Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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5.12.2019

Das Ende einer gemeinsamen Sache
Ein Gemeindeberater geht in den Ruhestand

von Ulrike Bott

Während seines Studiums der Sozialpädagogik hat Fred Möller sich um einen Praktikumsplatz im Kirchenkreis Steglitz beworben, nicht ahnend, dass daraus 41 gemeinsame Jahre werden würden. Vier Superintendenten und viele Entwicklungen hat er in dieser Zeit erlebt.

Fred Möller

"Fred, Gemeindeberater und Organisationsentwickler, ist das ein Beruf, den man sich als junger Mensch wünscht? Wie kam es dazu?"

"Tatsächlich habe ich mich immer dafür interessiert, wie sich Menschen in Gruppen gemeinsamen Aufgaben stellen. Schon in meinem Studium war die Entwicklung von Organisationen ein Schwerpunkt. Vor allem wollte ich wissen, wie sich 'meine Kirche' weiter entwickeln kann.
Anfang der 70er Jahre habe ich dann zusammen mit Peter Dufour das Amt für Jugendarbeit im Kirchenkreis übernommen und schwerpunktmäßig in einem Gemeinwesenprojekt gearbeitet. Kurz darauf erhielt ich eine von der Landeskirche finanzierte Zusatzausbildung zum Gemeinde- und Organisationsberater. Das hat mir in meinen späteren Beruf als Organisationsentwickler hineingeholfen."

"Was hat sich im Lauf der Zeit als dein Spezialgebiet herausgestellt?"

"Herauszufinden, dass die Dinge ihre Zeit brauchen. Junge Menschen brauchen schnelle Lösungen, das konnte ich glücklicherweise im Lauf der Jahre hinter mir lassen. Diejenigen, die von einem Organisationsberater begleitet werden, müssen sich in ihrem eigenen Tempo entwickeln dürfen und die Aufgabenstellung zu ihrer Sache machen."

"Wenn du zurückschaust: Was hast du am liebsten gemacht? Was war dein größter Erfolg?"

"Es begeistert mich, wenn Menschen ihre Kräfte bündeln. Dass die finanziellen Ressourcen weniger wurden, war ein Ansporn, der Vereinzelung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entgegen zu wirken. Ich wollte zeigen, dass Kirche weiter besteht und trotz allem vieles möglich ist.
Darüber hinaus bin ich froh, dass ich miterleben durfte, wie das Bewusstsein für kollektive Verantwortung in den Regionen und im Kirchenkreis gewachsen ist. Dass Menschen gelernt haben, Identität und Vielfalt nicht als Widerspruch zu erleben. Und dass der Kirchenkreis als Teil einer Arbeitsgemeinschaft wahrgenommen wird und nicht als Kontrollorgan."

"Hast du ein Geheimrezept, das bei Konflikten immer zieht, die Tür einen Spalt weit offen lässt?"

"Zuerst einmal ist Kirche kein Ort abseits der Welt, sondern ein Spiegel derselben. Konflikte gibt es also hier wie dort. Um damit umzugehen nutze ich als erstes gern den 'Rollentausch im Kopf'. Mich in die Lage des anderen zu versetzen, wirkt oft Wunder. Das zweite ist die Einsicht, dass Konflikte sich nicht immer sofort lösen lassen. Man braucht zuweilen die Größe, einen im Moment nicht bearbeitbaren Konflikt stehen zu lassen. Daran schließt sich das dritte an und das lautet 'Zeit'. Wie kurz oder lang auch immer, irgendwann kommt die Veränderung, die eine Lösung ermöglicht."

"Was würdest du so nicht noch einmal machen?"

"Nicht mehr auf ganz so vielen Hochzeiten tanzen. Bevor ich etwas Neues anfange, würde ich mich fragen, was ich dafür lassen kann."

"Deine Arbeit bezieht sich auf kleinere und größere Einheiten einer Organisation, auf Teams, Leitungsgremien, Kirchengemeinden. Kannst du die Zeitabläufe für notwendige Veränderungen in Zahlen oder Wellenlinien ausdrücken?"

"Es ist alles eine Frage der Energie. Kirche ist immer auf dem Weg und wir werden niemals ein Stadium von Perfektion erreichen. Natürlich ist der Energiefluss in Veränderungsprozessen nicht kontinuierlich gleich hoch. Prozesse wirken in den Zyklen Feuer und Flamme – Beständigkeit – Passivität. In der Organisationsentwicklung gibt es die Regel, dass es keinen Trick, kein Handwerkszeug gibt, mit dem man alle Beteiligten gleichermaßen in Veränderungsprozesse einbeziehen kann. Und es gibt die Regel, das zu akzeptieren, ohne die Menschen dabei abzuschreiben."

"Kommt das, was in den Leitungsgremien erarbeitet wird, auch bei normalen Kirchenmitgliedern an?"

"Das ist die immer wiederkehrende Frage und Aufgabe während und nach Abschluss eines Prozesses: Wie transportieren wir unsere Arbeitsergebnisse in die Gemeinde, die Region, den Kiez, um Kirche auf dem Weg sichtbar zu machen und die Menschen mitzunehmen?"

"Lässt sich ein roter Faden in deiner Arbeit erkennen?"

"Der lautet: Organisationen und Kirchengemeinden stärken, damit sie ihre Arbeit vor Ort und im Kiez machen können. Gemeinsam verbindliche Regeln erarbeiten, die Klarheit für die Beteiligten schaffen. Diese Prozesse in gegenseitiger Wertschätzung und Akzeptanz gestalten."

"Mit welchen Gefühlen gehst du in den Ruhestand?"

"Mit Freude. Aber davor gab es eine Phase des Lösens. Auch das Loslassen ist ein Prozess, der seine Zeit braucht. Nun freue ich mich auf einen vor-übergehend unstrukturierten Alltag und ungeregelte Zeit. Ich stelle es mir großartig vor, nicht mehr gestalten, planen, reflektieren zu müssen und Zeit für die Familie zu haben."

"Eine Empfehlung für deine Nachfolgerin/deinen Nachfolger?"

"Gucken und fragen und präsent und ansprechbar sein."

Interview: Ulrike Bott

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