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17.1.2019

Der Monatsspruch im März

von E-Mail

Ein kalter Morgen im Januar. Menschen strömen zur Arbeit. Sie hasten durch die Straßen und durch die Gänge der Washingtoner U-Bahn.

Um kurz vor acht steigt ein junger Mann aus der Metro. Eine Baseballmütze auf dem Kopf. Er trägt Jeans und T-Shirt. Der Mann stellt sich an den Eingang zur Metro-Station neben einen Mülleimer, nimmt seine Geige aus ihrem Kasten und stimmt die Saiten. Ein paar Münzen in den Geigenkasten, dann beginnt er zu spielen. Fast eine Dreiviertelstunde. Über tausend Menschen gehen vorbei. Die meisten schnell, wenige verlangsamen ihre Schritte. Einige Kinder wollen gern zuhören, werden von ihren Eltern aber weitergeschoben. Sieben Menschen bleiben stehen. Eine Frau flüstert dem Fremden neben ihr zu: "Ich würde so gern hierbleiben", aber sie muss weiter. Ein anderer stoppt und bleibt stehen, weil er spürt, da ist etwas Besonderes am Werk. Am Ende hat der Geigenspieler 32 Dollar verdient.

Foto: Wodicka

Der Musiker ist Joshua Bell, einer der berühmtesten Geiger der Gegenwart. Drei Tage vorher hat er in der ausverkauften Bostoner Konzerthalle gespielt, eine Karte kostete um die 100 Dollar. Er spielt auf einer Stradivari, einer Geige, die 3,5 Millionen Dollar wert ist. Zu den Stücken, die er dort in der Metro spielt, gehört unter anderem eines der anspruchsvollsten Stücke der Geigenliteratur: die Chaconne in d-Moll von Johann Sebastian Bach. Das Programm hätte jeden Konzertsaal mehrfach gefüllt. Nur eine einzige Frau erkennt Joshua Bell. Auch sie bleibt stehen, mit einem Lächeln im Gesicht.

Auf You-Tube ist das Video des Auftritts in der U-Bahn zu sehen, es war Teil einer Kampagne der Washington Post: "Embrace the beauty around you" – Umarme die Schönheit, die dich umgibt.

Wenige Menschen haben an diesem Januar-Morgen die Schönheit umarmt, die sich ihnen da so unverhofft offenbarte. Nur wenige Menschen haben die Kostbarkeit an diesem einen Morgen bewusst erlebt. Für diese wenigen ist dieser Morgen zu einem Moment geworden, in dem sie an etwas Besonderem teilhaben durften.

Am Ende des kleinen Konzerts sagt die Frau, die Joshua Bell erkannt hat in einem kurzem Dialog mit dem Musiker: "Das kann nur in Washington passieren". Aber es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass dieses Experiment in Berlin ähnlich ausgegangen wäre.

An der Virtuosität und seinem musikalischen Genie hätten die Vorbeigehenden ihn erkennen können. Aber die Wenigsten haben es erkannt.

Gesetzt den Fall, ich wäre an diesem Januar-Morgen an dieser Washingtoner U-Bahn gewesen. Gesetzt den Fall, ich hätte nichts vorgehabt und hätte die Musik bewusst wahrgenommen – ich wäre wohl immer noch nicht stehen geblieben. Denn ich kann eine 3,5-Millionen-Stradivari nicht von einer Fiedel vom Flohmarkt unterscheiden. Für mich hören sich alle Bach-Stücke kompliziert an, und vielleicht wäre ich an dem Morgen gar nicht in der Stimmung für eine Chaconne in d-moll gewesen.

Für das Sehen und Hören braucht es manchmal ganz besondere Bedingungen. Und es ist oft ganz schön schwierig, Menschen die Augen zu öffnen.

Es stimmt ja schon, dass wir manchmal blind durch die Gegend rennen, keinen Blick haben für die sprichwörtliche Blume am Wegesrand. Offensichtlich hängt unsere Wahrnehmung nicht nur von dem ab, was wir sehen oder hören, sondern auch davon, was wir erwarten. In einer U-Bahn-Station rechnet niemand mit einem Starviolinisten wie Joshua Bell. Und darum merkt kaum jemand, was da geschieht.

Die Begebenheit in der U-Bahn-Station ist wie ein Gleichnis. Sie erinnert an die Art, wie Jesus Geschichten von Gott und der Welt erzählte. Und ich frage mich: Ist nicht Gottes Anwesenheit in unserer Welt für uns zumindest ebenso überraschend und kostbar wie der Weltklassemusiker in der U-Bahn-Station? Immer wieder gänzlich unerwartet und ganz anders als vorgestellt? Und was bedeutet das eigentlich für unser Leben und Zusammenleben?

Woran kann man eigentlich eine Christin, einen Christen erkennen? Woran lässt sich im Alltag erkennen, dass ein Mensch diesem Mann aus Nazareth nachfolgt und daran glaubt, dass Gottes Wirklichkeit diese Welt verändert? An einer besonderen Ausstrahlung, an der Kleidung, an einem freundlichen Gesicht? "Die Christen müssten mir erlöster aussehen", so spottete einst der Philosoph Friedrich Nitzsche.

In den Abschiedsreden des Johannesevangeliums hinterlässt Jesus seinen Jüngern und den Menschen, die ihm nachfolgen, seine letzten Worte. Eines von ihnen lautet: "Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr euch untereinander liebt."

Wäre es nicht schön, wenn wenigstens einige wenige erkennen würden, wer wir sind? Menschen in der Nachfolge Jesu? Menschen, die daran glauben, dass in der Gemeinschaft mit Jesus Christus eine besondere Schönheit verborgen ist?

Die Wirklichkeit ist oft nicht so. Sie ist eher wie ein kalter zugiger Morgen in der U-Bahn. Wir hasten einander vorbei, den nächsten Termin im Kopf, die Aufgabe, die auf uns wartet, die Arbeit, die erledigt werden muss. Es bleibt keine Zeit, um stehenzubleiben und durchzuatmen, innezuhalten und sich zu besinnen, wenigstens für einen Moment mein Gegenüber zu sehen.

Es ist uns aufgetragen als Christenmenschen die Augen, Herzen und Hände offen zu halten. Damit wir umarmen können, was uns gegeben ist. Die Schönheit, die darin liegt, wenn wir Menschen uns darin üben, einander so wahrzunehmen wie wir geschaffen sind: als Ebenbild des lebendigen Gottes. Damit wir als Kinder Gottes das Gute im anderen entdecken, füreinander einstehen und aufeinander achten.

Vielleicht bleibt dann doch der eine oder die andere stehen und hört und schaut. Geht dann vielleicht verändert weiter. Einen kleinen Moment von Gottes Nähe und Ewigkeit mitnehmend. Oder bleibt sogar. Weil da Menschen sind, an denen sichtbar wird, was der Evangelist Johannes uns von Jesus überliefert hat: "Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr euch untereinander liebt." Vielleicht auch an einem Morgen im März.

Pfarrer Michael Busch