vor Gott waren alle Menschen gleich, allen war Jesus Christus gleich nah. Bei seiner Weiterreise hinterließ der Apostel Paulus neue lebendige Christengemeinden im wilden Galatien. Er freute sich darüber von Herzen und versprach, sie wieder zu besuchen auf seiner Rückreise.

Ärger aus Ephesos

Was macht Paulus so sauer, dass er seinen Ärger nicht zurückhalten kann? Irgendwann bricht seine Wut aus ihm heraus: "Ihr blöden Galater!" so fährt er sie an. Die jungen keltischen Christen in Galatien hatten Besuch bekommen. Judenchristliche Missionare aus Jerusalem waren bei den von Paulus bekehrten Heidenchristen aufgetaucht. Sie hatten ihren Gründer Paulus schlecht gemacht, der wäre auch gar kein richtiger Apostel. Dann hatten sie seine Mission ruiniert: "Ihr glaubt wohl, ihr könntet von eurem keltischen Heidentum einfach so zum christlichen Glauben überwechseln? Erstmal müsst ihr richtige Juden werden. Lasst euch beschneiden, haltet die jüdischen Gesetze ein, erst danach dürft ihr euch Christen nennen." Natürlich fühlte Paulus sich angegriffen und verleumdet. Seine Botschaft wurde hinter seinem Rücken verfälscht, den von ihm gegründeten Christengemeinden wurde ihre Existenz abgesprochen. Paulus war zu Recht verärgert über die fremden Missionare, die gegen ihn arbeiteten. Aber er war auch sauer auf seine "blöden" Galater, die sich von diesen Scharfmachern auf den Holzweg radikaler Einschränkung locken ließen.

Schärfe und Klarheit

Der Brief des Paulus an die keltischen Christen in Kleinasien ist stilistisch nicht sein bestes Schreiben. Ärger ist nicht der richtige Impulsgeber, wenn man höfliche, liebenswerte und verbindliche Zeilen schreiben möchte. Paulus verbirgt seine Gefühle und Gedanken nicht hinter einer vornehmen Maske. So kommt seine Schärfe aus tiefstem Herzen und treibt ihn beim Schreiben zu höchster Klarheit. Wir lesen den Galaterbrief noch heute als scharfe, klare Unabhängigkeitserklärung des Christentums im Horizont der ganzen Menschheit. Danke, liebe Galater!

Pfarrer Lutz Poetter